Mesut Özil schweigt: "Aus dem Migrationshintergrund könnte Özil schießen" - das war eine schöne Formulierung vor sechs Jahren in der "Süddeutschen Zeitung". An keinem anderen Spieler reiben sich die Fußball-Experten so gerne, wie an dem 29-jährigen Mesut Özil, der fast eine Staatsaffäre wegen seines Fotos mit Erdogan ausgelöst hat. Dass er als einer der Schuldigen am blamablen Auftritt gegen Mexiko ausgemacht wird, ist keine Überraschung. Aber stimmt das?


Wortlos durch die Mixedzone

Ob die Affäre um das Erdogan-Foto den sensiblen Arsenal-Spieler so lähmt, wie es seine Kritiker glauben, ist nur eine Hypothese, denn Özil schweigt seit nunmehr vier Wochen. Nicht nur zum Foto, auch zu seinem Spiel am Sonntag. Durch die Mixedzone verschwand er ohne jede Reaktion. Das 91. Länderspiel war nicht das erhoffte Ereignis, um Özil mit sich und den Fans zu versöhnen. Beim Aufwärmen und der Bekanntgabe der Mannschaftsaufstellung gab es Pfiffe gegen den 29-Jährigen. Dass auch er wieder einmal seine tatsächliche Leistung nicht abgerufen hat, ist offensichtlich, die Zahlen belegen es.

  • WM 2018: So fliegt Deutschland schon am Samstag gegen Schweden raus

    Positiv: Özil spielte 72 Pässe mit einer Genauigkeit von 94 Prozent, was ein Spitzenwert ist. Allerdings gingen die Pässe vor allem auf Julian Draxler und Joshua Kimmich und nur zwei auf Timo Werner in vorderster Front. Alarmierend sein Zweikampfverhalten in der entscheidenden Szene des Spiels. Es spricht für ihn, dass er als einziger Spieler die Gefahr erkannt hatte und Hirving Lozano beim Konter im Strafraum stellen konnte. Doch statt den Mexikaner seitlich anzulaufen, stand Özil frontal und wurde düpiert, ein Anfängerfehler, der zu seiner Zweikampfbilanz passt: Nur 14 Prozent seiner direkten Duelle hat er gewonnen, die schlechteste Bilanz aller Akteure auf dem Platz. Dass die Balance zwischen Offensive und Defensive nicht stimmte, ist dem Regisseur nicht alleine anzulasten, die fehlende Kreativität im Offensivspiel aber schon, denn dafür schenkt ihm der Bundestrainer das Vertrauen. "Im Spiel nach vorne waren wir zu halbherzig", kritisierte Löw, ohne Özil direkt zu nennen.
    Dass Özil auch gegen die Schweden als zentraler Mittelfeldakteur auflaufen wird, ist eher nicht zu erwarten, denn Marco Reus war nach seiner Einwechslung auf dieser Position wesentlich agiler. 13:2 weist die Torschussbilanz mit Reus auf der Özil-Position aus, in den ersten 60 Minuten ohne Reus stand es nur 12:11 für Deutschland.

  • Frau bei Fußball-WM: Hass gegen ZDF-Kommentatorin - Claudia Neumann "tut in den Ohren weh"

    Interessant allerdings, dass Mesut Özil in der letzten halben Stunde besser wurde - als er tiefer stehen konnte und nicht mehr die Spielmacherrolle hatte. Dass er allerdings neben Toni Kroos im defensiven Mittelfeld am Sonnabend in Sotschi in die Startelf kommen könnte, wäre für Löw ein Ritt auf der Rasierklinge - und angesichts der Zweikampfwerte des Mesut Özil ein Sicherheitsrisiko. Zumal der Bundestrainer mit Ilkay Gündogan eine Alternative hat, um den formschwachen Samy Khedira zu ersetzen.


    Angeschlagene Psyche?

    Joachim Löw weiß, dass eine Degradierung die Psyche seines ausgemachten Lieblingsspielers endgültig beeinträchtigen könnte. Aber der Bundestrainer muss auch zur Kenntnis nehmen, dass Mesut Özil immer nur dann glänzt, wenn auch die Mannschaft gut spielt.
    Warum ihn immer noch niemand dazu bewegen konnte, wenigstens mit einem Satz die Erdogan-Affäre zu befrieden, ist unbegreiflich. Wenn er wenigstens gut Fußball spielen würde. Aber auch das gelingt ihm nicht. "Aus dem Migrationshintergrund könnte Özil schießen" - welch ein schöner Satz. Aber das ist lange her.

    von Wolfgang Stephan