"Ich will keine Knalleffekte, sondern suche die kluge Nachfrage": Vielleicht ist mit diesem kurzen Zitat schon hinreichend beschrieben, was Anne Will und ihre gleichnamige Talkshow im Ersten auszeichnete. 16 Jahre lang versuchte sie, Politikern mehr zu entlocken als inhaltsleere Phrasen - und schaffte es auch.
Die Journalistin meisterte eine Herausforderung, die immer schwieriger wird: In der "Süddeutschen" beklagte sie nach ihrem Ausstieg eine "irrsinnige Beschleunigung von Nachrichtenverwertung und gleichzeitig einen immer rauer werdenden Empörungston". Dem habe sie "einen respektvollen, wertschätzenden Ton entgegenzusetzen" versucht. Dass Will, die am 18. März ihren 60. Geburtstag feiert, zu den besten Fragestellerinnen im Fernsehen zählte, lag sicher auch daran, dass sie zwar stets kühl wirkte, ihr Motto "Politisch denken, persönlich fragen" aber keine leere Floskel war.
Denn abseits der Kameras ist Anne Will eine sehr menschliche, offen zugängliche und lustige Person. Das sagen alle, die sie von Berufs wegen und auch privat kennen. Will stammt aus den berühmten "kleinen Verhältnissen". 1966 kam sie Kind eines Schreinermeisters und einer ehemaligen Postangestellten in Hürth bei Köln zur Welt. Sie machte Abitur und studierte in Köln und Berlin Geschichte, Politikwissenschaft und Anglistik. Beim rbb-Vorgänger SFB absolvierte die Rheinländerin ihre journalistische Ausbildung - und wurde bald als Kameratalent entdeckt. Schnell schaffte sie Besonderes: Ab November 1999 präsentierte Anne Will als erste Frau die "Sportschau", 2000 folgte die Moderation der Olympischen Spiele aus Sydney.
Anne Will: Interviews mit der "Schraubstock"-Methode
2001 wurde es dann politisch. Als Nachfolgerin Gabi Bauers trat die damals 35-Jährige ihren Job bei den "Tagesthemen" an. Sie moderierte abwechselnd zunächst mit Ulrich Wickert, später mit Tom Buhrow. Am 16. September 2007 hieß es dann: "Guten Abend und Hallo. Ich freue mich, dass Sie da sind." Damals begrüßte Anne Will zum ersten Mal Gäste in ihrer eigenen Talk-Sendung am Sonntagabend. Im Jahr 2011 übernahm Günther Jauch mit seinem Polittalk vorübergehend diesen Sendeplatz, woraufhin "Anne Will" auf den späten Mittwochabend verschoben wurde. Doch als Jauch ging, holte das Erste die Journalistin 2014 als Sonntags-Anchorwoman zurück. Durchaus eine Genugtuung für die Moderatorin.
In ihren Gesprächen setzte Will auf kurze, präzise Fragen und wiederholte Nachfragen. Im Podcast "Hazel Thomas Hörerlebnis" beschrieb 2025 sie ihre Vorgehensweise als "Schraubstock-Methode". Sie stelle zunächst eine klare Frage. Weiche das Gegenüber aus, folge eine erneute Nachfrage. Bliebe die Antwort weiter aus, werde die ursprüngliche Frage ein drittes Mal gestellt. Dann käme der "Killer", bei dem es um den finalen Kniff handele: "Du fragst: 'Warum wollen Sie die Frage eigentlich nicht beantworten?'"
Das macht Anne Will heute
Auch über zwei Jahre nach dem Ende ihrer Sendung zählt Anne Will noch immer zu den bekanntesten Talkshowmoderatorinnen Deutschlands. Insgesamt 553 Mal stand sie von 2007 bis 2023 für ihre Sendung vor der Kamera und interviewte Politiker, Experten und Wissenschaftler. Mit "Politik mit Anne Will" moderiert sie seit April 2024 selbst einen erfolgreichen Podcast, in dem sie mit ihren Gästen erneut über Politik spricht.
Quelle: teleschau – der mediendienst