Am Ende musste selbst James Bond dran glauben. In "Keine Zeit zu sterben" hatte der Superagent entgegen des Titels doch etwas Zeit übrig, um per heldenhafter Aufopferung das Zeitliche zu segnen. Das Tabu glaubten man damals offenbar brechen zu dürfen, da sich ohnehin der Abschied Daniel Craigs von der Titelrolle nahte. Sonst aber haben die Bond-Macher freie Wahl, jeder Chararkter ist vogelfrei, zum Abschuss freigegeben. Allen voran natürlich die sozio- und psychopathischen Ich-werde-die-Welt-vernichten-Schurken. Aber auch die Bond-Girls, von denen schon die eine oder andere einen effektvollen Tod starb.
Wie in Blattgold gehüllt
Besonders wirkungsvoll ist das Dahinscheiden von Bond-Girl Jill Masterson (Shirley Eaton) in "Goldfinger" (1964). Die Komplizin von Schurke Auric Goldfinger, seines Zeichens steinreicher englischer Geschäftsmann, extrem grausam und: denkwürdig gespielt von Gerd Fröbe, muss teuer dafür bezahlen, dass sie mit James Bond (Sean Connery) ins Bett ging. Die Liebeswiese sollte sie nicht mehr lebend verlassen. Derweil Bond bewusstlos ist, wird sie von denselben Handlangers Goldfingers mit Gold übergossen und also getötet, die den Agenten K.O. schlugen. Am Ende gab Jill, pardon für die pietätlose Wortwahl, eine glänzend-schöne Leiche ab.
Von der Leiche Helga Brandts (gespielt von der deutschen Schauspielerin Karin Dor) in "Man lebt nur zweimal" (1966) lässt sich das nicht gerade behaupten. Die Agentin der kriminellen Geheimorganisation S.P.E.C.T.R.E. (in der deutschen Fassung: Phantom) stirbt im fünften offiziellen "James Bond"-Film auf besonders grausame Weise. Nachdem sie den Auftrag von Oberbösewicht, S.P.E.C.T.R.E.-Leiter Ernst Stavro Blofeld (Donald Pleasance), nicht zu Ende bringen und James Bond (Sean Connery) also nicht töten konnte, landet sie qua Vergeltung für ihr Versagen in einem Piranha-Becken, wo sie von den Fischen binnen Sekunden aufgefressen wird.
Geradezu tragisch dagegen der Bond-Girl-Tod in "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" (1969). Tragisch deshalb, als Teresa "Tracy" di Vincenzo (Diana Rigg) stirbt, nachdem die größten Lebensgefahren längst ausgestanden waren - nachdem James Bond (ein einziges Mal gespielt von George Lazenby) also die finsteren Pläne Blofelds (Telly Savallas) durchkreuzt und zuletzt auch Tracy gerettet hatte. Und weil sie ums Leben kommt, nachdem sie Bond heiratete: Auf dem Weg in die Flitterwochen wird sie von Blofelds Schergin Irma Bunt erschossen. Was für eine Fallhöhe - tragisch, wie gesagt. Dass Tracy bis heute das einzige Bond-Girl ist, die der Agent ehelichte, dieses Verdienst konnten ihr ihre tückischen Mörder dennoch nicht nehmen.
Tod durch Fingerschnippen
Auf grausame Weise wird auch Corinne Dufour in "Moonraker - Streng geheim" (1979) aus dem Leben gerissen. Für das Hetzen wilder Tierbestien auf Menschen haben die Bond-Macher ein Faible. Hier kommt er ebenfalls zum Tragen. Dufour muss ihren Verrat gegenüber ihrem Arbeitgeber, dem millionenschweren Unternehmer Hugo Drax (Michael Lonsdale) teuer bezahlen. Das Zynische ihres Todes verdeutlicht die Banalität einer einzigen Geste. Ein Fingerschnippen Drax' genügt, schon stürzen sich bissige Hunde auf Corrine. Flucht vergeblich, im naheliegenden Wald findet das Leben der Hubschrauberpilotin ein jähes Ende.
Sonderlich loyal gegenüber ihrem Chef, dem Großindustriellen Max Zorin (Christopher Walken), ist auch die Handlangerin May Day (Grace Jones) in "Im Angesicht des Todes" (1985) nicht. Die Frau fürs Grobe - plausibel daher die Besetzung der Rolle mit der kantig-düsteren Pop-Größe - hat letztlich doch einen weichen, ja, sogar moralischen Kern. Sie wechselt, nach einem Verrat ihres Chefs Zorin, die Seiten und hilft am Ende James Bond. Der Gesinnungswandel ist konsequent bis hin zur radikalen Aufopferung - auch das ein beliebtes Motiv der Agenten-Reihe. May Day hilft Bond, eine Bombe aus einer Mine zu entfernen, mit dem eine verheerende Explosion ausgelöst werden soll. Und weil das nur gelingen kann, indem sie dabei stirbt, entscheidet sie sich für den Tod.
In "Die Welt ist nicht genug" (1999) bekommt es Bond (Pierce Brosnan) gleich mit zwei Girls zu tun. Mit Elektra King (Sophie Marceau, auffällig oft werden Bond-Girls von Französinnen gespielt), Tochter eines Industriemagnaten, und der Kernphysikerin Dr. Christmas Jones (Denise Richards), klug und schön wie die andere. Elektra spielt jedoch ein doppeltes Spiel mit Bond, sie steckt mit dem mit einer Atombombe hantierenden russischen Terroristen Viktor Zokas alias Renard (Robert Carlyle) unter einer Decke. So viel Durchtriebenheit bleibt nicht ungesühnt, am Ende stirbt Elektra durch die Hand des Superagenten. Die eine Liebesnacht, die sie miteinander verbracht hatten, war nicht genug.
Tod in Venedig
An das ergreifende Dahinscheiden des Bond-Girls in "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" werden die Macher von "Casino Royale" (2006) gedacht haben, als sie Vesper Lynd (Eva Green) am Ende über den Jordan schickten. Das ist fast wörtlich zu verstehen. Vesper stirbt, indem sie ertrinkt, eingesperrt in einem Aufzug, der mit ihr langsam in den Canale Grande sinkt. Tod in Venedig also - und ähnlich ergreifend wie die Ermordung der Contessa Tracy in "Geheimdienst Ihrer Majestät". Ergreifend aus zwei Gründen: Weil sich Vesper für ihren Bruder und für James Bond aufopfert. Und weil zweitens dadurch die Tragik ihrer Beziehung zu James Bond deutlich wird. Bond, diese Tötungsmaschine, erweist sich durch den Verlust seiner großen Liebe als fühlender Mensch.
Die Bond-Filme jüngeren Datums zeichnen sich überhaupt durch ihre motivischen und erzählerischen Rückgriffe auf die älteren Filme aus. Man kann das als Zitat bezeichnen, als Hommage oder als Indiz einer Ideenarmut, wie auch immer. Jedenfalls äußert sich der Blick zurück gerne im Tod des Bond-Girls. So grenzt sich der "schwarze Tod" von Strawberry Fields (Gemma Arterton) in "Ein Quantum Trost" (2008) von dem "goldenen" in "Goldfinger" ab - und ist doch gleichzeitig ein Verweis auf letzteren Film. Die Mitarbeiterin des britischen Konsulats wird von den Schergen der Terrororganisation Quantum in Öl ertränkt. Als Bond Strawberry tot in einem Hotelbett findet, ist ihre Leiche von einem Öl-Film überzogen. Von Öl, wohlgemerkt, und nicht von Gold wie Jill in "Goldfinger".
Nicht gerade der ganze Himmel stürzt auf die Erde, als in "Skyfall" (2012) das Bond-Girl Sévérine (Bérénice Marlohe) stirbt, immerhin ist die Beziehung James Bonds (Daniel Craig) zu der Frau nicht romantischer, sondern zweckmäßiger Natur - sie hilft ihm, er hilft ihr. Erschütternd - für den Agenten wie für den Zuschauer - ist ihr Tod ob der Skrupellosigkeit ihrer Ermordung dennoch. Vor den Augen Bonds wird Sévérine von ihrem Chef, dem Terroristen Raoul Silva (Javier Bardem mit schneeweißem Haar), kaltblütig ermordet. So wie es Ich-werde-die-Welt-vernichten-Schurken in den "Bond"-Filmen - und nicht nur in diesen - schon mal tun. Und wie es die "Bond"-Macher und Filmemacher überhaupt gerne zu lassen - um des effektvollen, schönen Filmtodes willen.
Quelle: teleschau – der mediendienst