Nach den viel beachteten Erfolgen von "Das Hochzeitsbankett" (1993) und "Eat Drink Man Woman" (1994) fühlte sich Regisseur Ang Lee bei "Sinn und Sinnlichkeit" (1995) "wie bei einem Bungeesprung". Mitten hinein in den Abgrund Hollywoods - der geschätzte Taiwanese sah sich vor einer ziemlichen Bewährungsprobe. Der erste Roman der 19-jährigen Britin Jane Austen, der 1811 erst posthum veröffentlicht wurde, entpuppte sich als dankbare Vorlage: Die Schilderung des großbürgerlichen Frauenlebens am Ende des 18. Jahrhunderts machte Lee zu einem humorvollen Drama, das ZDFneo am Dienstag, 16. Januar, um 22.35 Uhr wiederholt.

Schauspielerin Emma Thompson gelang dabei etwas nie Dagewesenes: Gleich mit ihrem hier abgelieferten Drehbuch-Debüt holte sie sich - nur drei Jahre, nachdem sie für "Wiedersehen in Howards End" als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet worden war - den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Moniert wurde allerdings die Überalterung der Darstellerinnen in Ang Lees Version: So wurde die erst 19-jährige vom Verstand geprägte Bürgerstochter Elinor Dashwood von der 34-jährigen Thompson gespielt, und auch Kate Winslet übertraf die Figur der romantisch veranlagten 17-jährigen Schwester Marianne um viele Jahre.

Frauenleben zwischen Konvention und Ritualen

Nach dem Tode Mr. Dashwoods fällt dessen gesamter Besitz an seinen Sohn aus erster Ehe und seine Frau Fanny. Dashwoods zweite Frau und deren drei Töchter müssen daher in ein kleines Landhaus ziehen, das ihnen von einem entfernten Cousin angeboten wird. Zuvor verliebt sich die älteste Tochter Elinor (Emma Thompson) allerdings in Fannys Bruder Edward (Hugh Grant). Die zweite Tochter, Marianne (Kate Winslet), hat gar zwei Verehrer: den vom Schicksal nicht gerade verwöhnten Colonel Brandon (Alan Rickman) und den attraktiven John Willoughby (Greg Wise).

Was folgt, ist ein amüsantes Hin und Her zwischen Hoffnung und (vorläufigen) Enttäuschungen. Wie unterschiedlich die beiden Frauen damit umgehen, beschreibt bereits der Titel des Films. Mit Realitätssinn die eine, Elinor. Mit Sinnlichkeit und Romantik die andere, Marianne. Inmitten der gesellschaftlichen Zwänge im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts scheint die Rollenverteilung klar: Der Mann buhlt, die Frau lässt es stolz über sich ergehen.

Mit großem Hang zur Perfektion malt Ang Lee seine Bilder - jede Lampe steht am rechten Fleck, jede Landschaft ist voller Schönheit, jede Figur hat ihren Platz im großen Fest der Kostüme. Doch die Künstlichkeit der Bilder verstellt bisweilen den rechten Zugang zur Geschichte. Dank gekonnter Dialoge wird der Film zum amüsanten Feuerwerk, fordert dabei aber wenig echte Anteilnahme. Dennoch entstehe "ein vielschichtiger Einblick in eine Gesellschaftsschicht, die auch der Autorin der Romanvorlage nur allzu bekannt war", urteilte die Kritik. Mit seiner feinen Ironie vermittle der Film die Doppelbödigkeit des Lebens zwischen Konventionen und wahren Empfindungen und Bedürfnissen.

Quelle: teleschau – der mediendienst