Beinahe wäre er ja Leichtathlet geworden. Die 6,07 Meter, die er mit 13 Jahren sprang, waren über Jahrzehnte Schulrekord in Herzogenaurach. Dann aber ist es doch der Fußball geworden. Noch erfolgreicher waren in diesem Sport zwar andere. Aber: Lothar Matthäus war der kompletteste und vermutlich daher auch beste Fußballer Deutschlands in der Zeit nach Müller (Gerd) und Beckenbauer.

Als Trainer lief es zwar überschaubar gut bei ihm, doch seit weit über einem Jahrzehnt ist Matthäus dem Fan-Publikum vor allem als Experte bekannt. Bei Sky begleitet er in der Analyse und seit einer Weile auch als Co-Kommentator am Mikrofon das Samstagabendspiel, das manchmal sogar ein Topspiel ist. Und auch für RTL ist Matthäus regelmäßig als Experte vor Ort, um über die Partien der Europa League zu urteilen.

Wäre Matthäus ein ganz normaler Angestellter, seine Rente wäre jetzt in Sicht. 65 Jahre wird er am 21. März alt. Aber Lothar Matthäus wird auch künftig seine Wochenenden nicht Rosen züchtend zu Hause verbringen. Sein Vertrag mit Sky wurde 2025 verlängert. Über die genaue Dauer wurde nichts bekannt, jedoch ist von "Jahren" die Rede. Sowohl am Samstagabend als auch in regelmäßigen Abständen beim Fußballtalk "Sky 90" am Sonntag ist Matthäus dabei und gibt seine Expertise. Lange Zeit nicht immer nur zur Freude von Fußball-Deutschland.

"Ich bin jemand, der Kritik aufnimmt und damit umgehen kann. Mich hat Kritik oft angespornt, meine Leistung zu verbessern", sagte Matthäus einst im Interview, und längst hat sich der Wind gedreht. Für die Mehrheit der Fans gehört der Franke trotz seines polarisierenden Dialekts ("Jonadan Dah") und seiner ungewöhnlichen Phonetik ("Tscheldig Glasgow") zu den besten Fußball-TV-Experten des Landes.

Ein guter Anlass also für eine subjektive Rangliste der deutschen Fußball-Experten im Fernsehen. Davon gibt es viele. Sehr viele. Weil es eben auch zahlreiche Sender gibt, die sich die begehrtesten Sportrechte des Landes so kleinteilig und auch für die Fans so teuer wie möglich untereinander aufteilen. Wer ist der beste Experte oder die beste Expertin? Fachkenntnis, Originalität, Netzwerkkultur, Sprachgewandtheit, Fannähe, Erfahrung ... zunächst listen wir hier unsere Top 10 auf. Und danach noch einige mehr, die es aus Gründen nicht in diese Liste geschafft haben. Aber klar ... das ist alles auch eine Geschmacksfrage.

Rang 10: Mirko Slomka

Auf seiner Homepage findet sich der Satz "Seit dem 17. Februar 2014 ist Mirko Slomka Trainer des Hamburger Sportvereins." Das stimmt so nun nicht mehr. Als Trainer ja so ein bisschen eine tragische Figur - unter Wert geblieben in seiner Karriere. Aber als Experte ist Mirko Slomka eine echte Bereicherung im TV. In der Regel für Sky gibt er seine Einschätzungen ab. Slomka versteht sich nicht als Lautsprecher des Senders, sondern als Dienstleister für den Fan. Er erklärt unaufgeregt, lächelnd, klar und spürbar mit viel Erfahrung. Und - nicht wichtig, aber fein: Seine Stimme hat einen sehr angenehmen, entspannenden Klang.

Rang 9: Dietmar Hamann

Neulich wurde er noch von Thomas Müller geadelt: "Didi hat zwar des Öfteren auch Meinungen, die ich nicht teile. Was für mich aber viel entscheidender ist: Er trägt seine Argumente schlüssig vor, vertritt seine Thesen mit Herzblut und ist dabei authentisch. Das finde ich gut und darauf kommt es an." Vom FC Bayern München aber wird Hamann mehrheitlich schwer gescholten. Hamann ist der mit Abstand umstrittenste TV-Experte des Landes und will das vermutlich auch sein.

Der 52-Jährige interpretiert seine Rolle so provokant, wie es die Experten à la Gary Lineker auf der Insel taten und tun. Er wird es nie zugeben, sieht es aber offensichtlich als Teil seiner Aufgabe, seinem Arbeitgeber Sky verlässlich Schlagzeilen zu organisieren. Meistens legt er zu Recht den Finger in die Wunde (Leroy Sané), manchmal liegt er aber komplett daneben (Harry Kane). Und sehr, sehr gerne redet er eben auch über die Bayern, sodass sich Sportvorstand Max Eberl vor nicht allzu langer Zeit zu folgendem Bonmot genötigt sah: "Didi Hamann ist wie ein Tinnitus! Der kommt alle drei Tage hoch." Hier kam er hoch bis auf Rang neun.

Rang 8: Tabea Kemme

Die ehemalige Nationalspielerin Tabea Kemme arbeitet seit Anfang der 2020er-Jahre als Expertin, inzwischen bei Sky und Amazon. Uneitel, präzise, sprachlich bisweilen allzu juvenil bespricht sie den Fußball. Und auch wenn sie auf dem Platz journalistisch durchaus hinterfragbar sehr forsch duzt wie die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen, ist die Distanz zu den Protagonisten doch spürbar und wohltuend. Sie analysiert präzise, gesteht auch mal ein, wenn sie falsch lag, und nimmt sich selbst nicht wichtiger als die Spieler auf dem Platz. Nur: Der flotte Jugendwort-Sprech ("Der hat den gewissen Swag", gewählt auch schon 2011) samt umfangreicher Anglizismensammlung liegt sicher nicht jedem.

Rang 7: Stefan Effenberg

Auf dem Platz war Stefan Effenberg durchaus ein streitbarer Leader, Freunde der Sonne. Als Experte beim "Doppelpass" (Sport1) ist er deutlich zurückhaltender. Er ist ja auch älter geworden, 57 ist er schon. Effe analysiert klar, neigt nicht zu Übertreibungen und balanciert glänzend seine Doppelfunktion aus: Seit September 2022 ist er offizieller Botschafter des FC Bayern München, für den er aber auch - wenngleich selten - mal kritische Worte findet.

Als Experte im weithin noch immer als Stammtisch verschrienen Fußball-Talk wird er vom Publikum schon fast so gefeiert wie weiland sein Vor-Vorgänger in diesem Amt, Udo Lattek. Auch dank einer großartigen Mixtur aus Selbstbewusstsein und Selbstironie. Was immer er auch sagt - es hat Hand und Fuß und wird nicht nur von den penetrant und übereifrig anklatschenden Mitarbeitern bei der Live-Produktion in einem Münchner Flughafenhotel dauerhaft goutiert. Fazit: Effenberg hat man gerne dabei am späten sonntäglichen Frühstückstisch, was mit Blick auf dessen krawallige aktive Zeit ja immer noch irgendwie erstaunlich ist.

Platz 6: Bastian Schweinsteiger

Bastian Schweinsteiger gehört, wie Lothar Matthäus auch, zu jenen wenigen Fachleuten, deren Expertise schon ob ihres Namens eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Wenn Schweinsteiger sauer wird, dann sind ihm die Schlagzeilen sicher. Mehrheitlich geht er sorgsam um mit den Worten, die er bisweilen sogar allzu vorsichtig wählt. Zunehmend größer wird erkennbar auch bei ihm die Distanz zu den Aktiven, was ihm mehr Freiheit im Urteil gewährt.

Vor allem mit Moderatorin Esther Sedlaczek bildet er ein galant unterhaltsames Duo, dem man gerne zuhört - auch wenn ältere Fans Ecken und Kanten aus der Netzer-Dellingschen Zeit schon ab und an mal vermissen dürften. Heute fällt eben auch bei mittelmäßigen oder gar schlechten Spielen deren nachträgliche Beurteilung stets eher sanft aus. Netzers legendäres Zitat "Es ist ja so furchtbar, es ist ja so furchtbar!" würde Schweinsteiger niemals über die Lippen kommen.

Rang 5: Matthias Sammer

Da sind die erwähnten Ecken und Kanten. Viele. Matthias Sammer gehörte zu den besten Fußballern dieses Landes. 1996 wurde er gar Europas Fußballer des Jahres, die EM in England war die seine. Als Experte genießt er seit nunmehr fast zehn Jahren einen großartigen Ruf. Auch weil er selbst seinen eigenen Dortmundern gegenüber kein Blatt vor dem Mund nahm. Dabei führt der 58-Jährige seine Zuhörerschaft bisweilen nicht nur grammatikalisch an die Grenzen des Verstehbaren. Niemand schweift so schön ab wie er, niemand verliert sich so wunderbar in seinen Satzmonstern. Aber es klingt alles einfach sehr, sehr schlau. Er arbeitet leider nur bei Prime an den Champions-League-Dienstagen.

Rang 4: Jan Åge Fjørtoft

Nach einem erfolgreichen Abstiegskampf 1999/2000 mit Trainer Felix Magath erklärte Jan Åge Fjørtoft: "Ich weiß nicht, ob Magath die Titanic gerettet hätte. Die Überlebenden wären auf jeden Fall topfit gewesen." Sprüche wie diese gibt es zuhauf von dem ehemaligen norwegischen Profi, dessen aktive Karriere 2002 endete. Seither ist er in Sachen Fußball unterwegs - als Manager, Firmeninhaber, Experte. Als herausragender Kommunikator, international bestens vernetzt.

Jan Åge Fjørtoft spricht über Fußball wie kein Zweiter: ausnehmend originell und kompetent, schlagfertig und inhaltlich treffsicher. Und das, obwohl Deutsch nicht seine Muttersprache ist. Leider taucht er nur noch sehr unregelmäßig im deutschen Fernsehen auf. Aber die Leichtigkeit, mit der er das Geschäft sieht, tut gut: "Vielleicht ist es gar nicht so, dass ich so lustig bin. Sondern, dass viele meiner Kollegen Fußball ein bisschen zu ernst nehmen." Wohl wahr.

Rang 3: Christoph Kramer

Seit erstaunlichen acht Jahren arbeitet der Weltmeister von 2014 als Experte - sowohl fürs ZDF als auch für Prime. Christoph Kramer verfügt über sprachliche Fantasie, macht's manchmal etwas lax und lieb, aber immer eben auch originell und analytisch. Zu spüren ist, dass seine Distanz zu den Aktiven (auch alterstechnisch) langsam wächst, was seiner Expertise guttut. Er versteht sich in seiner Art der Fußballexpertise als eine Art Klopp 4.0, wirft mit Fachausdrücken um sich und klingt auch deshalb außergewöhnlich spielschlau.

Dabei geht es ihm als Experte aber stets um das, was auf dem Platz passiert. Das große Fußballganze in den Vereinen und Verbänden lässt er meist außen vor. Es fällt kaum ein kritisches Wort zu Negativtrends neben dem Platz. Er sieht sich weiterhin als Teil des großen Ganzen. Da er sich stets schon vor dem Spiel mutig weiter als mancher Kollege aus dem Fenster lehnt ("Genau so muss man gegen die Bayern auflaufen"), fällt er beispielsweise nach einem 1:6 von Atlanta Bergamo gegen die Bayern schon auch mal ziemlich tief aus demselben. Lächelt er aber alles lausbübisch weg. Am Rande: Kramer ist auch optisch das Musterbeispiel des modernen TV-Experten: meterweise Karostoff, vermarkenbotschaftetes Schuhwerk und immer so ein bisschen auch Vintage-Enthusiast. Ein Millennial aus dem Bilderbuch, 1A Schwiegersohn also ...

Rang 2: Lothar Matthäus

Ein Lothar Matthäus ist, wenn man so will der Vorzeigeexperte Nummer eins des deutschen Fußballs. Niemand wird so oft gebucht, kaum jemand so oft zitiert. Als Experte beim Topspiel von Sky ist er längst ein wichtiger akustischer Teil des TV-Erlebnisses. Dabei ist seine Entwicklung außergewöhnlich: Mag er in seinen Anfangsjahren als Experte vor allem ob seines Dialekts ("Dolles Dor") noch ab und an belächelt worden sein, wird sein Fußball-Verständnis inzwischen von beinahe niemandem mehr bestritten. Bonmots wie "Die Bank ist auf 360" oder "Der Zug ist abgelaufen" werden nicht negativ ausgelegt, sondern milde lächelnd für den nächsten Stammtisch notiert.

Doch je mehr Lob er erfährt, umso mehr erliegt er der Verführung, seine Rolle als Co-Kommentator schrittweise auszubauen. Gemeinsam mit Wolff-Christoph Fuss entsteht dann manchmal gar eine Art Fußball-Podcast ohne Punkt und Pause. Dabei braucht das Spiel Lothar Matthäus nicht. Lothar Matthäus aber das Spiel. Die beiden haben sich lange gegen den Trend gewehrt, gemeinsam Spiele totzuquatschen. Nun sind sie ihm aber bedauerlicherweise auch verfallen.

Man erinnere sich an die frühen 90er-Jahre. Auch damals wurde Live-Übertragungen mehrheitlich von einem Kommentator und einem Experten begleitet (Rubenbauer, Rummenigge und andere). Dann aber wurde in der Ära Reif und Rethy diese überzogene Art der Kommentierung mit Hang zur Selbstbeweihräucherung reuig wieder zu den Akten gelegt. Seit einigen Jahren nun werden aber fast alle wesentlichen Partien auf allen Sendern von einem Duo dauerbeschallt. So als sprächen sie fürs Radio, so als sähe der Fan keine Bilder. Vielleicht legt sich ja auch dieser Trend, wie andere, bald schon wieder, und auch Lothar beschränkt sich an der Seite von Wolff Fuss wie zu Beginn der gemeinsamen Rederei auf einen kommentierenden Einsatz bei Toren oder alle 15 Minuten.

Platz 1 kostete Lothar Matthäus in diesem Ranking eine seiner Nebenbeschäftigungen: Wer Werbung für Sportwetten macht, sollte per se nicht als großartigster Fußball-Experte geadelt werden. Unsere Meinung ...

Rang 1: Nils Petersen

Im Mai 2023 beendete Nils Petersen seine aktive Fußballkarriere. Und wer ihm damals bei Interviews beim SC Freiburg zuhörte, konnte da schon wissen: Wenn er schon nicht mehr im Strafraum agieren darf, ist dieser Mann geboren fürs Fernsehen. Aktuell ist er für DAZN unterwegs - modisch natürlich gerne megahip mit riesigem Rollkragenpullover bis unter die Nase und den obligatorischen weißen Sneakern. Wie ganz wenige im Business findet er neue, aber eben auch passende Worte fürs ewig Gleiche auf dem Feld. Der Mann hat Humor und Selbstironie, spricht aber die Sprache der Fußballer und Fans gleichermaßen und verfügt über einen beachtlichen Wortschatz. Er quasselt neben dem Kommentator das Live-Spiel nicht tot, sondern schweigt auch mal und lässt dem Betrachter seinen Denkraum.

Zudem hat er sich bisher die jovial-schulterklopfige Art des Streaming-Anbieters, der sogar alle seine Zuschauer gnadenlos durchduzt, nicht vollends zu eigen gemacht. Während bei DAZN die kumpelig, übergriffige Nähe auch zu allen Protagonisten des Sports nicht nur durch die Verwendung des Personalpronomens "du" propagiert wird, gibt sich Petersen bisher sehr erwachsen im Umgang mit den Menschen. Und ein Trainerwechsel ist bei ihm eben ein Trainerwechsel und kein "Trainerswitch".

Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen im Expertentum nimmt er am Mikrofon ganz bewusst die Rolle des ruhigen Analytikers ein, der nicht bei jedem x-beliebigen Treffer aus dem Getümmel dem sprachlichen Wahnsinn verfällt. Während Kommentatoren von heute jedes Tor, egal für wen, so lautstark juchzend und vehement feiernd begleiten, als scheine die Sonne und habe Götze gerade ein weiteres Mal die WM entschieden, ist Petersen einer, der die Fassung bewahrt. Mehr von ihm ... bitte!

Ohne Platzierung: Michael Ballack

Als Experte vor der Kamera ist Michael Ballack wie weiland schon als Spieler ein Reisender, er war bei ESPN und Magenta. Seine Heimat hat er nun bei DAZN gefunden. Seine Analysen nach dem Spiel sind mehrheitlich recht profund, als Co-Kommentator beschreibt er gerne das ausführlichst, was man ohnehin sieht. Auffällig: Er zieht gerne Bilanzen und untermauert sie inflationär mit seinem Lieblingswort "schlussendlich". Auch hier gilt: Ob ein TV-Experte Werbung für Sportwetten machen sollte, muss er daheim vor dem Spiegel mit sich selbst ausmachen. Zumal sich Ballack im Spot auch noch als Anwalt der Fans ausgibt.

Ohne Platzierung: Peter Neururer

Wo immer er auftaucht, ist ihm der Beifall der Fußballfans sicher: Peter Neururer. Trainer ist er nun schon lange nicht mehr, und auch als Experte wird er eher an die Theke beim Fantalk (Sport1) beordert denn in die Primetime der ARD, wo Bastian Schweinsteiger hippe Akzente setzt. Aber: Es lohnt sich auch heute noch, Peter Neururer genau zuzuhören, wenn er bei Sport1 etwa im "Fantalk" seine Analysen gibt. Auch wenn so viel "Straße" im Expertenmilieu inzwischen leider aus der Mode gekommen ist - Neururer ist immer noch nah dran am Platz, wo ja bekanntlich die Wahrheit liegt. Und: Er nimmt kein Blatt vor den Mund, weil er keinerlei Jobpläne mehr bei Vereinen hat.

Ohne Platzierung: Thomas Hitzlsperger

Seit 2023 ist Thomas Hitzlsperger TV-Experte bei Sky und dort zuständig für die Premier League. Gerade mit dem Kommentator Florian Schmidt-Sommerfeld (einer der besten der Branche) bildet er ein klasse Duo. Was übrigens auch für René Adler gilt, der bei Sky ebenfalls den britischen Fußball begleitet. Hitzlsperger erklärt Fußball mit einfachen Worten, wahrt die Distanz und doch ist ihm die Liebe zum Sport anzumerken. Ein bisschen trist klingt er mangels jedweder Euphorie manchmal.

Ohne Platzierung: Steffen Freund

Seit 15 Jahren tourt Steffen Freund als Experte durch die deutsche Sportlandschaft. RTL ist seine Heimat, aber auch im "Doppelpass" ist seine Meinung immer wieder gefragt. Freund redet gerne und lang und vergisst nie zu erwähnen, wie früh er selbst als Co-Trainer von Tottenham Hotspur das Talent von Harry Kane erkannte. Ein bisschen viel Ich-Bezogenheit also, aber fachlich über jeden Zweifel erhaben. Und immer mit einem außergewöhnlichen Trainerblick auf die Sache.

Ohne Platzierung: Benedikt Höwedes

Benedikt Höwedes ist ganz sicher ein ausnehmend netter Mensch. Hörbar versteht er viel von Fußball, vornehmlich beschreibt er defensive Strategien klug. Aber er gehört eben auch zu jener neuen Generation von Co-Kommentatoren, die 90 Minuten lang gegen ihr eigenes lästiges "Co" anreden. Wie Sami Khedira bei DAZN bespricht auch er bei Prime streckenweise ohne Unterlass das Geschehen auf dem Platz. Er sagt, was er sieht. Dass das aber auch der Zuschauer gesehen haben könnte, kommt ihm da manchmal gar nicht in den Sinn.

Ohne Platzierung: Per Mertesacker

Im Grunde verbietet sich eine Einzelanalyse von Per Mertesacker, taucht er als Experte doch häufig zusammen mit Christoph Kramer auf. Seit 2020 arbeitet er mehrheitlich fürs ZDF: sympathisch, zurückhaltend, bescheiden, humorvoll. In seiner Karriere ging er Zweikämpfen nicht aus dem Weg, vor den Kamera agiert er allerdings deutlich nachgiebiger und versöhnlicher. Nicht zu heiß, nicht zu kalt: Mertesacker badet sprachlich in der angenehm lauwarmen Tonne.

Ohne Platzierung: Sami Khedira

Blickt man auf seine Position, die er im Laufe seiner Karriere auf dem Platz einnahm, ist klar: Sami Khedira versteht den Fußball aus dem Innersten heraus. Als Experte bei DAZN bleibt er zurückhaltend, als Co-Kommentator redet er gerne uferlos in kilometerlangen Sätzen. Und dann schweigt er plötzlich selbst bei Schlüsselmomenten auf dem Platz. Bei geschlossenen Fragen des Kommentators und nicht nur bei ihnen sagt er immer erst einmal "definitiv". Khedira ist ab und an auch um ein humorvolles Wort bemüht, ein bisschen mehr Leichtigkeit wäre aber schon noch drin.

Auffällig: Er stellt sich voll in den Dienst seines Senders und nutzt den dort üblichen Kommentatorensprech. Da wird nicht mehr "verteidigt", sondern nurmehr "wegverteidigt". Es heißt nicht mehr "Ich gebe dir recht, er kann Spiele entscheiden", sondern "Ich geh mit dir mit, komplett. Der killt Spiele komplett." Und Khedira schätzt beim Kommentar die kumpelige Benennung der Spieler. Er nutzt nur Vornamen und sogar Spitznamen ... "und hinten haben sie TAA" ("Trent Alexander-Arnold"). So als seien das alles nicht nur seine, sondern auch unsere Freunde.

Ohne Platzierung: Kathrin Lehmann

Die Deutsch-Schweizerin ist gewissermaßen eine Allzweckwaffe des ZDF, was sich zuletzt auf ganz wunderbare Weise bei den Olympischen Spielen zeigte. Als ehemalige Eishockeyspielerin referierte sie zum Turnier in Mailand, um dann fließend als ehemalige Fußballspielerin ihr Urteil abzugeben: klug, sprachgewandt und sympathisch. Und eben nicht so laut wie manch anderer.

Ohne Platzierung: Erik Meijer

Der niederländische Ex-Profi Erik Meijer gehört seit einer halben Ewigkeit zum Expertenteam von Sky, taucht da aber nicht mehr ganz so oft wie früher auf. Wie schon mancher große holländische Entertainer vor ihm pflegt er sorgsam seinen Akzent. Ein bisschen hat sich sein ausladendes Gestenspiel vor dem in den Jahren gefühlt immer größer werdenden Taktik-Bildschirm von Sky verbraucht. Aber Meijer ist eben auch eine sympathische, positive Erscheinung, die über die Fähigkeit zur Selbstironie verfügt. Klar polarisiert der. Aber irgendwie gehört er eben auch zu jenen drei Experten, mit denen man am liebsten in nostalgischen Erinnerungen schwelgend bei einem Gläschen über Fußball plaudern würde.

Ohne Platzierung: Julia Šimić

Julia Šimić gehört zu den Sky-Expertinnen, die auch beim Sky-Topspiel am Samstagabend zum Einsatz kommen. Seit Januar ist sie zudem Co-Trainerin der Schweizer Fußballnationalmannschaft der Frauen. Bei ihren Analysen bedient sich die 36-Jährige (wie auch Tabea Kemme) gerne bei den sprachlichen Mustern der Jugend: "Hat er ein gutes Spiel gemacht?" - "Ja, voll!" Um das zu verhindern, nutzen die meisten Moderatoren inzwischen ja längst senderübergreifend mit großer Gnadenlosigkeit die "Wie-Fragen-Vorgabe". Also nicht: "Hat er ein gutes Spiel gemacht?", sondern im Social-Media-Stil "Wie gut war das Spiel bitte, das er da gemacht hat?" Darüber hinaus nutzt auch Julia Šimić bei der Analyse den hippen Fußballsprech der Neuzeit. Da muss dann eben die Tiefe bespielt werden, Schienenspieler, Halbräume und Gegenpressing gibt's reichlich obendrauf.

Ohne Platzierung: Patrick Helmes

Seine Trainerkarriere war nun nicht gerade erfolgreich. Aber als Experte bei Sky und auch bei RTL macht Patrick Helmes eine prima Figur. Er spricht bewusst die Sprache der Fans, vertut sich manchmal so ein wenig in der Wortwahl, offenbart dabei aber eine große Liebe für den Sport - und hier vor allem für all jene, die ihn als Stürmer betreiben. Einer vom alten Schlag, den man einfach mögen muss.

Ohne Platzierung: Mario Basler

Seitdem die Intellektuellen Fußball als den ihren entdeckt haben und für sich beanspruchen, kriegt Mario Basler aufs Maul. Dauernd. Aber ihm ist das erfreulicherweise egal. Er teilt einfach auch mit Freude aus. Fußball ist für ihn eben auch Kippe, Bier und Wodka Lemon. Er sagt "Strafraum", nicht "Box". Und er jubelt nicht jeden 17-Jährigen sofort in den Fußballhimmel. Er trägt keine alternative Mode mit Skinny Jeans, kariertem Hemd, Vollbart und Hipster-Brille. Mario Basler ist eben noch da. Intellektuelle Fußballanalytiker haben wir genug. Mario Basler nur einen. Ihr werdet ihn ertragen, herrje!

Quelle: teleschau – der mediendienst