"Ein Mann lag in seinem Zimmer, im Hotel Imperial, mit den Nerven wurd' es schlimmer, jede Nacht 'ne neue Qual. Dieses Leben ist so arm, ferngesteuerte Quälerei. Öffne die Flasche Nummer drei."
So singt Udo Lindenberg in "Unterm Säufermond". Er schrieb das Lied 1991 für die LP "Gustav", seinem Vater gewidmet. Der war Trinker gewesen, aber der Text des Liedes trug auch autobiografische Züge. Von Mitte der 80er- bis Mitte der 90er-Jahre war der Rausch ein ständiger Wegbegleiter Lindenbergs.
In der zu seinem 80. Geburtstag erscheinenden ARD-Dokumentation "UDO Rebell. Rockstar. Ikone." (Montag, 18. Mai, 20.15 Uhr, ARD und ab sofort in der ARD-Mediathek) sagt sein langjähriger Weggefährte und Panikorchester-Bassist Karl-Georg "Steffi" Stephan, warum er damals seinen Freund verließ: Er habe nicht mit ansehen wollen, "wie der beste Freund sich tot trinkt".
Die gute Nachricht, natürlich: Udo lebt. Aber, das sagt er in der Doku von Cornelia Quast selbst, es war öfter mal knapp. "Gut, dass man das alles überlebt hat." Udo lebte den Rock'n'Roll-Lifestyle. "Alkohol war immer dabei", sagt Udo. "Es war ne wilde Zeit", sagt Stephan. Aber es gab einen Unterschied. Steffi Stephan: "Ich hatte kein Suchtpotenzial. Ich konnte das einfach weglegen. Das ist bei Udo nicht so gegangen. Leider."
Freunde in Sorge: Udo Lindenberg hätte sich beinahe "tot getrunken"
Schon der Tod seiner geliebten Mutter Hermine 1979 hatte Lindenberg aus dem Gleichgewicht geworfen, Ende der 80er lief alles aus dem Ruder. In der Doku berichtet Lindenberg-Freund Benjamin von Stuckrad-Barre, dass die Plattenfirma extra einen "Typen einstellte, der aufpassen sollte, dass Udo nicht so viel säuft". Lindenberg stimmte zu, wollte aber den Menschen selbst auswählen, weil er ihm ja vertrauen müsse. Das Ergebnis: "Udo wählte einen Alkoholiker als Aufpasser und ist mit ihm saufen gegangen."
Viel zu viel Alkohol, viel zu viel Party. Darunter litt auch die musikalische Qualität. Obwohl Lindenberg unbeirrt kreativ fast jährlich ein Album veröffentlichte, brach der Erfolg ein. "Götterhämmerung" war 1984 noch Nummer drei, danach schaffte es lange Zeit kaum ein Album in die Top 20.
Die Journalistin Nora Gantenbrink berichtet in der Doku, dass sie Udo einst fragte, wie das in seiner schlimmen Zeit gewesen sei. "Warst du glücklich?" Udo habe geantwortet: "Kein Mensch, der über vier Promille hat und zwei Flaschen Whisky trinkt am Tag, ist glücklich."
Udo Lindenberg: Mit dem 34. Album schaffte er die erste Nummer eins
"Ich gehöre zu den Leuten, die dazu neigen, ein paar Sachen extremer anzugehen, so auch den Alkohol", umschreibt es Lindenberg in der 90-minütigen Dokumentation. "Als es dann etwas herber wurde und ich ein paar Mal im Jahr zur Entgiftung im Krankenhaus landete", habe er den radikalen Cut gemacht. "Törn dich irgendwie anders an", habe er sich gesagt. Stuckrad-Barre sieht es so: "Udo ging das Wagnis ein, nüchtern zu bleiben."
Es lohnte sich. Denn mit der Klarheit kam auch wieder die echte Kreativität. 2006 begann er mit dem Produzenten Andreas Herbig die Arbeit an dem neuen Album. Es wurde "Stark wie Zwei" (2008) - und erfolgreich wie nie: Im Alter von 62 Jahren landete Lindenberg mit seinem 34. Studioalbum erstmals auf der Nummer eins. Seither ist Lindenberg wieder voll da, ohne voll zu sein. Auch Album Nummer 35, "Stärker als die Zeit", toppte 2016 die Charts. Und die (vorläufige) Krönung: "Komet", das Single-Projekt mit Apache 207 stürmte 2023 die Charts. Die erste Nummer-eins-Single mit 76 Jahren.
Da war sogar Lindenberg aufgeregt. Sängerin und Freundin Ulla Meinecke berichtet. "Ich hab mich so gefreut für ihn. Aber auch gesagt: 'Wozu die Aufregung? Kaum 50 Jahre im Geschäft - schon haste ne Nummer eins!'"
Quelle: teleschau – der mediendienst