"Ich habe halt eben mehr Familienmitglieder als Normale", sagt Oskar und bringt damit auf den Punkt, was seine Familie so besonders macht. Für die ZDF-Reportage "37°: Meine ziemlich bunte Familie" wurde der zehnjährige Junge mit der Kamera begleitet.

Gemeinsam lebt Oskar mit seiner Mutter Judith, ihrer Partnerin Rita und seinem Stiefbruder Valentin in München. Rita und Judith sind seit fünf Jahren ein Paar. Beide Jungen stammen aus früheren Beziehungen. Der Begriff "Regenbogenfamilie" gefällt Oskar besonders gut. "Es zeigt halt eben, dass sie bunt ist - verschieden", erklärt er. Dass es während der Dreharbeiten noch zu einer Trennung kommen wird, die Oskars Leben gewaltig auf den Kopf stellt, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

In einer Regenbogenfamilie wachsen Kinder auf, deren Eltern lesbisch, schwul, trans oder nichtbinär sind. Oskars Familienkonstellation ist dabei besonders vielfältig. Neben seiner leiblichen Mutter Judith hat er noch eine weitere Mutter, seine Adoptivmutter Andrea. Im Wochenrhythmus pendelt der Junge zwischen beiden Frauen hin und her. Wenn wichtige Entscheidungen anstehen, setzen sich die Mütter, die einst verheiratet waren, zusammen und besprechen alles gemeinsam.

"Ich kann halt kein männliches Vorbild sein"

Für Oskar steht bald der Wechsel auf die weiterführende Schule an. Für Mutter Judith ein emotionaler Schritt. Das bereite ihr "Bauchkribbeln", sagt sie. Besonders die bevorstehende Pubertät beschäftigt sie. Diese werde "eben schwierig, wenn man anders ist", befürchtet die 41-Jährige. Das Sorgerecht teilen sich Judith und Ex-Frau Andrea. Doch auch Stiefmutter Rita sowie zwei Väter übernehmen Verantwortung für den Jungen.

Alle zwei Wochen verbringt Oskar Zeit bei Herbert und dessen Ehemann Christian, die ebenfalls in München leben. Herbert ist Oskars leiblicher Vater. Kennengelernt haben sich Herbert, Judith und Andrea einst auf einer Vernissage. Dort tauschten sie Telefonnummern aus. Vier Wochen später klingelte Herberts Telefon. Judith fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, Vater ihrer Kinder zu werden.

"Ich war sehr überrascht", erinnert sich Herbert. Nach einiger Zeit habe er beschlossen, dass er es "probieren könne". Von Anfang an sei klar gewesen, dass Herbert eine aktive Rolle in Oskars Leben spielen würde. "Ich bin nicht der Überzeugung, dass es gut ist, wenn ein Kind nicht weiß, wer sein Vater ist", sagt er. Auch Judith hält männliche Bezugspersonen für wichtig. "Ich kann halt kein männliches Vorbild sein", erklärt sie.

Zwischen Trennungen und Schulanfang

Doch während der Dreharbeiten nimmt das Familienleben eine unerwartete Wendung. Rita trennt sich von Judith. Für Oskar bedeutet das einen schmerzhaften Einschnitt. Gemeinsam mit seiner Mutter zieht er vorübergehend zu Andrea, bis Judith eine eigene Wohnung findet. Besonders die Trennung von seinem Stiefbruder Valentin belastet den Jungen.

Trotz aller Veränderungen beginnt für Oskar ein neuer Lebensabschnitt. Der erste Schultag an der weiterführenden Schule steht bevor. Seine zwei Mütter und zwei Väter begleiten ihn an diesem wichtigen Tag. Fünf Monate später hat Judith eine neue Wohnung gefunden. In seiner neuen Klasse hat Oskar bislang noch nicht erzählt, wie seine Familienkonstellation aussieht. Ein Thema, das ihn weiterhin beschäftigt.

Kind soll von beiden Müttern gestillt werden

Während Oskar bereits mitten im Alltag seiner Regenbogenfamilie steckt, beginnt für Jasmin (39) und Lara (35), weitere Protagonistinnen der ZDF-Reportage, gerade ein neues Kapitel. Die beiden Frauen aus Köln sind seit einem Jahr verheiratet und erwarten ihr erstes gemeinsames Kind. In Österreich spendete Jasmin ihre Eizelle, Lara trägt das Kind aus. So sind beide Frauen auf besondere Weise an der Schwangerschaft beteiligt. "Lara schwanger zu sehen ist für mich ein totales Geschenk", erzählt Jasmin. Es mache sie "stolz", dass sie nun durch Lara zur Mutter werde.

Auch Lara empfindet die Situation als etwas Besonderes. Sie sei stolz darauf, Jasmins Gene in sich zu tragen und daran zu denken, dass das Kind vielleicht einmal Jasmins Augen haben könnte. Bei diesen Worten kommen Jasmin die Tränen. Den beiden Frauen ist es wichtig, aktiv an der Versorgung ihres Kindes beteiligt zu sein. Deshalb unterzieht sich Jasmin einer Hormonbehandlung, um ebenfalls stillen zu können. Dafür nimmt sie täglich neun Tabletten.

Die "politische Lage" bereitet den Müttern "Sorgen"

Doch die Vorfreude wird von Sorgen begleitet. Besonders die gesellschaftliche Entwicklung bereitet ihnen Kopfzerbrechen. "Wenn wir eben auch auf die politische Lage im Land gucken, machen wir uns da schon auch große Sorgen. Wie wird das aussehen, wenn unser Kind vier Jahre alt ist und wir andere Einflüsse in der Regierung feststellen?", fragt sich Jasmin.

Die Unsicherheit ist spürbar. Gleichzeitig gibt ihnen ihre Heimatstadt Köln Halt. Hier müssten sie sich "keine Sorgen machen, händchenhaltend durch die Stadt zu gehen". Nach der Geburt folgt jedoch die Ernüchterung. In der Geburtsurkunde wird zunächst nur Lara als Mutter eingetragen. Das deutsche Abstammungsrecht sieht zwei Mütter nicht vor. Für Jasmin fühlt sich das "ungerecht an". Während sie ihre Tochter stillt, spricht sie offen über ihre Gefühle. Je intensiver sie sich mit der rechtlichen Situation auseinandersetzt, desto größer werde ihre Wut. Sie fühle sich "einfach nicht gesehen".

Der einzige Weg zur rechtlichen Elternschaft führt über eine Stiefkindadoption. Dafür müssen zahlreiche Prüfungen und Gutachten durchlaufen werden, bevor das Familiengericht eine Entscheidung treffen kann. Acht Monate nach der Geburt ist es schließlich so weit. Der Gerichtstermin steht an. Die Anhörung dauert nur wenige Minuten. Danach herrscht Erleichterung. Endlich sind beide Frauen nicht nur im Herzen, sondern auch vor dem Gesetz die Eltern ihrer Tochter.

"37°: Meine ziemlich bunte Familie" ist am Dienstag, 16. Juni, um 22.15 Uhr im ZDF zu sehen und bereits vorab in der Mediathek.

Quelle: teleschau – der mediendienst