Da sprach er vermutlich ins Blaue hinein, Oliver Stone, als er über Woody Harrelson, den Hauptdarsteller seines berühmten wie umstrittenen Gewaltfilms "Natural Born Killers" den bemerkenswerten Satz sagte: "Er hatte so etwas Verrücktes in den Augen." So verrückte Augen wie der Mann, den Harrelson in dem Skandalfilm von 1994 spielte: Mickey Knox, der mit seiner Frau Mallory skrupellos mordend durch Amerika zieht, das Land der Traumverwirklichungen und der unbegrenzten Möglichkeiten, und dabei immer so irre dreinschaut. Für diesen Charakter also, einen wahnsinnigen Mörder, war Harrelson die perfekte Wahl.
Ob Stone den Satz im Lichte der Familiengeschichte des "Killer"-Darstellers gesprochen hatte, sei dahingestellt. Klar ist: Woody Harrelson, dieser gemütliche Hollywoodstar, der mit der Rolle eines unbeschwert-naiven Barkeepers in der Sitcom "Cheers" seinen Durchbruch schaffte, dieser Hedonist, dem zahlreiche Liebschaften nachgesagt wurden, der Vegetarier und Tierfreund, der Tiefenentspannte und gut aufgelegte Kumpeltyp, der sich andererseits durchaus politisch kämpferisch geben kann - dieser Mann also, von dem seine Kurzzeitbeziehung Brooke Shields einmal sagte, er sei "einer der süßesten Männer", ist der Sohn eines skrupellosen Mörders.
Woody Harrelsons Vater war Charles Voyde Harrelson, ein Mann, der keinen Sinn für seine Familie hatte, seine Frau und zwei Söhne. Der dafür aber bestens vernetzt war in kriminellen Strukturen. Harrelson Senior hatte Verbindungen zur Mafia und er soll sogar in der Ermordung John F. Kennedys verwickelt gewesen sein - was allerdings Teil des Attentatsmythos' ist und also auf wackeligem Boden steht. Unumstößlich dagegen die Tatsachen: Mehrfach wurde Vater Harrelson wegen Mordes verurteilt, bevor er 1981 wegen eines weiteren Mordes für den Rest seines Lebens ins Gefängnis wanderte. Richter und Geschworene sahen es als erwiesen an, dass er 1979 den US-Bezirksrichter John H. Wood Jr. erschoss, im Auftrag eines Drogendealers. Zweimal lebenslänglich bekam er, sein Leben endete 2007, mit 68 Jahren starb er an einem Herzinfarkt.
"Ich war elf oder zwölf, als ich seinen Namen im Autoradio hörte"
Einen Schwerkriminellen zum Vater haben, einen Mördervater, was macht das mit einem Kind? Wie wirkt sich das auf sein Leben aus? Wie wird er als Erwachsener? Woodrow Tracy "Woody" Harrelson und sein jüngerer Bruder Brett wurden von ihrer Mutter aufgezogen, in ärmlichen Verhältnissen und nach presbyterianischem Glauben - nach der christlich-protestantischen Lehre also, die Harrelson einmal als "katholisch light" bezeichnete, "mit der Hälfte an Ritualen, aber mit all den Schuldgefühlen". Seinen Vater sah er als Kind und Heranwachsender praktisch nie. Wie auch, Woody war sieben, als Harrelson Senior zu ersten Mal wegen Mordes verurteilt wurde.
Wer sein Vater wirklich war, erfuhr Harrelson Anfang der 1970er-Jahre. Es muss die Zeit gewesen sein, als Harrelson Senior 1973 abermals verurteilt wurde, wieder wegen Mordes, diesmal zu 15 Jahren, von denen er aber nur fünf wegen guter Führung abgesessen hatte. "Ich war elf oder zwölf, als ich seinen Namen im Autoradio hörte", erinnerte sich Harrelson 2012 in einem Interview mit dem "Guardian". "Ich saß im Auto und wartete auf die Frau, die mich von der Schule abholte, um meiner Mutter auszuhelfen, und jedenfalls hörte ich Radio, und dort wurde über Charles V. Harrelson und seinen Mordprozess berichtet."
Was muss in einem Jungen vorgehen, in dem Moment, wenn er efährt, dass sein Vater ein Mörder ist? Er habe es, als er die Nachricht in Radio hörte, zunächst nicht wahrhaben wollen. Doch es stellte sich als Wahrheit heraus und die musste er akzeptieren. Schmerzvoll akzeptieren. "Das war eine unglaubliche Erkenntnis. Dann stieg die Frau ins Auto, sah meinen Gesichtsausdruck und merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie war eine sehr nette Frau."
"Ich wollte einfach nur der Sohn sein, der seinem Vater helfen wollte"
Seinen Vater hatte Woody dennoch nie verleugnet oder verstoßen. "Ich glaube nicht, dass er ein besonders guter Vater war", sagte er 1988 gegenüber "People" über den Mann, den er hauptsächlich aus sporadischen Briefen kannte. "Er hat sich nicht wirklich an meiner Erziehung beteiligt." Dennoch stand der jüngere Harrelson immer an der Seite des älteren. Und als der Vater zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, wollte der Sohn den Kampf für seine Freiheit fortsetzen. "Ich habe jahrelang versucht, ihn freizubekommen. Ihm ein neues Verfahren zu verschaffen", sagte er. Warum die Mühe? Harrelson: "Ich wollte einfach nur der Sohn sein, der seinem Vater helfen wollte."
Woody Harrelson sah Charles Harrelson nicht nur als Mörder, sondern bis zuletzt auch und vor allem als Vater. "Mein Vater ist einer der eloquentesten, belesensten und charmantesten Menschen, die ich je kennengelernt habe", sagte er 1988. So spricht kein Sohn, der seinen Vater verachtet - für das, was er auf der einen Seite getan hat und auf der anderen versäumte zu tun. So spricht ein Mensch, der an einem anderen Menschen festhält, trotz allem. Ob sie sich am Ende sogar versöhnt hätten, wurde Harrelson im Interview mit dem "Guardian" gefragt. "Ja", sagte er, "wir haben uns ziemlich gut verstanden."
Am 23. Juli wird Woody Harrelson 60 Jahre alt. Im Stillen, aber vielleicht auch nicht im Stillen, wird er an dem Tag eines anderen Menschen gedenken: seines Vaters, des Auftragsmörders Charles Voyde Harrelson, der am selben Tag Geburtstag hatte.
Quelle: teleschau – der mediendienst