Frankfurt und Hochhaus - das passt bekanntlich zusammen. Im "Tatort: Fackel" jedoch, dem dritten Fall von Hamza Kulina (Edin Hasanovic) und Maryam Azadi (Melika Foroutan), sieht man keine glitzernden Bankentürme, sondern ein etwa 50 Meter hohes Wohnhaus. Und das steht in Flammen. Fünf Jahre ist es her, da gab es im fiktiven Frankfurter Goliathviertel, aus dem auch Kommissar Kulina stammt, einen Großbrand. 13 Menschen, darunter die Mutter von Hamzas Ex- und Jugendfreundin Almila Adak (Seyneb Saleh), kamen dabei ums Leben. Nun befindet sich ein Untersuchungsausschuss auf den letzten Metern, der die Brandursache klären soll.
Besonders unter Druck steht dabei Unternehmer Steffen Böttcher (Stephan Luca). Dessen Firma hatte seinerzeit billigen und leicht entflammbaren Dämmstoff verbaut, als das Hochhaus klimasaniert wurde. Die Angehörigen der Opfer haben Böttcher als Schuldigen ausgemacht und lauern ihm vor dem Gerichtsgebäude auf. Der Beschuldigte, seine Ehefrau Simone (Katharina Heyer) und deren Anwälte betonen jedoch seine Unschuld. Weil Almila Angst hat, dass der in wenigen Tagen endende Untersuchungsausschuss ohne Ergebnis und die Opfer damit ungesühnt bleiben, bittet sie Hamza Kulina, den Fall noch einmal aufzurollen.
Immerhin finden Kulina und Azadi schnell eine Spur. Ein Brandgutachter von damals beging wenige Monate nach der Katastrophe Selbstmord. Seine Kollegin Andrea Hofer (Nadja Bobyleva) übernahm den Fall. Untersucht wurde der Tod ihres Vorgängers vom erfahrenen Kommissar Christian Möller (Michaek Schenk). Ihm werfen Kulina und Azadi vor, ein bisschen zu sehr "Dienst nach Vorschrift" geschoben und nicht allzu tief gegraben zu haben. Doch Kollegenschelte kommt bei der Frankfurter Polizei wie fast überall bekanntlich nicht gut an. Trotzdem besteht die gewohnt kühle Polizeichefin Sandra Schatz (Judith Engel) darauf, dass sämtlichen Spuren rund um die Brandkatastrophe mit Hochdruck nachgegangen wird. Dann jedoch gibt es sogar Widerstand aus der Politik ...
Inspiriert vom Brand im Londoner Grenfell Tower mit 72 Toten
Der dritte Frankfurt-Fall mit Edin Hasanovic und Melika Foroutan wurde mit dem zweiten ("Tatort: Licht") am Stück gedreht. Regie führte bei beiden Routinier Rick Ostermann ("Hundertdreizehn"). Beim Drehbuch von Sebastian Heeg und Tom Schilling jedoch gibt es ein Debüt: "Tatort: Fackel" ist die erste realisierte Langfilm-Drehbucharbeit von Schauspielstar Tom Schilling. Nach dem überragenden - und mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten - ersten Fall "Dunkelheit" über einen Serienkiller und den seelischen Spuren, die seine Taten bei den Angehörigen hinterließen, erzählte der zweite Fall, "Tatort: Licht", vom Schmerz jener, die nicht wissen, was aus Verschwundenen geworden ist. Man erinnere sich: Kulina und Azadi, zwei empathische Ermittler, die von Foroutan und Hasanovic auch wunderbar menschlich "normal" gespielt werden, arbeiten im Keller ihres Frankfurter Polizeigebäudes an Altfällen, die neu aufgerollt werden. Hier ist es nun also eine Brandkatastrophe und deren Untersuchung, die den Plot zu einer Erzählung über Schuld und den Umgang mit ihr liefern.
Die Geschichte, die zum Teil von der Brandkatastrophe im Londoner Grenfell Tower aus dem Jahr 2017 mit 72 Toten inspiriert wurde, ist nicht nur ein gut gebauter Kriminalfall sowie ein Gedankenspiel über den Umgang mit Schuld und Trauer, sondern auch ein Politstück: Es geht um das Herausstehlen aus der Verantwortung, dem große Unternehmen und Konzerne bisweilen zum Wohle des eigenen Geldbeutels und der Shareholder erliegen, auch wenn die menschliche Moral etwas anderes verlangen würde.
Zudem gibt es im Krimi auch angedeutete Bande zwischen Wirtschaft und Politik, die durchaus subtilen oder auch mal handfesten Druck auf die Ermittlungen ausüben. Dies alles führt zu einem spannend erzählten Kriminalfall und Politthriller, auch wenn "Tatort: Fackel" wie auch der zweite Film "Licht" nicht ganz die lichten Qualitätshöhen des Debüts "Dunkelheit" erreichen. Dennoch: Diesen Ermittlern, bei denen Kulina und seine multikulturell geprägte Nachbarschaft diesmal im Fokus stehen, schaut man einfach gerne zu. Frankfurts Keller-Kommissare sind aufrechte Menschen, die man gerne zum Freund hätte. Etwas, das die Zuschauer-Seele nicht nur beim ARD-Sonntagskrimi um 20.15 Uhr sicher gut gebrauchen kann.
Tatort: Fackel - So. 22.03. - ARD: 20.20 Uhr
Quelle: teleschau – der mediendienst