"Meine Schwester ist meine Mutter, mein Vater ist gleichzeitig mein Großvater, aber auch ihr Vater", erklärt Ulrike M. Dierkes zu Beginn der ZDF-Doku "37°: Kein Kind der Liebe" und beschreibt damit ihr tragisches Schicksal. Erst im Alter von elf Jahren erfuhr die heute 69-Jährige, dass ihr Vater ihre älteste Schwester über Jahre hinweg misshandelt hat. Seit ihrem siebten Lebensjahr war die Schwester, welche zugleich ihre Mutter ist, vom eigenen Vater vergewaltigt worden. Die Ehefrau des Täters schwieg lange Zeit, ehe es schließlich zur Verurteilung des Vaters kam.

Als ihre Mutter mit 13 Jahren schwanger wurde, erwog man eine Abtreibung, "um einfach das Verbrechen damit aus der Welt zu schaffen", erklärt Ulrike vor der Kamera gefasst. Doch dazu kam es nicht mehr: Ihre Mutter war bereits im sechsten Monat mit ihr schwanger. Den entscheidenden Hinweis lieferte schließlich ein Dorfbewohner, der die Polizei darauf aufmerksam machte, dass es sich um ein Verbrechen des eigenen Vaters handeln könnte. "Meine Geburt war nun der Beweis, dass der eigene Vater die eigene Tochter vergewaltigt hatte", schildert es Ulrike.

Ein System, das sich nur von außen knacken lässt

Als Kind habe sie geglaubt, dass der "Storch die Kinder bringt". Dass ihre Mutter zugleich ihre Schwester ist und ihr Vater auch der Großvater, habe sie lange nicht einordnen können. Dieses Verständnis, so Ulrike rückblickend, "dauert". In der ZDF-Reportage beschreibt sie "Inzest" als ein geschlossenes System, das nur von außen aufgebrochen werden könne.

Heute ist Ulrike in dritter Ehe verheiratet. Zum ersten Mal habe sie einen Partner an ihrer Seite, der ihre Vergangenheit kenne und akzeptiere. Auch gegenüber ihren Kindern gehe sie offen mit ihrem Schicksal um. 1996 gründete sie den Verein M.E.L.I.N.A. Inzestkinder/Menschen aus VerGEWALTigung e. V. Rund vier Hilfesuchende im Monat wenden sich an die Organisation, die als einzige ihrer Art in Deutschland gilt. Für ihr Engagement wurde Ulrike M. Dierkes 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

"Man fühlt sich wertlos"

Winfried Behlau spricht erst seit wenigen Jahren offen über sein Schicksal. Der 80-Jährige ist das Kind eines Kriegsverbrechers. Seine Mutter wurde von einem sowjetischen Soldaten vergewaltigt. Trotz eines versuchten Schwangerschaftsabbruchs kam 1946 Winfried zur Welt. Bis zu seinem 13. Lebensjahr wusste er nicht, dass er aus einer Vergewaltigung heraus gezeugt wurde. Auch seine Frau erfuhr erst spät von seiner Last.

"Es ist nach wie vor so ein Teufelskreis. Man fühlt sich wertlos", sagt er rückblickend und erklärt damit, warum er über seine Last so lange geschwiegen hat. Vor seiner Hochzeit habe ihm seine Mutter einen Brief gegeben, in dem sie ihm schrieb, dass sie ihn nicht mehr missen wolle und ihn liebe.

Jahrzehnte später öffnete er sich schließlich einer Fremden, einer Reporterin einer Kirchenzeitung. Dieser Schritt habe etwas in ihm verändert, sagt Winfried. Die jahrelangen Depressionen und Suizidgedanken begannen nachzulassen, eine Entwicklung, die auch seine Frau wahrnahm. "Es hilft zu heilen, wenn man den Mut hat, zur eigenen Geschichte zu stehen und sie auch auszusprechen", brekräftigt Winfried.

"Dann würde ich heute nicht leben"

Er hätte sich gewünscht, früher mit seiner Mutter über seine Herkunft sprechen zu können. Bis heute fragt er sich, wann genau ihre Liebe zu ihm begonnen hat. In der Reportage reflektiert er, dass möglicherweise auch die damalige lange Stillzeit der Mutter ihre Beziehung geprägt habe.

"Wenn ich die beiden nicht gehabt hätte, dann würde ich heute nicht leben. Aber auch nicht lieben und auch nicht geliebt werden", resümiert er am Ende der Doku über seine Mutter und ihren Vergewaltiger.

In Deutschland steigt die Zahl gemeldeter Vergewaltigungen. Seit 2018 ist sie um 72 Prozent gestiegen. Viele Betroffene scheuen jedoch eine Anzeige, besonders dann, wenn der Täter aus dem eigenen Umfeld stammt.

(Wenn Sie selbst depressiv sind, Selbstmord-Gedanken haben, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.)

Quelle: teleschau – der mediendienst