Er trägt den silbernen Sternenring, der ihn als Ehrenbürger Bethlehems ausweist. 25 Mal hat Roland Breitenbach das „Heilige Land“ bereist, Nazareth, Bethlehem, Jerusalem erkundet, ist auf Jesu Spuren gewandelt, rund 300 Kilometer am Jordan entlang, von der Quelle bis zur Mündung ins Tote Meer. Beim Wandern ist dem Schweinfurter Pfarrer, den viele als „Kirchen-Revoluzzer“ kennen, die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben, in dem Jesus über sich selbst und sein Leben erzählt. Ein beinahe tödlicher Unfall im Herbst 2014 kam dazwischen. Jetzt, zu Pfingsten, erscheint Roland Breitenbachs „Jesus: eine Autobiographie – Ich und der Vater sind eins“.

Haben Sie keine Angst, dass Leute sagen: „Wie anmaßend, Jesus zu spielen“?

Roland Breitenbach: Mir ist bewusst, dass ich mir mit dem Buch Ärger einhandeln kann. Im Vorfeld habe ich viele Warnungen bekommen. Aber ich habe keine Angst. Es macht mir auch nichts aus, wenn Leute mich kritisieren, denn: Ich stehe hundertprozentig hinter diesem Buch. Die Verantwortung für eine Autobiographie trägt der Biograph.

 

Das Buch beinhaltet revolutionäre Thesen.

Was heißt revolutionär? Alles, was in dem Buch steht, kommt direkt aus der Bibel. Man muss sie nur genau lesen. Vieles davon wird in der Kirche nicht erzählt – zum Beispiel, weil dann Marias jungfräuliche Geburt in Frage gestellt werden müsste. Und das Zölibat, weil es eine Erfindung der Kirche in Rom ist.

Können Sie das belegen?

In der Bibel – 1. Tim 3,2 – heißt es, dass der Bischof „ein Mann nur einer Frau“ sein soll. Das ist eindeutig: Der Bischof muss eine Frau haben. Und was Jesu Familie angeht: Die Bibel (Mt 13, 55) spricht von Jesus als dem „Erstgeborenen“ und eindeutig von Brüdern und Schwestern, sie nennt sie sogar namentlich: Jakobus, Josef, Judas und Simon, Rahel und Mirjam.

Sie erklären viele von Jesu Wundern als ganz natürliche Phänomene. Etwa die Speisung der 5000 oder die Verwandlung von Wasser in Wein während der Hochzeit zu Kana.

Ja. Viele Wunder sind Sinngeschichten, mit denen die frühen Christen Jesu Leben verdeutlichen wollten. Die Bibel ist voll von Sinngeschichten! Der von Herodes angeordnete Kindermord nach der Geburt Jesu in Bethlehem, von dem das Matthäusevangelium erzählt, ist eine Erfindung – Herodes hat zu dieser Zeit gar nicht mehr gelebt. Aber man brauchte eine Begründung für die „Flucht“ von Maria, Josef und Jesus nach Ägypten. Oder nehmen wir die wundersame Brotvermehrung. Fladenbrot wird über einem Kessel gebacken und ist riesig. Man kann es in viele Teile brechen. So wird es auch gewesen sein – Jesus wollte den Menschen das Teilen beibringen.

Und wie erklären Sie die Wandlung von Wasser in Wein?

Seit ich in Kana war und den Ort besichtigt habe, ist mir klar: Jesus hat die peinliche Situation, dass bei der Hochzeit der Wein ausging, dadurch gerettet, dass er ganz einfach neuen Wein aus der Kellerei in der Nachbarschaft geholt hat.

Sie nehmen Jesus quasi seine Wunder weg. Wird er dadurch nicht zu klein, um der Sohn Gottes sein zu können?

Keineswegs! Jesus ist Mensch geworden, ein Mensch wie wir – warum darf man nicht sagen, dass er Geschwister hatte und wahrscheinlich auch verliebt gewesen ist, in Maria von Magdala, die ihn als Wanderprediger finanziell unterstützt hat? Jesus selbst hat gesagt: Die Wahrheit wird euch frei machen. Das ist etwas ganz Entscheidendes: Wahrheit. Daran fehlt es der Kirche heute – und die Menschen merken das, ziehen sich zurück. Das ist nicht in Jesus Sinn. Er wollte nichts verstecken, nichts vertuschen, und sich selbst auch nicht überhöhen. Mit meinem neuen Buch will ich erreichen, dass die Menschen ein ganz persönliches Verhältnis zu Jesus bekommen, frei von allen Erfindungen und Übertreibungen – und fern vom Kirchendiktat!

Ist das Ihr Weg, den Glauben und das Christsein wieder populärer zu machen – nach all den Skandalen, zum Beispiel um Luxus-Bischof Tebartz-van Elst oder um vertuschte Missbrauchsfälle?

Ich glaube, es ist der einzig richtige Weg. Es ist viel schief gelaufen – nicht nur, aber gerade auch in der katholischen Kirche. Ich selbst habe von drei Missbrauchsgeschichten erfahren, die von der Obrigkeit unter den Teppich gekehrt wurden! Besonders schlimm war für mich, dass ich beim Bischof kein Gehör fand, als ich von pädophilen Neigungen eines angehenden Priesters erzählt habe. Der Betreffende wurde wenig später trotzdem zum Priester geweiht. Es ging nicht lange gut, bis die ersten Missbrauchsfälle bekannt wurden.

Sie waren schon immer als Pfarrer bekannt, der sich gegen Statuten auflehnt, wenn sie ihm unsinnig erscheinen. Inwiefern hat Ihr schwerer Unfall vor dreieinhalb Jahren Sie verändert? Sie sind beim Radfahren gestürzt und haben sich schwerste Kopfverletzungen zugezogen…

Ja, ich lag einige Tage im Koma. Wenn man mal so nahe bei Gott war wie ich, dann will man keine Zeit mehr mit unnützen Dingen, mit Angst und Zaghaftigkeit verschwenden. Ich denke, ich bin seit dem Unfall noch etwas mutiger geworden – auch wenn, oder gerade weil, ich die Folgen des Unfalls körperlich und geistig noch immer spüre. Mein Gedächtnis spielt mir manchmal Streiche, Namen fallen mir nicht ein, und das Laufen ist schwer. Aber ich trainiere täglich.

Halten Sie auch wieder Gottesdienste? Früher war Ihre Kirche die wohl bestbesuchte Frankens.

Ich halte jeden Freitag den 9-Uhr-Gottesdienst in St. Michael in Schweinfurt. Es sind Themengottesdienste, die sich um alle möglichen Dinge des Lebens drehen können – um Frauen, Liebe, Vergebung… Dazu versehe ich auch oft alte Kirchenlieder mit neuen Texten, die in die Zeit passen. Ich habe eine treue Schar von 70 bis 80 Menschen, die regelmäßig kommen, und ich freue mich immer wieder über neue Gesichter. Aber mehr als diese Freitagsgottesdienste mache ich nicht – mein Körper ist halt gebrechlicher geworden. Trotzdem ist mir die Begegnung mit den Menschen nach wie vor sehr wichtig. Das Gespräch ist das, was zählt – und was in der heutigen Kirche mit Pfarrermangel und riesigen Pfarreiengemeinschaften leider oft zu kurz kommt.

Schade, dass Sie Jesus im Alter von rund 20 Jahren seine „Autobiographie“ schreiben lassen. Es wäre interessant zu lesen, was er zu seiner Auferstehung und den Theorien drumherum sagt.

Er würde sagen, dass er aufgenommen ist in die Liebe und das Erbarmen Gottes. Und sicher würde er einige Kirchen-Traditionen und Geschichten in ein neues Licht rücken. Zum Beispiel die Feste Christi Himmelfahrt und Mariä Himmelfahrt. Die hat man erst im 5. Jahrhundert erfunden. Ansonsten würde er genau das Gleiche sagen wie schon vor seinem Tod: dass vor Gott alle gleich sind, Männer und Frauen. Dass der Mensch und die Menschlichkeit mehr zählt als jedes Gesetz.

Was erhoffen Sie sich von der „Autobiographie Jesu“?

Ich hoffe, dass viele Menschen sich ihrer Botschaft öffnen, nämlich: dass die Liebe das Wichtigste ist und dass sie auch nach dem Tod bleibt. Das Reich Gottes entsteht in den Herzen der Menschen! Ich freue mich, wenn die Leute durch das Buch ins Gespräch miteinander kommen. In der Kirche muss mehr geredet werden. Und zwar Klartext. Es ist höchste Zeit für die Wahrheit.

Ein besonderer Mensch

Roland Breitenbach: Geboren am 7. August 1935, wuchs er in Aschaffenburg auf, wo er 1957 Abitur machte. Er studierte Theologie und wurde 1963 in Würzburg zum Priester geweiht. Nach Stationen in Retzstadt und Bad Kissingen übernahm er 1974 die Stelle als Pfarrer der Schweinfurter Pfarrei St. Michael. Zu seinen Motorrad- und Jugendgottesdiensten kamen Tausende. Er hat viele soziale Projekte ins Leben gerufen. 2010 ging er in Ruhestand. Am 4. Oktober 2014 hatte er nahe Werneck einen lebensgefährlichen Fahrradunfall, musste mehrfach operiert werden und lag tagelang im Koma. Breitenbach hat zahlreiche Bücher veröffentlicht.

Buch: „Jesus – eine Autobiographie. Ich und der Vater sind eins“ erscheint am Pfingstsamstag, 19. Mai, im Schweinfurter Reimund Maier Verlag. ISBN: 978-3-926300-70-6. Kosten: rund zehn Euro. Erhältlich im Buchhandel und im Pfarrbüro St. Michael in Schweinfurt.