Wie werden Produkte hergestellt, die sich später wieder recyceln lassen - und wie groß ist das Interesse der Unternehmen daran?
Rolf Steinhilper: Es kommt hauptsächlich auf drei Dinge an: 1. Einsatz recyclingfähiger Werkstoffe; 2. weitestgehende Vermeidung von giftigen/toxischen Bestandteilen, die insbesondere in der Elektronik häufig zu finden sind, und 3. zerlegefreundliche Konstruktionen. Allerdings - und durchaus berechtigt - denken viele Unternehmen inzwischen schon weiter: Lieber auf recyclingfreundliche Werkstoffe verzichten, wenn damit ein höheres Ziel erreicht werden kann: signifikante Energieeinsparungen durch Verwendung nicht voll recyclingfähiger Leichtbauwerkstoffe: Dies nutzt der Umwelt unterm Strich oft mehr als krampfhafte Recyclinganstrengungen.

Geht es auch darum, Produkte herzustellen, die möglichst lange halten und sich reparieren lassen?
In der Tat denkt man inzwischen mindestens so intensiv über bessere Reparaturmöglichkeiten nach wie etwa vor zehn Jahren über Recyclingmöglichkeiten. Hintergrund ist weniger eine angestrebte extreme Langlebigkeit der Produkte sondern mehr die Tatsache, dass Produkte inzwischen Garantiezeiten von zwei Jahren oder mehr haben. Automobile werden in einigen Märkten schon mit Servicepaketen für sieben Jahre zum Pauschalpreis verkauft. Da haben die Hersteller ein ureigenes Interesse, alle Reparaturen, für deren Kosten sie nun selbst aufkommen müssen, konstruktiv zu begünstigen.

Sie haben sich damit beschäftigt, dass bei Autos oft ganze Bauteile ausgetauscht werden, obwohl sie repariert werden könnten, Elektronik ist so verschweißt, dass sie sich schwer für eine Reparatur öffnen lässt und oft ist die Rede von einer Sollbruchstelle, durch die Verbraucher nach einer Zeit ein neues Produkt kaufen - steckt Methode hinter der "Wegwerfgesellschaft"?
Austauschen geht schneller als Reparieren - und erfordert weniger Knowhow; aber natürlich ist es viel teurer. Solange die Kunden sich das gefallen ließen, schien diese Tendenz nahezu unaufhaltsam. Doch eine Trendwende hat eingesetzt. Innovative Pioniere der Servicebranche haben den Reparaturmarkt neu aufgemischt. Auch das EU-Wettbewerbsrecht hat geholfen. Kein Hersteller hat mehr ein Servicemonopol, sondern muss selbst neue Ideen entwickeln. Der Begriff "Sollbruchstelle" gilt technisch für etwas anderes. Z.B. bricht die Parkhausschranke an ihrer eingebauten Sollbruchstelle, wenn man dagegen fährt, statt die Windschutzscheibe zu zerschmettern. Statt, wie häufig gemunkelt wird, elektronisch ein "Verfallsdatum" in das Produkt einzuprogrammieren, an dem es kaputt geht, hat man inzwischen gelernt, dass man den Kunden damit mehr verärgert, als man sich eventuell auf einen erneuten Umsatz mit einer Reparatur oder einem Ersatzprodukt freuen kann.
Kennen Sie auch andere Beispiele, also solche, bei denen es dem Hersteller darum geht, eine "Anschaffung für's Leben" zu verkaufen?
Den "schwarzen Peter" haben hier eher die Konsumenten als die Produzenten. Vielleicht zehn Prozent der Konsumenten können sich für eine "Anschaffung für's Leben" begeistern - natürlich abhängig von der Branche: eine Einbauküche rangiert hier anders als ein Mobiltelefon. 90 Prozent wollen "öfter mal was Neues". Zudem sorgt in vielen Sektoren, insbesondere bei Produkten, die Energie verbrauchen, die Innovation schon dafür, dass man mit "Produkten von gestern" der Umwelt einen Bärendienst erweist, wenn man nicht rechtzeitig auf etwas Zeitgemäßes umsteigt.

Sie haben geschrieben, dass jeder Euro Umsatz im Verkauf das dreifache im Service bringen könne - Reparaturen als Marktlücke für Kleinunternehmen?
Ja.

Warum lassen die Hersteller sich dieses Geschäft entgehen?
Weil die Hersteller an zentralen Standorten - im Land oder in Fernost - produzieren, wo sie ihre Stärken und Kostenvorteile durch große Stückzahlen und gute Planbarkeit haben. Reparaturen und Service erfordern dagegen dezentrale Lösungen - sie müssen vor Ort erfolgen und sind nur eingeschränkt planbar. Wenn man das zentral organisieren will, muss man mit hohen Dispositionsaufwendungen für Personal bzw. hohen Logistikkosten für die einzusendenden Reparaturfälle rechnen. Da schlägt die Stunde für die engagierten Spezialisten in der Fläche - von Pegnitz bis Perth.

Die Fragen stellte Natalie Schalk.


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