Die Sachenbacherin! Ausgerechnet! So heißt es jetzt. Und die einen meinen damit, dass sie doch so ein Sonnenschein ist, die anderen aber, dass da doch schon mal was war, oder? Es ist wie immer, wenn eine Probe positiv ist: Aus der Sportlerin, die gerade noch auch eine Heldin war, ein Darling, ein Vorbild, wird - eine Doperin. Ende. Aus.

Und wie immer ist es so, dass, selbstverständlich, niemand irgendetwas wirklich weiß - schon gar nicht die Wahrheit. Aber weil Sport ja nicht bloß mit Ergebnissen zu tun hat, die auf Zentimeter und Tausendstelsekunden exakt vermessbar sind, sondern noch mehr mit Gefühlen, werden die jetzt - nicht anders als bei einem Olympia-Sieg - einfach rausgelassen. Von den Trainern, die "Scheiße" sagen und "Dummheit". Noch mehr aber von den Fans, den enttäuschten und wütenden.

Binnen Minuten verwandelt sich am Freitagnachmittag Evi Sachenbacher-Stehles Facebook-Seite in eine vor Häme und Hass, Beschimpfung und justiziabler Beleidigung überlaufende Kloake.

Der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer, ein Experte auch für Emotionen, nennt den Sport "eine grausame Welt", in der das Publikum verlange, was es im wirklichen Leben nie in dieser Mischung bekommt: Show und Glamour, Ästhetik und Erotik und, am allerwichtigsten, den "absoluten Herrscher". Ein Aberwitz in der durchdemokratisierten und nach Ausgleich lechzenden westlichen Welt des dritten Jahrtausends. Aber gerade weil Politik und Gesellschaft und ihr Personal so ganz anders funktionieren, so kleinmütig und angepasst und absicherungsversessen, so hinterzimmerig und klammheimlich, gerade deshalb darf - nein, soll - im Sport alles ganz anders sein. Und die wichtigste Regel in diesem offenen Kampf: Es geht allein darum, der oder die Beste zu sein.
Ein brutales Prinzip. Aber staatlich gefördert. Regelmäßig vereinbart der DOSB mit dem für den Sport zuständigen Bundesinnenminister, für wie viel Geld wie viele Medaillen zu liefern sind. Gefälligst. Sonst... Ein Anti-Doping-Gesetz kommt auch für die neue Bundesregierung allenfalls "in Betracht".

Der Sport, auch das sagt der Philosoph Gebauer, sei zu mächtig geworden, um einfach stopp zu sagen und: Neuanfang. Er fürchtet, dass das Publikum die Skandale schon lieber mag als die Sportler. Wenn das so ist, dann hat die Sachenbacherin gar nichts falsch gemacht. Und ihre kleine Welt ist nicht bloß brutal, sondern dazu vollkommen verrückt.