Welche Möglichkeiten die digitale Technik im Film bietet - immer wieder erstaunlich. Am Computer erzeugte Bilder von Tieren wirken inzwischen oft wie aus einer National-Geographic-Dokumentation. Mit dem futuristisch angehauchten Actionthriller "Gemini Man" bewiesen Regisseur Ang Lee ("Brokeback Mountain") und seine kreativen Mitstreiter vor wenigen Jahren, dass aus dem Rechner stammende Menschen ebenfalls völlig authentisch aussehen können und quasi nicht mehr von echten Schauspielern zu unterscheiden sind. ProSieben widerholt den Film aus dem Jahr 2019 nun zur besten Sendezeit.

Revolutionäre Kraft besitzt Lees Werk auch deshalb, weil er wie schon in "Die irre Heldentour des Billy Lynn" (2016) auf die weiterhin umstrittene High-Frame-Rate-Technik setzt. Während die meisten Filme traditionell mit 24 Bildern pro Sekunden gedreht und abgespielt werden, experimentiert der Oscar-Preisträger in "Gemini Man" abermals mit einer deutlich höheren Bildwiederholfrequenz. Erreicht werden soll damit ein noch stärkeres Eintauchen des Publikums in den Film.

Optisch hui, erzählerisch bescheiden

In der Tat liefert "Gemini Man" atemberaubende, gestochen scharfe Impressionen und vermittelt dem Zuschauer noch mehr das Gefühl, direkter Augenzeuge des Geschehens zu sein. Besonders in den Actionpassagen entwickelt der Film eine enorme Intensität.

Über das visuelle Konzept kann man in "Gemini Man" also immer wieder staunen. Auf Drehbuchebene geht es dafür weniger spektakulär zur Sache. Dreh- und Angelpunkt des Verschwörungsreißers ist der in die Jahre gekommene Profikiller Henry Brogan (Will Smith), der nach vielen erfolgreichen Einsätzen für den US-Geheimdienst DIA (Defense Intelligence Agency) zunehmend von Gewissensbissen geplagt wird und sich daher in den Ruhestand verabschiedet. Seine früheren Auftraggeber wollen ihn jedoch lieber tot sehen.

Clay Verris (Clive Owen), ein alter Bekannter und inzwischen Leiter eines rätselhaften Sonderprogramms namens "Gemini", hetzt Henry schließlich den Elitesoldaten Junior auf den Hals, der sich als jüngerer Klon Brogans entpuppt. Eben jener Junior wurde gänzlich am Computer erschaffen, lediglich seine Bewegungen und seine Gesten spielte Will Smith mittels Motion Capture selbst ein.

Optische Raffinesse

Die Grundidee von "Gemini Man" ist zweifelsohne spannend. Regisseur Lee und seine Autoren ziehen aus ihr aber bloß einen Standardplot, dem es an echten Überraschungen mangelt. Dank Smiths einnehmender Präsenz und einiger mitreißender Actionmomente kommt zwar keine große Langeweile auf. Henrys emotionaler Zustand und die in der Geschichte verankerten moralischen und psychologischen Fragen bekommen allerdings nie so viel Aufmerksamkeit, dass sich "Gemini Man" zu einem cleveren Thriller aufschwingen könnte.

Wie reagiert man, wenn man plötzlich von seinem Ebenbild gejagt wird? Und sollte man Menschen zu bestimmten Zwecken reproduzieren dürfen? Ang Lee umkreist interessante Probleme und Überlegungen, traut sich letztlich allerdings nicht, die Popcorn-Schiene zu verlassen und wirklich tiefer zu bohren. Dass der Stoff bereits Ende der 1990er-Jahre durch die Hollywood-Studios geisterte, kann der Film leider nicht ganz verschleiern: In Zeiten von Drohnen, Künstlicher Intelligenz und hochleistungsfähigen Robotern fühlt sich die Idee der Klone als perfekte Krieger irgendwie überholt an.

Gemini Man - Fr. 10.07. - ProSieben: 20.15 Uhr

Quelle: teleschau – der mediendienst