Möglicherweise bekam Marco Rose am Freitag eine genauere Vorahnung, auf was er sich bei einem Wechsel zu Borussia Dortmund im Sommer einlassen würde.

Schon nach wenigen Wochen im Amt ist sein aktueller BVB-Kollege Edin Terzic auf dem besten Weg, als nächster Trainer am hochwertigen, aber schwierigen Kader der Dortmunder zu scheitern. Nach dem spektakulären 2:4 (2:2) im furiosen Borussen-Duell in Mönchengladbach gerät das Dortmunder Minimalziel Champions-League-Qualifikation immer mehr in Gefahr.

Das keineswegs enttäuschende, aber erneut von Abwehrfehlern und defensiven Unzulänglichkeiten bei Standards geprägte Spiel war die dritte sieglose Partie des BVB binnen einer Woche. Nicht nur Abwehrchef Mats Hummels sah «eine misslungene Woche für uns» nach dem 1:1 gegen Abstiegskandidat Mainz und den beiden Pleiten gegen die direkten Konkurrenten Leverkusen (1:2) und Gladbach. «Das waren keine guten Ergebnisse in den letzten sechs Tagen», sagte Terzic kleinlaut. «Ein Punkt ist zu wenig bei den Ansprüchen, die wir haben.»

Ein Doppelpack von Erling Haaland (22. Minute/28.) reichte nicht, um den Champions-League-Platz vier zu verteidigen. Gladbach zog nach dem ersten Karriere-Doppelpack von Nico Elvedi (11./32.) und Treffern von Ramy Bensebaini (50.) und Marcus Thuram (78.) vorbei an Terzics BVB.

Der 38 Jahre alte Ur-Borusse war mit großen Hoffnungen als Nachfolger des beurlaubten Lucien Favre vor gut einem Monat gestartet. Noch vor wenigen Tagen wurde das nun mutigere Spiel gelobt. Erfolgreich ist der Stil indes nicht: Terzic holte aus den ersten sieben Liga-Spielen als BVB-Trainer zehn Punkte. Erfolgloser war zuletzt Jürgen Röber 2007 mit sechs Zählern. Schon vor dem Spiel in Gladbach monierte Terzic selbst die hohe Anzahl an Niederlagen. Prompt folgte am Niederrhein die siebte in dieser Saison. Schon nach 18 Spielen kassierte Dortmund damit so viele wie in der gesamten Vorsaison.

Aktuell scheint es kaum vorstellbar, dass Terzic über das Saisonende hinaus Chefcoach bleibt. Der vom BVB umworbene Rose macht mit seiner Borussia derzeit Woche für Woche Werbung für sich und seine Arbeit. Trotz schwieriger Umstände angesichts der Sieglos-Serie im alten Jahr, dem Spuck-Skandal um Thuram und dem nächtlichen Ausflug von Breel Embolo zuletzt nach Essen führt Rose Gladbach zurück in die Bundesliga-Spitzengruppe. «Jetzt heißt es für uns, dranzubleiben», sagte Rose nach dem dritten Heimsieg gegen ein Liga-Schwergewicht nach dem 1:0 gegen Leipzig und dem 3:2 gegen die Bayern.

Roses Vertrag am Niederrhein läuft noch bis 2022, allerdings hat der 44-Jährige eine Ausstiegsklausel. Derzeit hält er sich alle Türen offen, Treuebekenntnisse zur Gladbacher Borussia vermeidet er. Fast wöchentlich erinnern ihn Club-Idole in der Hoffnung an eine neue Blütezeit der Borussia an die dortigen Vorzüge. «Wir haben in den vergangenen Jahren viel aufgebaut und tolle Spieler geholt, darum ist für einen ambitionierten Trainer wie Marco Rose noch einiges zu tun, er kann sich bei uns voll ausleben», sagte etwa Vize-Präsident Rainer Bonhof der «Rheinischen Post». Auch Ex-Weltmeister Per Mertesacker als ZDF-Experte riet Rose am Freitag zum Verbleib.

«Ich glaube, momentan ist er sehr gut daran, bei Gladbach zu bleiben. Das ist eine sehr entwicklungsfähige Mannschaft», sagte Mertesacker, der Gladbachs Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft sieht. «Ich traue ihm zu, mit Gladbach den nächsten Schritt zu gehen in den nächsten Jahren, konstant in der Champions League zu sein und die Bayern herauszufordern.» Einen Abgang Roses muss Sportchef Max Eberl trotzdem ernsthaft in Erwägung ziehen. Nach Informationen der «Bild» gab es mit Ajax Amsterdams Trainer Erik ten Hag bereits ein Kennenlerngespräch, dies wies die Borussia am Samstag indes zurück. Auch Werder Bremens Florian Kohfeldt wurde schon mehr als einmal als möglicher Rose-Nachfolger genannt.

Risikoarm für die eigene Karriereplanung scheint ein Wechsel nach Dortmund aber nicht. Dort scheiterten selbst international anerkannte Trainer wie Thomas Tuchel oder eben Favre - immerhin der BVB-Trainer mit dem besten Punkteschnitt - an den hohen Erwartungen, den Egos im Umfeld und den Sehnsüchten nach jemandem wie Jürgen Klopp.

Im ehrgeizigen Klopp-Schüler und -Kumpel Rose scheinen die BVB-Bosse um Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke nun am ehesten das zu sehen, was den einstigen Meistercoach der Jahre 2011 und 2012 ausmachte. Doch die Zeiten haben sich seitdem verändert. Inzwischen scheint der Karrieresprung von der Niederrhein-Borussia zur westfälischen längst nicht mehr so groß zu sein, wie er dereinst für Spieler wie Reus (2012), Mo Dahoud (2017) oder Thorgan Hazard (2019) war.

© dpa-infocom, dpa:210123-99-138094/6