Die Teilnahme bei den Oscars ist für Michael Ralla der passende Anlass, seine Garderobe aufzubessern. Bis jetzt habe er sich in der Trophäensaison noch mit seinem Abitur-Anzug von 1999 durchgemogelt, bekennt der aus Achern im Schwarzwald stammende Experte für filmische Spezialeffekte. Doch am Sonntag trägt der 46-jährige Visual Effects Supervisor einen maßgeschneiderten Smoking.
Sein Kollege Guido Wolter (44) ist aus seiner Wahlheimat Australien angereist und knapp vor der großen Gala in Hollywood gelandet. Für den Gang über den roten Teppich müsse man schon einiges organisieren, erzählt der gebürtige Dessauer. "Es ist fast schlimmer, als den Film fertig zu machen", sagt Wolter und grinst.
Traditioneller Empfang bei den Oscars
Für den Oscar-Favoriten "Sinners" (deutscher Titel: "Blood & Sinners"), der mit einer Rekordzahl von 16 Nominierungen ins Rennen um die begehrtesten Filmpreise der Welt geht, haben die beiden mit Hilfe großer Teams die visuellen Effekte geschaffen. Wenige Stunden vor der Gala im Dolby Theatre laufen sich Ralla und Wolter mit weiteren Filmschaffenden beim traditionellen Empfang für die deutschen Oscar-Anwärter der 98. Academy Awards warm – bei sommerlichen 30 Grad.
Im "The Wende Museum", das eine riesige Sammlung von Artefakten des Kaltes Krieges beherbergt, sind sie von Reportern und Kamerateams umlagert. "Ich finde es wichtig, dass man sich mit Geschichte beschäftigt", meint Ralla. "Genau das macht "Sinners" mit der amerikanischen Geschichte, die wir als Deutsche häufig nicht wirklich gut kennen."
"David und Goliath"-Situation
Der schwarze Regisseur Ryan Coogler ("Black Panther") hat einen Genre-Mix um Bluesmusik, Rassismus und Vampire in den Südstaaten um das Jahr 1930 inszeniert, in dem Michael B. Jordan die Zwillingsbrüder Smoke und Stack spielt. Kein typischer Film für visuelle Effekte, meint Wolter. "Da steckt aber eine Menge Arbeit drin, die man aber nicht sehen soll."
Der Science-Fiction-Blockbuster "Avatar: Fire and Ash" ist in dieser Sparte der Favorit und schärfste Konkurrent für "Sinners". Für Ralla ist es eine "David und Goliath"-Situation, aber einen Überraschungssieg schließt der Wahlkalifornier nicht aus.
Er feilt auch schon an einer Dankesrede, die sich um Diversität und Immigration drehen soll. Als weißer Einwanderer Teil eines schwarzen Filmteams gewesen zu sein, beschreibt der zweifache Vater als "unglaubliche Erfahrung".
Filme aus dem Iran
Der wichtigste Filmpreis Hollywoods wird inmitten einer angespannten Weltlage verliehen. Während der Iran-Krieg in die dritte Woche geht, sind zwei Produktionen von iranischen Filmemachern im Oscar-Rennen. Regisseur Jafar Panahi, der für den Thriller "Ein einfacher Unfall" in den Sparten Internationaler Film und Originaldrehbuch nominiert ist, sagte vorab, die Show sei "bedeutungslos" neben dem Kriegsgeschehen in seiner Heimat.
Die Dokumentarfilmer Mohammadreza Eyni und Sara Khaki sind mit der Doku "Cutting Through Rocks" bei den Oscars. Die deutsche Koproduktion erzählt die Geschichte einer Hebamme, die zur ersten Stadträtin ihres iranischen Dorfes gewählt wird und sich für die Rechte von Mädchen einsetzt. Schon wegen eines Einreiseverbots der Trump-Regierung könne die Protagonistin nicht zu der Verleihung kommen, erzählte Produzent Gregor Streiber von der Berliner inselfilm produktion. Sie hätten für den Film Fördergelder beschafft und die Regisseure zum Schnitt nach Berlin geholt, als es für sie im Iran zu schwierig wurde.
Der deutsche Komponist Karim Sebastian Elias schrieb die Musik für den Film. Es sei ein zutiefst politischer und menschlicher Film, der die Perspektive der einfachen Menschen im Iran zeige, die etwas verändern, sagt der Musikprofessor am Rande des Empfangs im Wende Museum.
Favoriten bei den Oscars - Deutsche Koproduktion mit neun Nominierungen
Die europäische Koproduktion "Sentimental Value", an der die Berliner Firma Komplizen Film mit den Produzenten Jonas Dornbach und Janine Jackowski beteiligt ist, holte gleich neun Oscar-Nominierungen. Das schon vielfach preisgekrönte Familiendrama des norwegischen Regisseurs Joachim Trier erhielt von der deutschen Filmförderungsanstalt 200.000 Euro. "Es war toll, dass dann ZDF, Arte und das Medienboard in Berlin an Bord gekommen sind, wir haben einen Teil der Postproduktion gemacht, auch die Komponistin Hania Rani ist aus Deutschland gekommen", erzählt Dornbach.
Nach "Sinners" ist der satirische Polit-Thriller "One Battle After Another" mit 13 Nominierungen der zweite Platzhirsch im Wettbewerb. Je neun Gewinnchancen haben das norwegische Familiendrama "Sentimental Value", der Monsterfilm "Frankenstein" und die Tragikomödie "Marty Supreme", gefolgt von "Hamnet" mit acht Nominierungen.
Vor dem Dolby Theatre, wo am Sonntagabend (Ortszeit) die Gäste über den roten Oscar-Teppich laufen sollen, wurde bis zuletzt noch dekoriert. Fernsehteams übten mit Statisten den Ablauf für Hollywoods große Nacht. Gastgeber ist – bereits zum zweiten Mal – der US-Komiker Conan O'Brien. Als Presenter sind zahlreiche Stars angekündigt: So sollen unter anderem Nicole Kidman, Sigourney Weaver, Channing Tatum, Robert Downey Jr., Anne Hathaway und Demi Moore auf der Bühne stehen.