2088 Punkte fielen diese Saison für den BBC Coburg. Die im Rückblick vielleicht wichtigsten davon fielen gleich im ersten Spiel gegen Jena. Kevin Eichelsdörfer, ein Neuzugang bei den Coburgern, hat mit drei Würfen von der Freiwurflinie die gesamte Partie in der Hand. Eine Partie, in der man bis dato keine Sekunde lang die Führung erlangen konnte. Die Zeit ist längst abgelaufen, die Uhr steht auf null.
Die Punkteanzeige hat Jena mit drei vorne. Doch Kevin, der so frisch in der Mannschaft ist, dass er noch nicht mal ein eigenes Trikot mit seinem Namen trägt, bewahrt die Ruhe. Wie selbstverständlich verwandelt er. Und verwandelt. Und ein letztes Mal. Auch in der Verlängerung ist er derjenige, der das Ruder in die Hand nimmt. Nicht umsonst, so scheint es, findet man sein Gesicht auf der Website der Beko BBL wieder. Daneben das Logo von medi bayreuth.
2088 Punkte, das bedeutet fast 95 pro Partie. Über 21 davon kommen im Schnitt von Steffen Walde. Auch Steffens Name ist jedem, der von Basketball in der Region eine Ahnung hat, ein Begriff. In der zweiten Liga spielte er in einer Saison in allen 30 Partien für seine damalige Mannschaft. Auch im erweiterten Kader der Brose Baskets findet man Steffen wieder. Nur die zweite Regionalliga, die sei für ihn eine Premiere. In dieser Premiere avancierte er für die Vestestadt zum Topscorer der 2. Regionalliga.
Es ist nicht das erste Mal, dass ein auswärtiger Spieler in Coburg zum Topscorer der Liga wird. Auch der US-Amerikaner Dejon Prejean drückte von Coburg aus der Liga seinen Stempel auf und verhalf zum Ligawechsel. Was aber macht Coburg zu einem so attraktiven Standort für den Basketball?
Um das zu verstehen, reicht ein Blick auf die Meisterschaftsfeier. Nicht etwa, weil beim offiziellen Aufstiegsspiel in Bamberg mehr Coburger in der Halle waren als Bamberger. Auch nicht, weil in der anschließenden Feier in der HUK-Arena gefühlt so viele Sektkorken flogen wie Körbe in der vorangegangen Partie gefallen waren. Nein, all das sind nur die Folgen dessen, was im Kern der Mannschaft passiert ist. All das, was zu dieser überströmenden Freude geführt hat, das begann noch lange vor der eigentlichen Saison.
Es ist Sommer 2015. Die Saison des BBC Coburg ist vor Monaten so enttäuschend ausgegangen wie nur irgend möglich. Ein einziger Korb fehlte zum klar gesetzten Ziel: Aufstieg. Viele der Spieler wussten, dass sie in der kommenden Spielzeit nicht im Trikot der Coburger auflaufen wollen würden. Offiziell aber dauert es noch eine ganze Weile, bis das Schweigen gebrochen wird. "Stand heute", so beginnt der Facebook-Post, auf den eine Aufzählung von Namen folgt, die nicht mehr für die Coburger auf Korbjagd gehen werden.
Es dauert nicht lange, da klingeln die Telefone. Die Kommentare regnen auf die Facebook-Seite ein. Es war eine schlecht durchdachte Nachricht. Eine, die viel zu spät kam und den wohl besten Fans der Liga nicht das lieferte, was sie erhofft hatten. Wie aber gelingt uns, kaum ein Jahr später, der Sprung in die erste Regionalliga? Eine - nein zwei Feiern, mit hunderten von Fans, die vollen Stolzes sagen: "Niemand hat sich das mehr verdient!"? Einen Teil der Antwort findet man auf Platz neun in der Scoring-Liste der Liga. Coburgs Aufbauspieler Yasin Turan, mit fast 15 Punkten pro Partie so untypisch für einen Aufbauspieler, wie außergewöhnlich für seine Größe. Binnen weniger Minuten nach Anpfiff erkennt man, dass niemand das Spiel so ernst nimmt wie Yasin. Jedes Spiel ist das wichtigste.


Medialer Aufwand steigt

Vergangenes Jahr, nach der Auswärtsreise nach Zwickau, war es er, der sich die Tränen direkt nach dem Schlusspfiff als erster nicht mehr verkneifen konnte. Nächstes Jahr, das hatte er sich selbst versprochen, sollten es Freudentränen sein. Dass das in Coburg passieren würde, das lag zu einem großen Teil daran, dass Yasin seine Freunde, alte Bekannte, ehemalige Konkurrenten, aber im Geiste immer Mitstreiter - Kevin und Steffen - davon überzeugen konnte, dass es sich lohnt, in der Vestestadt alles zu geben. Selbst Daniel Stawowski, den es ein halbes Jahr nach Speyer verschlagen hatte, fand seinen Weg zurück zu seinem Mitbewohner und Freund.
Auch Conner Nord, der leider nur eine halbe Saison bleiben konnte, verdankt seine Einsatzzeit in der HUK-Coburg-Arena, einer Prise Pech, einer Prise Glück und einer Prise Turan-Walde. Ein gemeinsamer Kontakt der beiden vermittelte den US-Amerikaner, der einer Pro-B-Mannschaft zu klein geraten war, an die Coburger weiter. Conner wollte unbedingt in Deutschland spielen, ob in der zweiten Liga oder eben der zweiten Regionalliga. Was Conner da aber erwarten würde, damit konnte er nicht rechnen. Hunderte von Zuschauern bei jedem Spiel. Fotografen, die exklusiv für die Mannschaft fotografierten und sogar Videos von fast jeder Partie, die man mit der Familie zu Hause teilen konnte. "Meine Familie liebt es, wenn sie auf BBC-TV sehen kann, was ich in Deutschland so mache. Da kommt man sich vor wie ein Profi", so der junge Forward/Center aus Minnesota, der daraufhin sogar seine Freundin und Familienmitglieder einfliegen lässt. Die Atmosphäre in der Arena muss man live erlebt haben.
Hier findet man einen weiteren Teil der Antwort. Der mediale Aufwand, der im Verein betrieben wird, ist mit den Jahren immer weiter gestiegen. Das Video-Format, in dem aus der Arena berichtet wird, hat sich selbst der HSC schon einmal ausgeliehen. Der Internet-Auftritt ist ein vollkommen neuer, die Portraits der Spieler haben selbst denen der Profis einiges voraus. All das spiegelt sich in den Besucherzahlen wieder. Sowohl im Internet - seien es die Videos, die Bilder oder einfach Spielberichte - als auch in der Halle. Die Mannschaft ist an die Fangemeinde gewachsen wie noch nie. Doch BBC-TV beschränkt sich nicht mehr nur noch auf die Arena. Die Spieler bekommen damit die Gelegenheit, direkt mit Sponsoren, Unterstützern und Fans zu arbeiten. Die Mannschaft bekommt damit Gesichter. Ganz reale, nahbare. Menschen, mit denen man sich identifizieren kann, mit denen man die Enttäuschung eines verpassten Aufstieges erleidet. Oder aber, ein Jahr später, die Freudentränen teilt.
Die Motivation, die alle Spieler der Mannschaft, der Trainerstab, die Fans, Unterstützer und Eltern mit uns - dem Presse- und Medienteam, teilen, ist simpel: Es geht nicht einfach darum, einen Basketballstandort zu kreieren, oder in die höchstmögliche Liga aufzusteigen. Es geht darum, eine große Familie zu bilden. Eine, die Höhen und Tiefen gleichermaßen teilt. Ob im Regen oder unter der Sektdusche. Julian Uebe