Erst das ewige Warten auf einen Europa-League-Titel beenden, dann die Meister-Langeweile in der Serie A beenden: Spätestens seit dem imponierenden Rekord-Sieg von Düsseldorf ist Inter Mailand gleich in doppelter Hinsicht die Hoffnung aller neutralen Fußball-Fans in Italien.

Mit den zahlreichen Rekorden, die sie auf dem Weg ins Finale der Europa League am Freitag gegen den FC Sevilla in Köln aufgestellt haben, wollen sich die Lombarden jedenfalls nicht zufrieden geben. «Rekorde zu brechen ist schön. Aber wir sind hier, um zu gewinnen», sagte Torjäger Romelu Lukaku nach der 5:0 (1:0)-Gala im Halbfinale gegen Schachtjor Donezk. Mit seinem Doppelpack (78./84. Minute) baute der Belgier seine Bestmarke aus. Er ist der erste Spieler, der in zehn aufeinanderfolgenden Europa-League-Spielen traf.

Mit ihm, seinem kongenialen und ebenfalls zweimal erfolgreichen Sturmpartner Lautaro Martínez (19./73.) und einer eisernen Defensive um Routinier Diego Godin geht Inter als Favorit ins Finale - obwohl Sevilla den Cup seit 2006 fünfmal holte und somit Rekord-Sieger ist.

Dieses Inter sei «ein Wunder» und «der Perfektion nahe», schrieb die «Gazzetta dello Sport» am Dienstag. Der «Corriere della Sera» urteilte: «Auf diesem Niveau hat Inter nur wenige echte Gegner.» Sogar Trainer Antonio Conte wurde überschwänglich. «Die Spieler verdienen jedes Lob», sagte er: «Donezk hat nicht schlecht gespielt. Aber wir haben so gespielt, dass sie wie eine durchschnittliche Mannschaft aussahen.»

Nie zuvorgab es in einem Halbfinale der Europa League oder auch des Vorgänger-Wettbewerbs UEFA-Cup einen solch deutlichen Sieg. Und das, obwohl es normalerweise Hin- und Rückspiele gab. Schon durch den Final-Einzug sorgte Inter für Erleichterung in Italien. Denn die Serie A wartet nicht nur seit 1999 und damit fast genauso lange wie die seit 1997 erfolglose Bundesliga auf einen Erfolg im kleinen Europacup. Seit Parmas letztem Erfolg vor 21 Jahren stand überhaupt kein italienischer Club mehr im Finale, nachdem es zwischen 1989 und 1999 vier italienische Endspiele und nur einmal ein Finale ohne italienische Beteiligung gegeben hatte.

Und in der kommenden Saison, unter anderem verstärkt durch den Dortmunder Achraf Hakimi, könnte Inter dann auch Juventus Turin nach neun Titeln in Serie mal wieder einen echten Meisterkampf liefern. In der abgelaufenen Saison lag Inter am Ende nur einen Zähler hinter Juve. Aber nur, weil Turin nach dem feststehenden Titel nachließ.

Der frühere Nationaltrainer Conte hatte schon im Vorfeld bewiesen, dass er nach Höherem strebt. Nach dem letzten Saisonspiel klagte er öffentlich, er und sein Team erhielten «null Unterstützung» vom Verein. Präsident Steven Zhang reiste vor dem Halbfinale zur Beruhigung nach Düsseldorf.

«Ich bin keine politische Person. Ich hatte einfach das Gefühl, dass einige Dinge gesagt werden müssen», betonte Conte mit Blick auf die Aussprache: «Was ich sage, ist immer konstruktiv. Denn wir müssen noch einige Schritte gehen, um das Inter zu werden, das wir sein wollen.» Die jüngsten Schritte auf diesem Weg waren jedenfalls eindrucksvoll.

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