Julian Nagelsmann wollte die alten Geschichten aus Augsburg nicht mehr hören. Die gemeinsame Historie mit seinem großen Halbfinal-Konkurrenten Thomas Tuchel von Paris Saint-Germain nervte den Trainer von RB Leipzig fast schon ein bisschen.

«Ich war sein Spieler, mehr nicht. Es wird mehr Hype darum gemacht und spektakulärer dargestellt, als es war», sagte der 33-Jährige am Vorabend des Showdowns um den Einzug ins Endspiel der Fußball-Königsklasse gegen seinen früheren Trainer und heutigen PSG-Coach Thomas Tuchel.

Wenige Stunden zuvor hatte jener Thomas Tuchel auf dem gleichen roten Stuhl im Estádio da Luz von Lissabon gesessen, seinen gebrochenen Fuß hoch gelegt und eine ungewöhnliche Lobesrede auf seinen einstigen Zögling gehalten. «Es ist schwer, weil wir wissen, dass Julian gerne die Taktik ändert, dass sie die Taktik von Spiel zu Spiel ändern, auch während des Spiels ändern. Es ist schwerer, ein Spiel gegen RB vorzubereiten als gegen Atlético Madrid. Es ist eine Herausforderung», sagte Tuchel.

Nagelsmann gegen Tuchel! Der Glamourfaktor von Neymar und des wieder einsatzbereiten Weltmeisters Kylian Mbappé mag noch so groß sein, das Halbfinale am 18. August (21.00 Uhr/Sky und DAZN) wird überstrahlt vom Duell der deutschen Trainer an der Seitenlinie im Estádio da Luz in Lissabon. Talent gegen Förderer. Ex-Spieler gegen Ex-Coach. Ein großer Taktik-Fanatiker gegen einen noch größeren Taktik-Fanatiker. Und dann auch noch die gemeinsame Vergangenheit in der bayerisch-schwäbischen Provinz, von der zumindest Tuchel Interessantes zu berichten hatte.

«Er war ein sehr unbequemer Spieler, weil er immer wissen wollte, wieso wir was machen, was der Grund dahinter ist», erzählte Tuchel. Nach Nagelsmanns Verletzung habe er ihn als Trainer des FC Augsburg II in der Landesliga mit Scouting-Aufgaben betraut, in denen der damals 20-Jährige seine Begabung bewies. «Wo man das sehen konnte, dass war in den Berichten, die er abgeliefert hat», sagte Tuchel. «Die haben gezeigt, dass er sich im Detail befasst, dass er Lösungen hat, dass man das Talent dafür erkannte und die Liebe zum Spiel darin wiedergefunden hat», geriet Tuchel ins Schwärmen.

Offenbar sah Tuchel damals in Nagelsmann auch ein bisschen sich selbst. Leipzigs Mittelfeldstratege Marcel Sabitzer erklärte das Duell zum Aufeinandertreffen der Detail-Verrückten. Auch RB-Vorstandschef Oliver Mintzlaff beschrieb die Ähnlichkeit der Protagonisten: «Natürlich haben sie mit Thomas Tuchel einen Trainer, der ein Philosophietrainer ist, der ähnlich wie unser Trainer erfolgsbesessen und detailverliebt ist. Da gibt es viele Parallelen.»

Diese wollte auch Nagelsmann gar nicht verhehlen. «Spiele gegen ihn sind immer interessant, weil er auch eine gute Idee vom Fußball hat. Ich hoffe, dass ich auch eine ordentliche Idee finden werde», sagte er. Nach José Mourinho mit Tottenham und Diego Simeone mit Atlético Madrid könnte er in Tuchel schon den nächsten besonderen Trainer-Charakter ausstechen.

Tuchel ist der Favorit. Tuchel steht unter größerem Druck. In seinem zweiten Jahr kann der 46-Jährige die Vorgabe der Geldgeber aus Katar erfüllen und PSG endlich zum ersten Champions-League-Sieg führen. Nagelsmann kommt wie so oft in der gemeinsamen Trainer-Historie aus dem Windschatten. Gelingt ihm mit den Sachsen die Krönung bei der «Missão Final», wäre er mit 33 Jahren als Nachfolger von Liverpools Jürgen Klopp schon auf dem Trainer-Thron. Das RB-Projekt wäre mit ihm im Eiltempo an der Spitze des europäischen Fußballs angekommen.

Das war vor fast 13 Jahren nicht absehbar. «Ich habe studiert und musste mein Studium finanzieren und habe von Augsburg einen kleinen Lohn bekommen», erzählte Nagelsmann. Da er verletzt war, verstand er die Scouting-Arbeit für Tuchel auch als Gegenleistung. Wie die Tuchel-Biografen Daniel Meuren und Tobias Schächter in ihrem Buch schreiben, war Nagelsmann auf seinen Touren nur mit Handkamera, Bleistift und Notizblock ausgestattet. Zuerst ging es nach Gersthofen. Aufgeregt sei er gewesen, berichtete Nagelsmann.

Tuchel erkannte das große Talent. «Nachdem ich ein paar Mal die Gegner gescoutet hatte, sagte Thomas zu mir, ich solle doch Trainer werden, wenn ich nicht mehr spielen könne», erzählte Nagelsmann. Auch hier gibt es die Parallele: Tuchels Karriere war schon mit 24 Jahren wegen eines Knorpelschadens vorbei. Nagelsmann musste den Traum wegen eines kaputten Knies in eben jenen Augsburger Tagen beenden. «Die Beziehung, die Julian mit Thomas Tuchel durch ihre Zusammenarbeit hat, die sie hatten, ist etwas Besonderes», erzählte Leipzigs Sportdirektor Markus Krösche.

Schnittpunkte gab es in der Bundesliga. Dreimal spielten sie gegeneinander zwischen Februar 2016 und Mai 2017. Nagelsmann konnte mit 1899 Hoffenheim gegen Borussia Dortmund und Tuchel nie gewinnen. Das soll sich aus RB-Sicht nun ändern. «Wir sind nicht so weit gekommen, um Däumchen zu drehen. Wir wollen weiterkommen», sagte Nagelsmann.

Voraussichtliche Aufstellungen:

RB Leipzig: Gulásci - Klostermann, Upamecano, Halstenberg, Angelino - Laimer, Sabitzer, Kampl - Olmo, Nkunku - Poulsen

Paris Saint-Germain: Rico - Kehrer, Thiago Silva, Kimpembe, Bernat - Paredes, Marquinhos, Herrera - di Maria, Mbappé, Neymar

Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande)

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