"Ich will noch nichts sagen, es ist noch zu früh. Ich werde mich noch äußern, aber nicht heute", sagte Müller-Wohlfahrt am Freitag mehreren Münchnern Medien.

Der Mediziner und sein Stab hatten am Donnerstag bekanntgegeben, ihre Tätigkeiten für den Rekordmeister aus München niederzulegen.
In einer Presseerklärung hatte Müller-Wohlfahrt mit Blick auf das 1:3 beim FC Porto gesagt, dass nach der Partie "aus uns unerklärlichen Gründen die medizinische Abteilung für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht" worden sei.

Man sehe dadurch das für eine erfolgreiche medizinische Arbeit notwendige Vertrauensverhältnis nachhaltig beschädigt.

Der 72-jährige Müller-Wohlfahrt war seit fast 40 Jahren mit einer kurzen Unterbrechung Mannschaftsarzt der Münchner.

Zwischen Bayern-Trainer Guardiola und Müller-Wohlfahrt war es in der Vergangenheit bereits zu Meinungsverschiedenheiten gekommen, das Verhältnis galt als belastet.

Spekuliert wurde im Rahmen des Rücktritts in Medien auch darüber, dass es zu einer Diskussion zwischen Rummenigge und Müller-Wohlfahrt gekommen sein soll.

Klar ist: Den vom Verletzungspech verfolgten Bayern passen die vielen Ausfälle nicht. Befeuert wurde die Situation durch den langwierigen Ausfall von Franck Ribéry nach dem Donezk-Spiel im März. Nach dessen Knöchelverletzung wurde zunächst nur eine kurze Pause bekanntgegeben, jetzt fehlt der Franzose immer noch.

Guardiola verwies zuletzt bei Nachfragen zum Gesundheitszustand stets kurz angebunden auf den Arzt. Dieser selbst wiederum hielt sich mit öffentlichen Einschätzungen betont zurück. Die Bayern-Stars vertrauen Müller-Wohlfahrt aber weiter, dürften auch nach seinem Ende auf der offiziellen Position "Mull" in seiner Praxis im Herzen der Stadt aufsuchen. Es gilt beim Club das Recht der freien Arztwahl.

Der FC Bayern München hat derweil den Rücktritt von Vereinsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt zur Kenntnis genommen und will "zeitnah" eine Entscheidung über die Nachfolge treffen. Mit Müller-Wohlfahrt tritt auch sein Stab zurück, darunter Sohn Kilian.

Wie der Fußball-Bundesligist am Freitag mitteilte, werde vorerst der Orthopäde und Unfallchirurg Volker Braun die Mannschaft bei den Spielen betreuen.

Dieser war bisher für die zweite Mannschaft der Münchner tätig. Der Verein dankte Müller-Wohlfahrt für "erstklassige Arbeit" in den vergangenen Jahren.

Star-Patienten von Bolt bis Lendl

Wenn Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt mit wehendem Haar zu einem verletzten Bayern-Star sprintete, sah man der Club-Ikone das Alter von 72 Jahren keineswegs an. Die Ära von Deutschlands bekanntestem Sportarzt ist seit Donnerstagabend beim deutschen Fußball-Rekordmeister vorbei. Fast 40 Jahre arbeitete Müller-Wohlfahrt für den FC Bayern, der in seiner Praxis im Herzen München reichlich Prominenz empfängt.

Neben allerhand Fußball-Stars vertraut auch Sprint-König Usain Bolt auf die Künste des Pastorensohnes, der am 12. August 1942 im ostfriesischen Leerhafe zur Welt kam.

Er selbst hat zwei Kinder. Sein Sohn Kilian war selbst bis Donnerstagabend Arzt beim FC Bayern, seine Tochter Maren war einst die Lebensgefährtin von Lothar Matthäus.

Im Mai 2008 eröffnet er eine neue 1600 Quadratmeter große Praxis in München, wo sich Spitzensportler aus der ganzen Welt behandeln lassen. Bolt schrieb ihm sogar einen Anteil an seinen Glanzleistungen zu - "Doktor Müller-Wohlfahrt ist ein großer Mann". Schon in der alten Praxis am Marienplatz kamen die Tennis-Stars Boris Becker und Ivan Lendl, die Sprinter Merlene Ottey und Linford Christie, Skiflieger Sven Hannawald, Katharina Witt oder Franziska van Almsick zu ihm.

Nach der Promotion 1971 arbeitete "Mull" zwei Jahre bei den Profis von Hertha BSC in Berlin, danach ging es weiter nach München. Seit 1995 ist er auch Arzt der Nationalmannschaft, bei der Bundestrainer Joachim Löw immer wieder die Verdienste lobt.

Nicht nur Löw oder Bayern-Coach Jupp Heynckes, seit Jahrzehnten schwören Fußballlehrer auf Müller-Wohlfahrt. "Er ist ein Phänomen als Arzt und als Mensch. Er ist Tag und Nacht für uns da. Er übt seinen Beruf mit einer Leidenschaft aus, das ist keine Arbeit für ihn", sagte der Tripletrainer Heynckes einmal über den Arzt, der bei Bayern-Spielen zum festen Inventar auf der Bank gehörte. Das ist jetzt (erst einmal) vorbei.

Hoch im Kurs steht der von Stars aus allen Bereichen gerne aufgesuchte Müller-Wohlfahrt auch beim DFB. 

Joachim Löw setzt total auf den 72-Jährigen, lobt ihn immer wieder. Der Bundestrainer gibt seiner medizinischen Abteilung auch einen hohen Anteil am WM-Titel. Torwart Manuel Neuer und Kapitän Philipp Lahm - beide vom FC Bayern - wurden punktgenau zum ersten WM-Spiel in Brasilien fit. Auch das Risiko der Nominierung der lange verletzten Mittelfeldstrategen Bastian Schweinsteiger (FC Bayern) und Sami Khedira (Real Madrid) zahlte sich auf dem Weg zum Weltmeisterschaftstriumph aus.

Lobende Worte von Guardiola über Müller-Wohlfahrt sind dagegen nicht hängengeblieben. Der frühere Trainer des FC Barcelona, der zumindest im Fall des lange verletzten Thiago auch auf die Dienste eine Arztes an seiner früheren Wirkungsstätte gesetzt hatte, wünschte sich zudem einen präsenten Mediziner an der Säbener Straße. Dem kam der FC Bayern zu Jahresbeginn mit der Verpflichtung von Kilian Müller-Wohlfahrt nach.

Auch Klinsmann, der sich am Freitag auf Anfrage nicht äußern wollte, forderte bei seiner kurzen Bayern-Amtszeit 2008/09 einen ständigen Arzt am Vereinsgelände. Müller-Wohlfahrt ließ sich damals von seinen Aufgaben entbinden. Am Tag nach der spektakulären Trennung des FC Bayern vom ehemaligen Bundestrainer Klinsmann kehrte Müller-Wohlfahrt umgehend in das Amt des Teamarztes zurück. Damals übernahm auch Uli Hoeneß eine führende Rolle. Es wäre interessant zu wissen, wie der ehemalige Bayern-Präsident über die Causa von heute denkt.