Horst Seehofer ist abgetaucht. Der CSU-Chef verbringt die Ostertage zu Hause und hat sich aus der aktuellen politischen Diskussion für ein paar Tage ausgeklinkt. Welches Überraschungsei der Ministerpräsident im heimatlichen Altmühltal ausbrütet, ist spannend. Erst einmal sieht es so aus, als würde der in der Klausur abgetauchte "Horst" die Lufthoheit über die Schlagzeilen verlieren.

Es ist ungewöhnlich, dass mal nicht der Seehofer redet, sondern dass über ihn geredet wird, noch dazu parteiintern und alles andere als liebenswürdig. Hartmut Koschyk aus Forchheim und Peter Ramsauer haben das Niemandsland, das der CSU-Chef im österlichen Frieden hinterlassen hat, für Sticheleien genutzt, die eigentlich Seehofers Spezialität sind.

Die bei dem Zusammenzimmern der großen Koalition in Berlin von Seehofer höchstpersönlich geschassten CSU-Politiker kritisieren in ungewöhnlicher Offenheit und Schärfe Seehofers Führungsstil. "Er hat mich in einem Telefongespräch von drei Minuten abgekanzelt, und das war's dann", sagt Koschyk, bis Ende 2013 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, jetzt Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten.


Dialektisch raffiniert

Koschyk machte sich zum Sprecher der CSU-Minderheit, besser: Winzigkeit, die den Führungsstil Seehofers laut zu kritisieren wagt. Dialektisch raffiniert mit dem Hinweis auf die christlichen Tugenden, die eine Partei mit dem C im Namen pflegen sollte. Da trifft der Oberfranke eine der Achillesfersen des oberbayerischen Parteichefs, dem das U wie Union, sprich die Einigkeit, als wichtigste Maxime gilt: Ihr sollt keinen anderen Parteichef neben mir haben. Das funktioniert vor allem dann, wenn die CSU den Wahlkämpfer braucht, den Polarisierer und Populisten, der, wenn es darauf ankommt, eine Unbesiegbarkeit ausstrahlt wie der FC Bayern. Die Bundestagswahl, die Landtagswahl, die Kommunalwahl: Bayern und die CSU sagen, was gespielt wird.

Die Qual der Wahl beginnt für Seehofer nach der Wahl. Seine lange stummen oder nur hinter vorgehaltener Hand halblauten Kritiker spüren, dass dem allmächtigen Chef in der Ödnis zwischen den Wahlkämpfen das Heft aus der Hand gleitet. Koschyk beschwört die Tugenden der Partei, Ramsauer, der jetzt arbeitslose frühere Verkehrsminister, stimmt ein und trifft Seehofer an einem zweiten wunden Punkt: Er schiebt dem CSU-Chef die Schuld für ein mögliches Scheitern der Energiewende zu, denkt laut über eine längere Laufzeit der Kernkraftwerke nach. "Den Ramsauer, den können Sie getrost vergessen", ätzt Seehofer zurück.

Doch gerade bei der Energiewende holt die Realität den Ministerpräsidenten ein: Er verspricht den Bürgern, dass Bayern den Bau neuer Stromtrassen verhindert, und hat dabei vergessen, dass Bayern genau das Bundes-Gesetz unbedingt gewollt hat, das die Grundlage für den Bau der Leitungen ist. Für den Bau so schnell wie möglich.
So als könnte Bayern im Alleingang über die Energiepolitik entscheiden, die ganz Deutschland, ja Europa betrifft. Und als könnte Horst, der Don Quichotte der Energiepolitik, per Dekret dafür sorgen, dass nicht mehr schmutzig brauner Kohlestrom, sondern nur noch grüner Strom nach Bayern fließt. Warum nicht gleich blau-weißer?
Neben den Lautsprechern Ramsauer und Koschyk gibt es nicht zuletzt wegen solcher Stilblüten eine innerparteiliche Opposition, still, aber von wachsender Größe. Sie nagt am Fundament des Parteichefs, dem entgleitet, was die CSU in Bayern stark macht: die kommunalpolitische Basis. Seehofers populistisches Wettern gegen die Windräder und Stromtrassen ist ein Symptom dafür, dass er selbst merkt, woran es krankt.


Aus der Traum

Die Energiewende hatte die CSU der Kommunalpolitik einst als Chance schmackhaft gemacht, durch Windparks und regionale Energiewerke ein Stück vom milliardenschweren Kuchen zu bekommen. Aus der Traum. Stattdessen dürfen sich die Gemeinden wieder mit der Windkraft-Planung und möglichen Ausnahmen von der Abstandsregel herumschlagen, die Seehofer in Berlin durchgepaukt hat. "Wir haben Jahre verloren und bislang nur draufgelegt", schimpft ein führender Kommunalpolitiker der jungen Garde der CSU in Unterfranken.

Bei so viel Wind werden andere Kriegsschauplätze fast übersehen: Geseehofert wird auch die Schulpolitik, ebenfalls zu Lasten der Kommunen: Erst hat Bayern die Gymnasialzeit gegen alle Bedenken auf acht Jahre verkürzt und das G8 zum Dogma erklärt. Jetzt kehrt Seehofer via "G8 plus" wieder zum G9 zurück. Oder auch nicht.
Nach Ostern wird man sicherlich auch da schlauer sein. Vielleicht. Denn es ist ja Europawahlkampf. Vier Tage Osterruhe sollten Seehofer reichen für eine Strategie, mit der er erst mal wieder Schlagzeilen gewinnt.