Existenzängste statt Planbarkeit: Das erneuerte Verbot von Großveranstaltungen bringt den deutschen Sport noch mehr in die Bredouille und hat Enttäuschung und neue Unsicherheit hervorgerufen.

«Soll nach der Wirtschaft jetzt auch das Vereinsleben platt gemacht werden?», fragte der Präsident des Sächsischen Fußball-Verbandes (SFV), Hermann Winkler, mit Bezug auf Ostdeutschland provokant. Für viele Sportvereine, die akribisch an Sicherheits- und Hygienekonzepten für baldige Wettkämpfe vor Fans gearbeitet haben, sind die jüngsten Nachrichten aus der Politik ein herber Dämpfer.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs hatten entschieden, eine Arbeitsgruppe erst Ende Oktober über die Wiederzulassung von größeren Zuschauermengen befinden zu lassen. Daniel Hopp, Gesellschafter von Eishockey-Club Adler Mannheim, sprach in diesem Zusammenhang von einem «Schlag in die Magengrube» und sagte dem «Mannheimer Morgen» (Samstag): «Der Politik muss klar sein, welche gesellschaftliche Bedeutung und Verantwortung auch der Profisport hat. Die Fußball-Bundesliga ist das wichtigste Produkt, aber das ist mir dann doch ein bisschen zu kurz gesprungen. Auch wir sind systemrelevant.»

Während der Anteil der Zuschauereinnahmen am Gesamtumsatz in der Fußball-Bundesliga noch vergleichsweise überschaubar ist, sind gerade die unteren Ligen, kleine Sportarten sowie beispielsweise die Handball-, Basketball- und Eishockey-Clubs extrem von den Erlösen rund um die Spiele abhängig. Dass sich die Hoffnungen der Top-Ligen auf gefüllte Tribünen zum Saisonstart wohl nicht erfüllen, stellt die Vereine vor entsprechend große Probleme.

Die «Initiative Profisport Deutschland», in der die führenden deutschen Ligen im Handball, Basketball, Eishockey und Fußball vertreten sind, beriet sich noch am Freitag zu der Thematik.

Die sich abzeichnende wochenlange Unklarheit macht den Club-Vertretern und Verbandsfunktionären zu schaffen. «Natürlich steht die Gesundheit weiter über allem», sagte der Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga (BBL), Stefan Holz, der Deutschen Presse-Agentur am Freitag. «Aber es wäre schon wichtig, dass allmählich mal verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, mit denen man planen kann.» Die BBL peilt einen Saisonstart am 6. November an. Auf Vorgaben der Arbeitsgruppe, die ja erst kurz zuvor entscheiden könnte, kann sie da bei weiteren Planungen kaum warten.

Ein ähnliches Zeitproblem haben die Kollegen beim Eishockey, die auch deshalb gerne in der Arbeitsgruppe aktiv mitwirken würden. «Wir werden und können nicht ohne Zuschauer bzw. ohne finanzielle Hilfen in den Spielbetrieb gehen und hierfür brauchen wir 6-8 Wochen Vorlauf», sagte DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke am Freitag. Tripcke sagte auch: «Wir lesen den gestrigen Beschluss nicht so, dass Zuschauer grundsätzlich ausgeschlossen sind. Zunächst müssen wir aus Erfahrung abwarten, wie dieser Beschluss nun in den Ländern umgesetzt wird.»

Die DEL hatte ihren Saisonstart bereits von Mitte September auf den 13. November verschoben. Würde die Liga erst Ende Oktober von neuen Richtlinien erfahren, wäre das zu spät, um dann noch kurzfristig den Ligastart zwei Wochen später entsprechend organisieren zu können.

Der Deutsche Eishockey-Bund erwartet von der Arbeitsgruppe eine klare Perspektive. «Von immenser Wichtigkeit wird es dabei sein, dass klar reguliert wird, wie sich kleine, mittlere und große Sportveranstaltungen definieren und auf dieser Basis eine klare Perspektive zu erarbeiten, die absolut dringend notwendig ist», hieß es in einer Mitteilung des DEB.

Auch im Handball wünscht man sich verbindlichere Aussagen und mehr Planbarkeit. «Wenn wir ständig neue Rahmenbedingungen bekommen, dann arbeiten wir ins Leere hinein. Da würde ich mir eine andere Kommunikation wünschen und dass wir auch eine größere Verlässlichkeit bekommen», sagte der Geschäftsführer der Bundesliga (HBL), Frank Bohmann.

Die Bundesliga will eigentlich am 1. Oktober wieder in den Spielbetrieb starten, schon am 26. September sollen Meister THW Kiel und Vizemeister SG Flensburg-Handewitt in Düsseldorf um den Supercup spielen. Die Liga war allerdings davon ausgegangen, wieder mit Publikum in den Hallen planen zu können. Bis zu 50 Prozent des Etats der Vereine kommen über Zuschauereinnahmen. «Sollten bis Jahresende keine Zuschauer erlaubt sein, könnte die Existenz unserer Sportart gefährdet sein», warnte Geschäftsführerin Jennifer Kettemann von den Rhein-Neckar Löwen.

Dass noch 2020 wieder Fans in die Stadien zurückkehren können, hofft auch Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Der 61-Jährige deutet die Zeichen aus der Politik nicht so negativ. «Das Positive ist, dass ein klares Signal von der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten gekommen ist. Meiner Meinung nach sind die Beschlüsse ein Zeichen der Politik, dass man ab Anfang November mit Zuschauern spielen möchte», sagte Watzke der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung» (Freitag).

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) warb in einem Statement für «verantwortungsvolle Stufen-Lösungen je nach Pandemie-Lage». Mit deren Umsetzung könne dann im November begonnen werden, «sofern das Infektionsgeschehen dies erlaubt».

© dpa-infocom, dpa:200827-99-335889/4