War ja klar, dass es hier nach Leder riechen würde: Die grauen Sessel im Büro von Thomas Mücke verströmen den Duft, den der Chef des gleichnamigen Schuh-Imperiums einfach immer um sich braucht. Sein Händedruck ist fest, er lächelt und wirft einen ersten Blick ins Gesicht des Gesprächspartners. Sein zweiter Blick geht tiefer.
Doch erst einmal hineingesetzt in die bequemen Sessel mit dem guten Geruch. Leder. Der Stoff, aus dem die Träume des 51-Jährigen sind. Schon in seiner Kindheit waren: Als seine Eltern 1954 mit dem Verkauf von Schuhen aus dem VW-Bus heraus im Kulmbacher Land begannen und später ihren Laden ins Dachgeschoss ihres Wohnhauses verlagerten, war der kleine Thomas immer mittendrin. "Mir war schon früh klar, dass ich das auch mal machen will", sagt Mücke.

Ende der 60-er Jahre entschlossen sich seine Eltern zu einem Neubau am Ortsrand von Kulmbach. Das war der Grundstein für das heutige Unternehmen. Thomas Mücke lernte Einzelhandelskaufmann, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete in München in der Unternehmensberatung. "Da habe ich genau gesehen, was funktioniert, was nicht und wie man eine Firma zum Erfolg führt," sagt Mücke.

"Massiv eingeschränkt"


Mit diesen Erfahrungen kehrte er nach Kulmbach zurück - dort wohnt er noch heute - und übernahm 1989 den Betrieb seiner Eltern. Heute zählt er zu den Großen der Branche in Deutschland. Gerade hat er einen neuen Laden im Gewerbegebiet Trosdorf (Gemeinde Bischberg bei Bamberg) eröffnet, wo er eine Verkaufsfläche von 6000 Quadratmetern bewilligt bekam. "Es gibt nur sehr wenige Gebiete für solche großen Ansiedlungen", sagt Mücke. "Vielen Gemeinden wird so eine Möglichkeit vorenthalten. Die Standortfindung und Genehmigung solcher Flächen scheitert an der Planwirtschaft. Da hängt die Raumordnung der Marktentwicklung hinterher", kritisiert er und wird noch deutlicher: "Das ist eine Beschneidung unternehmerischer Freiheiten. Ich empfinde das als Wettbewerbsbehinderung und fühle mich massiv eingeschränkt, was meine Handlungsfähigkeit gerade in Konkurrenz zum Internethandel angeht."

Mücke hat in den vergangenen Jahren einen Laden nach dem anderen eröffnet, zwei weitere sollen 2013 folgen. Welchen Umsatz er damit macht, will er nicht sagen. Wohl aber, dass jeder Markt etwa drei Millionen Euro kostet - mit Waren und Ladeneinrichtung. Außer in Kulmbach gibt es Mückes Schuhe, Kleidung und Accessoires in Forchheim, Ingolstadt, Regensburg, Schweinfurt und Nürnberg. Der größte Mücke sitzt mit 6500 Quadratmetern Fläche im ehemaligen Quelle-Kaufhaus in Fürth.

Bis Ende September gab es außerdem eine Filiale am Laubanger in Bamberg, für die der Mietvertrag noch zehn Jahre läuft. Dort startete Mücke vor 14 Jahren mit einer Verkaufsfläche von 1500 Quadratmetern und erweiterte vier Jahre nach der Eröffnung auf 2400 Quadratmetern. Nicht genug in einer Zeit, in der sich die Handelslandschaft allein durch den Markteintritt des Onlineversenders Zalando verändert. "Durch den Internethandel haben wir eine enorme Verschiebung der Marktanteile", sagt Mücke. Der stationäre Handel könne sich nur behaupten und entwickeln, "wenn er vor Ort ein attraktives und wettbewerbsfähiges Angebot schafft".

Dazu gehöre auch eine zeitgemäße Verkaufsform. "Mindestens 3000 Quadratmeter Verkaufsfläche müssen es schon sein", sagt Mücke. Eine Erweiterung seines Geschäfts am Laubanger in Bamberg - das im Dezember als Outlet wieder eröffnet wird - war nicht mehr möglich. Also musste sich Mücke nach einer Alternative umschauen. Er fand sie in Trosdorf, einem Gebiet mit Einzelhandelsgenehmigung ohne Einschränkung. Dort konnte sich Mücke ausbreiten und sein Sortiment um Textil-Markenshops erweitern.

70.000 Paar Schuhe pro Filiale


Hier jedes Kleidungsstück zu beziffern, wäre zuviel verlangt. Bei den Schuhen muss der Unternehmer aber nicht überlegen: 70 000 Paar stehen in einer normalen Filiale. Den Einkauf übernimmt der Chef mit zwei Mitarbeitern. Von 240 Lieferanten sind 200 "gesetzt", ihre Schuhe kommen automatisch ins zweimal jährlich wechselnde Sortiment. Was bis Saisonende nicht verkauft ist, wandert in die Outlets.

Dort und in den Filialen hat Mücke bayernweit 550 Mitarbeiter angestellt. Nur Vollzeit- oder Vier-Tages-Kräfte, "die Verkäuferinnen haben sonst keinen Überblick über das Sortiment", sagt der Chef. Damit die Kunden den Überblick behalten, sind die Schuhe nach Größe und Farbe sortiert. Exklusive Modelle stehen auf eigenen Regalen.

"Frauen kaufen erst mal die Kleidung und dann die Schuhe. Da brauchen sie dann die passende Farbe und die bekommen sie auf einen Blick." Frauen. Sie sind Mückes Hauptkunden, wen wundert's. "Der Damenschuh ist einem gewissen modischen Wandel unterzogen", sagt Mücke. Frauen kaufen also nicht nur gern und häufiger Schuhe, sie müssen quasi. Wegen der Mode. Herren dagegen lägen mit einem klassischen Schuh immer richtig. "Der hält bei guter Pflege mindestens zehn Jahre. So ist ein teurer Schuh auf Dauer gesehen billiger."

Dass ein "guter" Schuh teuer sein muss, begründet Mücke mit besserem Material und besserer Verarbeitung. "Wenn Sie den ganzen Tag auf den Beinen sind, merken Sie jede 20 Euro mehr." Dasselbe, nur in die andere Richtung, merke man in billigeren Schuhen. Sie seien heute wegen der hohen Lederpreise meist aus Synthetik.
Welche Schuhe sein Gegenüber trägt, sieht Mücke mit einem - dem zweiten - Blick. Ob er aus der Fußbekleidung Rückschlüsse zieht und manchmal denkt: Oje, das geht ja gar nicht? "Manchmal finde ich es schon erschreckend, wie wenig Wert auf gute Schuhe gelegt wird," sagt er und fügt hinzu: "Oben hui, unten pfui." Dann schlägt er die Beine übereinander. Seine Füße stecken in schwarzen Stiefeletten. Da war er wieder, der Traumstoff. Leder.