Am 26. April 1986 explodierte um 01.23 Uhr nachts der Reaktor 4 des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl. Viele Jahre hat Igor Kirschenbaum über das Unglück geschwiegen. "Ich wollte nach vorne schauen und nicht zurück", erklärt er in der dreiteiligen ARTE-Dokumentation "Tschernobyl - Der Insiderbericht". Nun, 40 Jahre später, spricht er - wie einige weitere Überlebende - erstmalig über die Katastrophe.
"Einige Sekunden herrscht Stille. Dann ein Donner. Noch ein Knall. Staub fällt von der Decke", erinnert er sich. 28 Jahre alt war Kirschenbaum, als sich der Unfall ereignete. Damals arbeitete er als Turbineningenieur in Block 4. "Der Unfall hat uns geprägt", sagt er heute. "Wir unterscheiden in 'vor dem Unfall' und 'nach dem Unfall'. Wir hatten unserer Regierung vertraut, unserer Wissenschaft und ihrem Versprechen. Aber wir waren blind für die Gefahren."
Im Film schildert er unter anderem, wie einer seiner Kollegen durchnässt und stöhnend in den Raum kam. "Sie brachten ihn weg, dann starb er." Kirschbaum selbst habe nur überlebt, weil ihn ein Vorgesetzter vom Unfallort schickte. Er habe ihm "das Leben gerettet", weiß der frühere Turbinentechniker.
"Manchmal, abends an einem 26. April, muss ich weinen"
Lange wurde die Schwere des Unglücks verheimlicht. Feuerwehrleute, die den Brand im Reaktor 4 löschen sollten, wussten nichts von der Gefahr, der sie ausgesetzt waren. "Die Feuersäule schoss senkrecht in den Himmel", erinnert sich nun Petro Shvarey an den Anblick, der sich ihm als Feuerwehrmann bei dem Einsatz bot. Gefürchtet habe er sich nicht, betont er: "In so einer Situation funktioniert man, denkt nicht an Angst", stellt Shvarey klar. "Die kam später."
Auch Petro Khmel zählte zu den Feuerwehrleuten, die noch in der Nacht des Unglücks nach Tschernobyl eilten. Viele seiner Kollegen hätten den Einsatz abbrechen müssen: "Einer nach dem anderen sagte: 'Mir ist schlecht.' Ich schickte sie runter und die Krankenwagen brachten sie weg." Auch Khmel selbst hatte nach dem Einsatz "schwere Verbrennungen an den Beinen". Dann, erzählt der Überlebende, sei ihm plötzlich selbst übel geworden. "Ich verlor das Bewusstsein. Als ich zu mir kam, war ich bereits im Krankenhaus."
Einige Tage später sei er in einer Klinik in Moskau behandelt worden. "Alles wurde untersucht: Verdauungsorgane, Nervensysteme, die Ärzte ließen nichts aus", erzählt Khmel. "Ich schaute in den Spiegel. Meine Haare fielen aus." Eines habe ihn besonders getroffen: "Als ich meinen Schnurrbart anfasste, fiel er einfach aus. Ich habe wirklich geweint."
Auch der Verlust seiner Kollegen habe ihn schwer getroffen: "Wir waren Freunde. Wir gingen zusammen in die Disco. Ich hätte nie gedacht, dass uns so etwas zustößt, dass ich sie nie wiedersehen würde." Bis heute setze ihm der Gedanke an die Katastrophe zu: "Manchmal, abends an einem 26. April, muss ich weinen."
"Die Ukrainer waren immer standhaft"
Die damalige Sowjetunion versuchte lange Zeit, die wahren Vorkommnisse zu verheimlichen. Auch das skizziert der Doku-Dreiteiler. "Vor meiner Tür saß immer ein KGB-Mann", erzählt Petro Khmel von seiner Zeit im Moskauer Krankenhaus." Als er versucht habe, seiner Familie per Brief seinen Aufenthaltsort mitzuteilen, sei dies verhindert worden. "Es hieß, die Station sei abgeriegelt."
Erst nach dem Ende der Sowjetunion kam die nicht unkomplizierte Wahrheit über die Notabschaltung, die zur Kernschmelze führte, heraus. Auch die ARTE-Dokumentation lässt weder Zweifel daran, dass Konstruktionsfehler Ursache des Unglücks waren, noch daran, dass die Katastrophe bei den Überlebenden bis heute tiefe Spuren hinterlassen hat.
"Als wir Tschernobyl verließen, war ich ein Kind und einer Situation ausgeliefert, die auch Erwachsene schwer ertragen", erklärt etwa Olena Mokhnyk, die als Achtjährige im zwei Kilometer entfernten Pripjat lebte, als es zur Explosion kam. "Ich hörte ständig von Todesfällen. Freunde, Nachbarn, Kollegen. Es waren junge Menschen. Es war die Strahlung", ist sie überzeugt. "Aber die Ärzte sagten es nicht." Es sei "ein stiller Krieg" der Sowjetunion gewesen, befindet Mokhnyk, die nicht zuletzt deshalb Parallelen zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine zieht: Es fühle "sich an, als würde sich das Ganze wiederholen. Wieder müssen wir unser Zuhause verlassen."
Seit der russischen Invasion im Jahr 2022 leben Mokhnyk und ihre Familie in Luxemburg. "Ich hatte für meine Kinder Besseres erhofft, aber vergeblich. Ich möchte meine Kinder anpassungsfähig und standhaft machen", betont die 48-Jährige. "Die Ukrainer waren immer standhaft."
Zu sehen gibt es alle drei Teile von "Tschernobyl - Der Insiderbericht" am Dienstag, 14. April, um 20.15 Uhr, bei ARTE. In der Mediathek ist die Dokumentation bereits vorab abrufbar.
Quelle: teleschau – der mediendienst