Er ist der mächtigste Mann der Türkei, gilt dort als einflussreichster Politiker seit Atatürk, wird gehasst und verehrt: Recep Tayyip Erdoğan herrscht im Land zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer seit über zwei Jahrzehnten. Weil er dabei seine Macht immer wieder zu festigen verstand, gilt er vielen als Feindbild. Und doch ist der 72-Jährige bis heute in seiner Heimat und auch bei vielen türkischstämmigen Bürgern in Deutschland populär. Warum das so ist, und welcher Mensch hinter der Fassade steckt, ergründet nun eine Dokureihe im Ersten. In vier Teilen wird unter dem simplen Titel "Erdoğan" der Weg vom Istanbuler Bürgermeister zum zwischenzeitlich politischen Gefangenen und schließlich zum türkischen Präsidenten nachgezeichnet.
Die Filmemacher Michael Wech und Kristina Karasu nähern sich dem türkischen Präsidenten vor allem anhand der Berichte einstiger Begleiter und Vertrauter, die sich hier zum Teil erstmals äußern. Zu Wort kommen unter anderem Politiker wie der ehemalige stellvertretende türkische Ministerpräsident Bülent Arinç, Ex-US-Verteidigungsminister Leon Panetta sowie Martin Schulz, der Ex-Präsident des Europäischen Parlaments. Bislang unbekannte Einblicke in Laufbahn, Charakter, Motivation und Psyche Erdoğans liefern auch sein früherer Privatsekretär Turhan Çömez, sein Ex-Kulturminister Ertugrul Günay, AKP-Mitgründerin Fatma Bostan und Nihal Olçok, die Witwe seines einstigen Wahlkampfplaners. Einordnungen liefern auch scharfe Regime-Kritiker wie Journalist Deniz Yücel, der sich 2017 für ein Jahr lang in türkischer Untersuchungshaft befand.
Welche Rolle spielt die deutsch-türkische Community?
"Er hat ein Land geschaffen, das nach seinen Regeln funktioniert", heißt es in der kritischen Doku. Gerade aus westlicher Sicht erscheint Erdoğan immer wieder als Rätsel: Wie schaffte er es bei allen Rückschlägen und Niederlagen, immer wieder zurückzukehren? Wie gelang es ihm, Strukturen und historische Momente zu seinen Gunsten zu nutzen und zu gestalten? Mit welcher Strategie wurde er zum nahezu unangefochtenen Machthaber, wie hält er das so entscheidende Militär in der Spur, und wie blickt er - changierend zwischen Reformismus und Anpassung - auf das laizistische Erbe von Staatsgründer Atatürk? Auf der Suche nach Antworten blickt der Vierteiler, dessen erste beiden Folgen das Erste auch linear ausstrahlt und der komplett in der Mediathek abrufbar ist, anhand von Interviews und sehenswerten Archivaufnahmen auf die Karriere Erdoğans mitsamt aller Zäsuren. Die Rolle seiner Familie wird ebenso wenig ausgespart wie jene der deutsch-türkischen Community hierzulande.
Im ersten Teil "Ein Mann des Volkes", den die ARD am Mittwoch, 8. Juli (22.50 Uhr) zeigt, geht es um Erdoğans Aufstieg - beginnend mit seinem überraschenden Sieg bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul 1994, die er mit Hilfe der weiblichen Stimmen für sich entscheidet. Vielen gilt er, der den Unterdrückten angeblich eine Stimme geben will, als Hoffnung des Landes. Andere wiederum halten eine Nähe zu islamistischen Strukturen für nicht ungefährlich. Schließlich, nachdem er sich mit dem damals allmächtigen Militär anlegt und mangelnde Religionsfreiheit anprangert, muss er ins Gefängnis.
Alle Folgen in deutscher und türkischer Sprache
Doch Erdoğans Karriere geht gerade erst los, wie der im Anschluss gezeigte zweite Teil "Gegen alle Widerstände" (Mittwoch, 8. Juli, 23.20 Uhr) nachzeichnet. Schon als er seine Haftstrafe antritt, wird er von der Masse bejubelt. Als er nach vier Monaten freigelassen wird, herrscht in der Türkei Chaos: Die Ökonomie ist am Boden, ein Erdbeben erschüttert das Land, die Regierung scheint ohnmächtig. Erdoğan nutzt - wie in der Folge noch öfter - die Gelegenheit und setzt auf die Wut der Bevölkerung. Und obwohl er mit einem Politikverbot belegt ist, gelingt ihm nach der Gründung der AKP der Aufstieg zum Premierminister. "Er war wie ein guter Teig, man konnte Börek aus ihm machen, oder Baklava", beschreibt Nihal Olçok die Wandlungsfähigkeit des Erdoğan von damals.
Doch die Herausforderungen wachsen: Auf Reformen und Annäherung an die EU folgt die Abwendung Europas von Erdoğan. Wie er das am Scheideweg stehende Land lenkt, und wie zentrale Zäsuren von den Protesten im Gezi-Park 2013 bis zum Putschversuch 2016 seine Macht festigen, thematisieren die Episoden 3 und 4.
Alle vier Folgen stehen in der ARD-Mediathek in deutscher und türkischer Fassung zum Abruf bereit.
Erdoğan - Mi. 08.07. - ARD: 22.50 Uhr
Quelle: teleschau – der mediendienst