In Thüringen hätten bis zu 65 Prozent der berechtigten Leiharbeiter die seit November obligatorischen Zuschläge nicht erhalten, sagte der Leiter des IG-Metall-Bezirks Mitte, Armin Schild, am Dienstag in Frankfurt unter Berufung auf Betriebsratsinformationen. In Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland seien bis zu 40 Prozent der Berechtigten leer ausgegangen.

Die Arbeitgeber hätten ihre Angestellten vorab heruntergestuft, vorher gewährte Zulagen illegal verrechnet oder schlicht die Auszahlung der Zuschläge verweigert, erklärte Schild. Man gehe davon aus, dass mindestens die Hälfte der rund 12 000 aktiven Verleihunternehmen bereit sei, die bestehenden Tarifnormen zu unterlaufen. «Die schwarzen Schafe machen in dieser Branche die Hälfte der Herde aus.» Die Verleihfirmen ließen es häufig auch auf Klagen der betroffenen Arbeitnehmer ankommen, die zudem mit Kündigung bedroht würden, sobald sie sich wehrten.

Seriöse Anbieter stünden unter erheblichem Druck durch Dumpinganbieter und müssten geschützt werden, ergänzte der Koblenzer Sozialwissenschaftler Stefan Sell. Als Umgehungsstrategie propagiere die Branche zunehmend Werkverträge, die von den Betriebsräten noch schwerer zu kontrollieren seien. «Die Fleischindustrie ist davon bereits gänzlich durchzogen, jetzt geht es im Einzelhandel los.» Viele Anbieter gründeten Töchter zur Organisation von Werkverträgen.

Die Gewerkschaft verlangt eine schärfere Kontrolle sowohl der Verleihgeschäfte als auch der Werkverträge. Auch die entleihenden Firmen seien in der Pflicht, die Einhaltung der Tarifverträge zu kontrollieren, sagte Schild. Die Zeitarbeitsbranche sei nach seiner Einschätzung nicht zu einem Selbstreinigungsprozess fähig, weil den Verbänden Sanktionen gegen die eigenen Mitglieder fehlten.

«Wenn Zeitarbeit deutlich verteuert wird, sind Reaktionen das Normalste auf der Welt. Für illegale Umgehungen, die wir selbstverständlich verurteilen, liegen uns keine Erkenntnisse vor», kommentierte Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, die Vorwürfe. Wenn übertarifliche Prämienzuschläge mit den Branchenzuschlägen verrechnet würden, sei das eine freie ökonomische Entscheidung, die nicht zu beanstanden sei. Vorwürfe illegaler Praktiken müssten belegt werden.

Die Zeitarbeitgeberverbände BAP und IGZ wiesen die Vorwürfe zurück. Man tue alles, um die Mitglieder zu einem tariftreuen Verhalten zu bewegen, erklärte eine BAP-Sprecherin in Berlin. Zudem solle im kommenden Jahr ein verbandsinternes Schiedsgericht eingerichtet werden, das sich mit Streitfällen befassen werde. An eine Beteiligung der Gewerkschaften sei dabei aber nicht gedacht. IGZ-Hauptgeschäftsführer Werber Stolz warf Schild Voreingenommenheit vor. Seine Anschuldigungen grenzten an übler Nachrede. Stolz verwies auf die beim IGZ bereits eingerichtete Schlichtungsstelle.

Die Arbeitgeber hatten in diesem Jahr erstmals mit der IG Metall und weiteren Gewerkschaften Tarifverträge über gestaffelte Branchenzuschläge vereinbart. Sie sollen an Leiharbeiter gezahlt werden, die mindestens sechs Wochen im selben Betrieb eingesetzt sind. Mit den Zuschlägen soll der Lohnabstand zu den Stammbelegschaften verringert werden. Sollte die tarifliche Regelung scheitern, müsste nach IG-Metall-Verständnis der Gesetzgeber die Gleichbezahlung durchsetzen.