Nehmen wir Maria M.: Sie ist alleinerziehend. Nach etlichen befristeten Jobs bei einer Zeitarbeitsfirma hat sie endlich einen festen Arbeitsplatz. 7,50 Euro verdient sie pro Stunde - da sind zusätzliche Ausgaben wie ein Ausflug ihres Sohnes mit dem Hort nicht drin. Oder nehmen wir Hanna W.: Sie verdient als Friseurin so wenig, dass sie "aufstocken" und Hartz IV beziehen muss.

Zwei Beispiele, die in unendlichen Ausprägungen fortgeführt werden könnten und die ein gemeinsames Problem definieren: Es gibt Menschen, die trotz Arbeit arm sind, die trotz Einkommens nicht ohne zusätzliche Staatsleistungen leben können - vor allem in der Metropolregion Nürnberg.


Schlusslicht Nürnberg

Hier bekommen knapp 31 600 Erwerbstätige Arbeitslosengeld II, das ist fast ein Drittel der 89 300 "Aufstocker" in Bayern (Statistik 2013). Schlusslicht in Bayern (1,05 Prozent) ist Nürnberg (2,77 Prozent), gefolgt von Erlangen, Bamberg, Coburg und Bayreuth. Die geringsten Anteile von Niedriglohn beziehenden Vollzeitbeschäftigten finden sich in den Landkreisen Schweinfurt und Hof.

Arm trotz Arbeit: Wie kommt es dazu? Wer ist betroffen? Wird es zur Zukunftshypothek für die Region, wenn das Problem nicht gelöst werden kann? Das sind die Fragen, auf die Thomas Beyer Antworten sucht. Der Professor für Recht in der Sozialen Arbeit an der Technischen Hochschule Nürnberg hält beim Wissenschaftstag der Metropolregion (siehe Infobox) einen Vortrag zum Thema und kann dazu aus dem Vollen schöpfen.

Beyer engagiert sich als Landesvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Bayern und im Awo-Präsidium auf Bundesebene, zwei Jahre lang war er Sprecher der Nationalen Armutskonferenz. Er hat mit unzähligen Betroffenen gesprochen, sich in Wärmestuben umgesehen und vor allem hat er Zahlenmaterial ausgewertet - und es zu einem Buch mit dem Titel "Arm in einem reichen Land - Armut auch in Bayern" verarbeitet.

Die Menschen verdienen einfach zu wenig

Beyer weiß, warum Maria M. und Hanna W. trotz Arbeit arm sind. Es klingt einfach, aber bitter: Sie verdienen zu wenig. Im Gegensatz zu Maria M., die irgendwie mit ihrem Gehalt auskommen und kein Arbeitslosengeld beantragen will, bleibt Hanna W. keine andere Wahl. Sie könnte ohne Hartz IV ihr Leben nicht bestreiten, weil sie in die Gruppe fällt, die Sozialrechtler Beyer als besonders gefährdet bewertet: "Die meisten Aufstocker haben nur ein Einkommen von bis zu 450 Euro. Viele arbeiten weniger als 22 Stunden pro Woche." Deshalb, prognostiziert Beyer, "werden die meisten auch nach Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro weiter Hartz IV benötigen."
Minijobber sind oft Frauen, die ein paar Euro zum Haushaltseinkommen beisteuern wollen oder müssen. Oft rutschen Frauen aber auch nach einer Trennung in ein schlecht bezahltes Arbeitsverhältnis - zum Beispiel im Gastgewerbe, klassischer Niedriglohnsektor neben der Land- und Forstwirtschaft.


13,8 Prozent der Bevölkerung an der Schwelle zur Armut

Doch selbst wer in Vollzeit erwerbstätig ist, muss nicht ausgesorgt haben. Armutsgefährdet ist, wer über weniger verfügt als 60 Prozent des "mittleren" Einkommens. Dieses lag 2009 in Bayern bei 1676 Euro je Einwohner, in Oberfranken bei 1707, Mittelfranken bei 1704 und Unterfranken bei 1658 Euro. Die Schwelle zur Armut ist in Bayern bei einem Einkommen von 942 Euro für eine Person und 1978 Euro für zwei Erwachsene mit zwei Kindern überschritten. Davon betroffen waren 2010 in Bayern 1,635 Millionen Menschen, das sind 13,8 Prozent der Bevölkerung.

Besonders gefährdet sind Alleinerziehende mit mehr als einem Kind - und Geringqualifizierte. Hier setzt Sozialrechtler Beyer mit seiner Zukunftsthese für die Region an: "Es ist eine Hypothek, wenn man betrachtet, dass pro Jahrgang etwa zehn Prozent der Jugendlichen ohne Schulabschluss dastehen." In Nürnberg seien zehn Prozent der ALG-II-Bezieher unter 25 Jahren. Weil es immer weniger Hilfsjobs gebe und stattdessen Qualifikation gefragt sei, sieht Beyer nur eine Lösung: "Bildung ist der einzige Zugang, um die Strukturen zu verändern."


Teilhabe für arme Familien

Ein Ansatz ist das bundesweit bisher einmalige Modellprojekt "Perspektiven für Familien", das seit 2010 in Nürnberg läuft. Es unterstützt langzeitarbeitslose Eltern beim Wiedereinstieg ins Berufsleben und verbessert gleichzeitig mit individuellen Angeboten die Bildungschancen der Kinder. "Hier können Eltern zum Beispiel Geld für den Jahresbeitrag im Fußballverein beantragen", sagt Beyer. "Das ermöglicht die gesellschaftliche Teilhabe der gesamten Familie."

Vielleicht gelingt es, das Projekt auf die gesamte Metropolregion auszudehnen. Doch so löblich es ist: Es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Beyer hat deshalb klare Forderungen: "Die Fehlentwicklungen auf dem Arbeitsmarkt wie befristete Arbeitsstellen müssen gestoppt werden." Wegen der steigenden Mietpreise und Energiekosten müsste außerdem die Höhe der Grundsicherung überprüft werden.

Würde die Friseurin Hanna W. gar nicht arbeiten und nur Hartz IV in Anspruch nehmen, hätte sie 400 Euro mehr im Monat. Die Vermittlerin im Jobcenter sagte zu ihr: "Dann machen Sie das doch!" Aber Hanna W. will arbeiten - und holt sich ihr Essen bei der Tafel.


Der Wissenschaftstag im Überblick

Termin Der 8. Wissenschaftstag der Europäischen Metropolregion Nürnberg findet am Freitag, 25. Juli, an der Technischen Hochschule Nürnberg (Standorte BL - Bahnhofstraße 87 und BB - Bahnhofstraße 90) statt. Die Veranstaltung bezeichnet sich als "wissenschaftliches Schaufenster Nordbayerns" und dient dem Austausch mit politischen Akteuren auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene und dem Kontakt der Felder Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Bildung.

Gastgeber des Wissenschaftstags sind die Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm und die Stadt Nürnberg.

Veranstalter ist das Forum Wissenschaft der Europäischen Metropolregion Nürnberg. Das Forum Wissenschaft ist eines von sieben Fachforen der Metropolregion, das das wissenschaftliche Profil der Region stärken soll. Die derzeit über 70 Mitglieder repräsentieren die wissenschaftlichen Einrichtungen in der Metropolregion, stimmen unterschiedliche Interessen miteinander ab und schreiben das technologische Entwicklungsleitbild auf dem Gebiet der Metropolregion fort.

Zielgruppe Der Wissenschaftstag richtet sich an alle Interessierten aus der Europäischen Metropolregion Nürnberg und darüber hinaus, die beruflich oder privat mit den Themenbereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Bildung, Gesundheit und Kultur zu tun haben.

Programm Auf dem Programm stehen die Schwerpunkte Bildung und Gesellschaft (Standort BB) sowie Kultur und Künste, Stadt und Wirtschaft (Standort BL). Die Vorträge beginnen um 15.15 Uhr.

Vortrag von Thomas Beyer Im Panel "Gesellschaft" - Beginn 15.15 Uhr, Standort BB - stehen unter dem Motto "Espresso" spannende Projekte in fünf Minuten auf dem Programm. Eines davon ist der Vortrag von Prof. Thomas Beyer, der über sein Thema "Arm trotz Arbeit" spricht. Im Anschluss findet eine Podiumsdiskussion statt.