Zum ersten Mal in seiner Geschichte muss sich das Internationale Olympische Komitee bei seiner Generalversammlung am heutigen Freitag (12.00 Uhr) mit einer Videoschalte begnügen.

Die 136. Session des IOC sollte eigentlich für den Ringe-Zirkel der Auftakt für die Sommerspiele in Tokio sein. Doch wegen der Coronavirus-Pandemie musste das weltgrößte Sportereignis um ein Jahr verschoben werden. Die IOC-Funktionäre treffen sich für ihre Sitzungen seit Monaten nur noch im virtuellen Raum.

Im Zentrum der Debatten werden die Folgen der Verlegung der Tokio-Spiele stehen. Das japanische Organisationskomitee und der Chef der IOC-Koordinierungskommission, der Australier John Coates, werden in einem Zwischenbericht die Notpläne für die Austragung von Olympia im nächsten Jahr skizzieren. Offen ist, wie weit die Olympia-Macher bei zentralen Fragen der Neuorganisation sind:

Wer darf 2021 in Tokio dabei sein?

Wenn die Corona-Pandemie noch nicht überwunden ist, könnte es weiter weltweite Reisebeschränkungen geben. In Japan wird diskutiert, die Einreisebestimmungen für Athleten und Funktionäre im Olympia-Zeitraum zu lockern. Auch die Zulassung von Zuschauern ist offen. Geisterspiele vor leeren Rängen aber will das IOC nicht.

Stehen alle Wettkampfstätten auch 2021 zur Verfügung?

Japanische Medien berichteten zuletzt, dass die Gastgeber Einigung mit den Betreibern aller Arenen erzielt hätten. Das Organisationskomitee dementierte dies, hatte aber selbst zuvor schon von großen Fortschritten bei den Verhandlungen berichtet. Knackpunkt ist vor allem, ob auch die Immobilien-Investoren für das olympische Dorf einer kompletten Nutzung in 2021 zustimmen.

Wie hoch sind die Kosten der Verlegung?

Experten rechnen mit Mehrausgaben in Milliardenhöhe, die vor allem die Japaner treffen könnten. Auch das IOC selbst rechnet mit finanziellen Folgen in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro und hat deshalb einen Schutzschirm für internationale Verbände und Nationale Olympische Komitees aufgespannt. Wegen der Mehrkosten und der wirtschaftlichen Krise durch Corona wollen die Organisatoren bei den Spielen 2021 kräftig abspecken. Wo genau, das blieb bislang unklar.

Wie sicher ist die Austragung der Sommerspiele im nächsten Jahr?

Das kann wohl niemand garantieren. «Wir wissen nicht, wie die Situation in einem Jahr sein wird», sagte IOC-Präsident Thomas Bach. Das IOC setze auf den Rat der Weltgesundheitsorganisation und entwickele auf dieser Basis «eine Vielzahl von Szenarien» für die Tokio-Spiele. Sollte es jedoch nicht rechtzeitig einen Impfstoff geben und die Pandemie in vielen Ländern noch Wirkung zeigen, scheint Olympia mit Athleten aus aller Welt kaum denkbar. Eine erneute Verlegung haben das IOC und die Gastgeber bereits ausgeschlossen. Schon im Februar 2022 stehen ja die Winterspiele in Peking an.

Neben dem Großthema Tokio wird die Session auch über die Vorbereitungen auf die folgenden Spiele in China, Paris 2024, Mailand 2026 und Los Angeles 2028 debattieren. Zudem stehen Berichte der Dopingjäger auf der Agenda, die durch die Corona-Krise zuletzt empfindliche Einschnitte ins Testprogramm hinnehmen mussten.

© dpa-infocom, dpa:200716-99-821794/4