In den sozialen Netzwerken ist "Sleepmaxxing" längst ein weit verbreiteter Trend. In zahlreichen Videos zeigen selbsternannte Sleepmaxxer und Biohacker, mit welchen Routinen und Mitteln sie ihren Schlaf optimieren. Dafür greifen sie zu teils fragwürdigen Methoden. Von Nahrungsergänzungsmitteln über Infrarotlampen und Blaulichtfilter bis hin zu Mundpflastern oder sogar Nackenschaukeln ist unter dem Trend allerhand zu finden. Doch wie viel davon ist wirklich effektiv - und was vielleicht sogar gefährlich?

Fest steht: Immer mehr junge Menschen klagen über unruhige Nächte und chronische Schlafprobleme. Laut "Statista" gaben im Schuljahr 2024/25 nicht weniger als 42 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler an, mindestens einmal pro Woche unter Ein‑ oder Durchschlafproblemen zu leiden.

"Y-Kollektiv"-Reporterin Luisa Dickmänken leidet ebenfalls unter schlaflosen Nächten und geht dem viralen Social-Media-Trend in der Reportage "Generation Z - schlaflos" auf den Grund. Sie trifft sich mit "Sleepmaxxern" und lässt die Sleephacks von einem Arzt bewerten - mit einem eindrücklichen Ergebnis.

Sleepmaxxer setzt auf Blaulicht-Filter und Mund-Pflaster

Einer dieser Sleepmaxxer ist Jan-Lucca Sielski aus Bremen. Auf TikTok folgen dem Biohacker rund 20.000 Menschen. Neben Barfußtraining im Freien und Spaziergängen im Wald setzt er unter anderem auf regelmäßige Infusionen mit Vitamin B und C. Diese sollen Stress reduzieren und so den Schlaf verbessern: "Ich spür einfach, das tut mir gut und dann mache ich das halt", betont der Influencer. Luisa macht den Selbsttest, muss am Abend im Bett allerdings ein ernüchterndes Urteil fällen: "Also die Infusion von der Heilpraktikerin hat schon mal nicht funktioniert."

Auch Blaulicht spielt beim Sleepmaxxing eine zentrale Rolle. Das künstliche Licht soll gerade am Abend ein Störfaktor für einen entspannten Schlaf sein. Biohacker wie Jan-Lucca greifen daher zu Brillen mit Blaulicht-Filtern. Ohne sie verlasse der TikToker abends nicht mehr das Haus.

Er "schütze damit meine natürliche Melatonin-Produktion", betont Jan-Lucca. Diese könne laut ihm durch Lichtquellen wie Scheinwerfer, Fahrstuhllicht oder Straßenlaternen irritiert werden. Zu Hause setzt der Unternehmer zudem auf Infrarot-Lampen, die das Abendlicht der Sonne imitieren sollen.

Y-Kollektiv-Doku zeigt Routinen von selbsternannten Biohackern

Um möglichst viel der Lichtquelle aufzunehmen, setze er sich täglich unbekleidet davor. Vor dem Schlafen gehen klebt sich der Biohacker außerdem den Mund mit einem "mouth tape" zu. Eine Praxis, auf die auch Promis wie Fußballstar Erling Haaland oder Schauspielerin Gwyneth Paltrow zurückgreifen sollen. "Du unterdrückst dann den natürlichen Impuls, in der Nacht den Mund zu öffnen", erklärt Jan-Lucca. Zusätzlich trägt er ein Nasenpflaster mit einer Feder, das die Nasenflügel sanft auseinanderzieht und damit das Atmen erleichtern soll.

Nach ihrem Besuch resümiert Luisa: "Jan-Lucca hat Sleepmaxxing echt durchgespielt." Doch gibt es für diese Hacks überhaupt eine wissenschaftliche Grundlage?

Im Schlafmedizinischen Zentrum der Berliner Charité trifft Luisa Prof. Dr. med. Ingo Fietze. Er forscht seit mehr als drei Jahrzehnten zum Thema Schlaf. Die Routinen von Sleepmaxxern wie Jan-Lucca sieht er mehr als kritisch. So seien etwa Vitaminpräparate bei einer normalen Ernährung nicht notwendig: "Wenn ich am Tag auch mal ein bisschen Obst und ein bisschen Gemüse esse, dann brauche ich keine Vitamine zu mir zu nehmen", erklärt Dr. Fietze.

Charité-Professor übt Kritik an "Sleepmaxxing"-Trends: "Vollkommen verrückt"

Von "mouth taping", also dem Zukleben des Mundes, rät er eindringlich ab. Auf Luisas Nachfrage, ob dies gefährlich werden könne, bestätigt der Mediziner: "Absolut. Man muss wissen: Jeder zweite Erwachsene schnarcht und hat dann ein paar Atemaussetzer. Da klebt man sich nicht den Mund zu."

Noch deutlicher fällt sein Urteil über Videos aus, in denen Menschen mit einem Gürtel unter Kinn und Nacken durch die Luft schwingen. Damit solle angeblich die Wirbelsäule entlastet und Entspannung herbeigeführt werden. "Also das ist doch vollkommen verrückt", poltert der Mediziner. "Ich hätte null Idee, was das mit dem Schlaf machen soll!"

Die Beobachtung, dass immer mehr Menschen an Schlafproblemen leiden, kann jedoch auch er bestätigen. "Wir haben viele andere Schlafstörungen, die man vorher so gar nicht hatte", berichtet der Schlafforscher. Die Patienten würden zudem immer jünger. Angesprochen auf mögliche Ursachen erklärt Dr. Fietze: "Existenzängste stehen an Nummer eins." Danach folgten Themen wie Kriminalität, Klima und Krieg. Laut dem Mediziner kommen vor allem für junge Menschen immer mehr Stressfaktoren dazu. Er stellt klar: "Ich mache seit 35 Jahren Schlafmedizin, vor 30 Jahren gab's so was nicht."

Quelle: teleschau – der mediendienst