Auf dem erhofften Weg zu seinem ersten Grand-Slam-Titel will Alexander Zverev keinen Tennisschläger mehr zertrümmern.

Seine Ausraster hat er sich in Melbourne abgewöhnt. Nichts scheint ihn bei den Australian Open zu erschüttern. Seine Premiere im Grand-Slam-Halbfinale machte er mit seinem Erfolg gegen den früheren Melbourne-Champion Stan Wawrinka schon mal perfekt.

So langsam verstehe er den Spruch, in der Ruhe liege die Kraft, sagte Zverev, als er nach dem 1:6, 6:3, 6:4, 6:2 gegen den Schweizer schon fast alle Antworten im größten Pressekonferenzraum der Australian Open gegeben hatte. «Es wird immer noch passieren, dass ich einen Schläger kaputt mache, aber hoffentlich nicht diese Woche», sagte er. «Vielleicht werde ich älter. Ich habe versucht, das zu ändern.»

Auch an seiner neu gewonnenen Ausgeglichenheit zeigt sich, wie viel sich für den 22-Jährigen nach seinen desaströsen Auftritten beim ATP Cup beim Saisonauftakt in kürzester Zeit verändert hat. Wie verwandelt tritt der Hamburger bei den Australian Open auf - sowohl auf dem Platz als auch außerhalb. Und so war dieser Mittwoch, als er als erster Deutscher bei den Herren seit Tommy Haas 2009 in Wimbledon bis ins Halbfinale eines der vier wichtigsten Turniere einzog, noch immer nicht der größte Tag seiner Karriere: «Wenn ich ins Finale komme, wird das der glücklichste Tag in meinem Leben sein.»

Am Freitag (9.30 Uhr MEZ/Eurosport) will der Weltranglisten-Siebte gegen den zweimaligen French-Open-Finalisten Dominic Thiem den nächsten von nur noch zwei notwendigen Schritten zum Titel schaffen. Allerdings hat er sechs der acht Partien verloren gegen den Österreicher, der überraschend den spanischen Weltranglisten-Ersten Rafael Nadal aus dem Turnier warf. In einem Giganten-Halbfinale treffen schon am Donnerstag (9.30 Uhr) Roger Federer und Novak Djokovic aufeinander.

Zverev mischt als jüngster der vier Halbfinalisten noch mit. «Er macht gerade große Schritte als Tennisspieler, als Mann. Er hat in Melbourne viele Fans gewonnen», sagte Boris Becker als TV-Experte bei Eurosport.

Seinen desaströsen Saisonstart mit drei Niederlagen macht der Davis-Cup-Spieler Down Under komplett vergessen. Seine Ansage, im Falle des Titelgewinns das gesamte Preisgeld von 4,12 Millionen australischen Dollar (rund 2,5 Millionen Euro) für die Betroffenen der australischen Buschbrände zu spenden, klingt längst nicht mehr so unrealistisch wie noch nach der ersten Runde.

Schon seit Jahren wird der jüngere Bruder von Mischa Zverev als vielversprechendster deutscher Tennisspieler seit Becker und Michael Stich gehandelt. Bei den Grand-Slam-Turnieren hatte der 1,98 Meter große Schlaks seine eigenen Ansprüche noch nicht erfüllt, auch nicht mit den Viertelfinals bei den French Open 2018 und 2019.

Darum, beschloss er, müsse sich etwas ändern. «Ich habe es vielleicht zu sehr gewollt. Ich habe Dinge zu professionell gemacht. Ich habe mit niemandem geredet. Ich bin nicht mit Freunden ausgegangen», schilderte er. «Ich habe das diese Woche etwas verändert. Ich bin relaxter. Ich mache viel mehr Dinge außerhalb des Platzes.»

Seine neue Freundin Brenda Patea mag dazu beigetragen haben. Noch beim Kennenlernen im Oktober hatte sie keine Ahnung von Tennis, sie scheint ihn auf andere Gedanken zu bringen. Zverev wirkt gereift, freundlich. Er reagiert nicht pampig, auch wenn ihm Fragen nicht gefallen. Und er ist im Siegerinterview bei John McEnroe auch zu Späßen aufgelegt.

«Er ist wie ein normaler Coach, der seinen Spieler nicht so sehr mag», scherzte Zverev über seinen Vater. Bedingungslos stellte er sich hinter Alexander Zverev senior als Trainer, der gerührt auf der Tribüne saß, und wehrte sich damit auch gegen den Rat von Becker: «Es gibt keinen Grund, irgendwas an meinem Team zu ändern. Geht es nach mir, bleibt er so lange wie möglich im Team.»

Mit ausgestrecktem Zeigefinger, der Faust und einem glücklichen Blick in den blauen Himmel hatte Zverev den Moment nach dem verwandelten Matchball genossen. «Ihr könnt euch nicht vorstellen, was mir das bedeutet», sagte er. «Es fühlt sich genial an. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich hoffe, es ist das erste von vielen Malen.»

Noch in Brisbane habe eigentlich nichts funktioniert, nicht nur nicht der Aufschlag, sondern keiner seiner Schläge. Er sei sogar schlecht aufgewacht, witzelte er. Gerade einmal drei Wochen ist das her.

Auf den Tag genau 26 Jahre, nachdem Steffi Graf zum vierten und letzten Mal in Melbourne triumphierte, stieg Zverev jetzt zum Halbfinalisten auf. In Melbourne hatte das Haas 2007 als zuvor letzter Deutscher geschafft. Sein erfrischendes Selbstvertrauen bewies Zverev auch beim Matchball: Nach einem zweiten Aufschlag rannte er ans Netz vor und wurde für seinen Mut belohnt. Vorher hatte er selbst beim ernüchternden 1:6 im ersten Satz keinen Schläger zertrümmert. Bleibt es bis zum Sonntag dabei, könnte Zverev als erster Deutscher seit Becker 1996 einen Grand-Slam-Titel feiern.