Paul Ronzheimer beginnt seine TV-Reportage für Sat.1 (dienstags um 20.15 Uhr) mit den Worten: "Viele Bürger haben den Eindruck, Deutschland sei ein Selbstbedienungsladen für Sozialbetrüger, Faulenzer und Schmarotzer". Einige mögen anmerken, dass ausgerechnet der Hauptarbeitgeber des stellvertretenden Chefredakteurs von Bild selbst zu diesem Eindruck beiträgt.

Auf der anderen Seite ist kaum zu leugnen, dass das deutsche Sozialsystem Veränderungen braucht - und zwar mehr, als nur die Umbenennung des Bürgergelds in Grundsicherung ab dem 1. Juli. Wer Menschen sucht, die das System ausnutzen, wird schließlich auch welche finden. So etwa Anna (Name geändert): Sie kam mit 25 Jahren als Spätaussiedlerin aus Polen nach Deutschland und arbeitete viele Jahre in einem regulären Beruf mit Sozialversicherung. Heute bezieht Anna Bürgergeld und bessert ihr Einkommen mit nicht angemeldeter Arbeit auf. Sie möchte darüber vor Ronzheimers Kamera sprechen. Wenn auch stimmlich und optisch anonymisiert.

Talk mit Ronzheimer: "Bin eine Betrügerin, aber schäme mich nicht mehr"

Schlechtes Gewissen? Das habe sie zuletzt vor Jahren gehabt, als sie noch dachte, ihr Bürgergeld würde denjenigen fehlen, "die es nötig haben". "So ist es ja auch gedacht", erwidert Ronzheimer etwas zu offensiv erschrocken, was direkt durchschaut wird: "Bist du so naiv oder tust du nur so?" Annas Punkt: Sie habe gar keine Chance in versicherungspflichtiger Vollzeit mehr zu verdienen als in ihrem aktuellen Modell.

Bei dem kommt einiges zusammen. Grundbetrag sowie Zuschüsse für Miete und Nebenkosten belaufen sich auf 1263 Euro im Monat. Zuzüglich ihres schwarz verdienten Lohns liegt sie bei monatlich 2400 Euro. Ronzheimer nennt die kurz vor der Rente stehende Frau frei heraus eine Betrügerin, was nur ein Achselzucken bewirkt:

"Ja, ich bin eine Betrügerin, aber ich schäme mich nicht mehr." Sie sei ja "ein korrekter Mensch", versichert Anna, "aber die Gesetze in Deutschland haben mich verdorben. Geld umsonst zu bekommen, das kannte ich nicht." Paul Ronzeimer verlässt den Recherche-Termin einigermaßen konsterniert. Es bleibt nicht das einzige Mal. Auch einen "Bürgergeld-Influencer" traf der Journalist, der stolz ein T-Shirt mit Aufschrift "Arbeitsloser des Jahres" trug. Kurz nach Ausstrahlung der Folge stellte sich jedoch heraus, dass seine Ausführungen über sich größtenteils auf Lügen basieren. Sat.1 musste eine Stellungnahme veröffentlichen. 

"Ich bin auch AfD, bin ich ganz ehrlich"

Auch ein Herr aus Aachen kommt in der Reportage vor. Zwei Sozialbetrugs-Ermittler vom Jobcenter kreuzten mit Ronzheimers Kamerateam hinterdrein bei seiner vermeintlichen Wohngemeinschaft auf. Ergebnis der Prüfung: keine WG. Der Bürgergeld-Empfänger lebt mit der vermeintlichen Mitbewohnerin in einer Partnerschaft, weshalb ihm die Bezüge nicht zustehen. Schuld sind auch hier die anderen, die Ausländer etwa, die bestimmt nicht so intensiv geprüft würden wie er selbst. "Ich bin auch AfD, bin ich ganz ehrlich", gibt der Ertappte verblüffend ungeniert zu Protokoll.

Gut, dass Paul Ronzheimer in einem seiner Erklär-Einschübe festhält: "Es gibt viele ehrliche Menschen, die Bürgergeld brauchen." Den filmischen Beleg liefern ein ehemaliger Fliesenleger mit kaputtem Rücken und eine alleinerziehende Mutter ohne Kindergartenplatz. Und doch hallt aus dieser Reportage vor allem die Prognose der 65-jährigen Arbeitslosen aus der "Bürgergeldhauptstadt" Gelsenkirchen nach, deren erwachsene Kinder mit über 40 noch nie gearbeitet haben: "Irgendwann knallt et." 

An dieser Stelle jedoch spannend zu betrachten: Sozialleistungsempfänger werden oft als finanzielle Belastung für den Staat gesehen, die die Kosten für andere erhöhen. Ein Bericht des Bundesrechnungshofs (BRH) zeigt jedoch, dass die Probleme mit fehlenden Steuern und Mitteln im Fiskus anderswo liegen. Während der Bürgergeldmissbrauch einen Schaden von etwa 260 Millionen Euro verursacht, sollen durch "aggressive Steuergestaltung" von Superreichen und Schwarzarbeit im Allgemeinen Steuerhinterziehungen zwischen 75 und 125 Milliarden Euro stattfinden, so ein Bericht des Focus. Am Dienstag, 3. März, widmet sich Paul Ronzheimer dem Thema Jugendkriminalität und fragt: "Wie leicht gelangen Jugendliche an Waffen?"

Quelle: teleschau - der mediendienst