Ein slowenischer Draufgänger, ein schweigsamer Norweger und ein Doppel-Olympiasieger aus Polen - nicht nur für Bundestrainer Werner Schuster sind Domen Prevc, Daniel Andre Tande und Kamil Stoch die heißesten Anwärter auf den Gesamtsieg bei der 65. Vierschanzentournee. "Die drei Jungs springen derzeit in einer anderen Liga", sagte Schuster und legte sich vor dem Auftakt am Freitag in Oberstdorf auf seinen persönlichen Topfavoriten fest: "Der Sieg führt nur über Domen Prevc."

Der 17 Jahre alte Skisprung-Bubi hat den Arrivierten in diesem Winter kräftig eingeheizt. Nach vier Saisonsiegen reist der kleine Bruder des Vorjahresdominators Peter Prevc im Gelben Trikot des Weltcup-Spitzenreiters ins Allgäu, wo auch Weltmeister Severin Freund angreifen will. "Die Vorfreude auf Oberstdorf ist riesig. Einen schöneren Einstand in die Tournee als vor 25.000 Zuschauern im Stadion kann ich mir nicht vorstellen. Auch sportlich ist es für mich eine schöne Situation, da ich auf der Oberstdorfer Schanze oft trainiere und ich die Anlage sehr gut kenne", sagte Freund.


Freund erwartet nach nach langer Verletztungspause nicht zu viel

Ambitionen auf den ersten deutschen Tournee-Triumph seit Sven Hannawald vor 15 Jahren hegt der Vorjahreszweite nach seiner Hüftoperation und einer fünfmonatigen Verletzungspause im Sommer jedoch nicht. "Ich glaube, dass ich gut daran tue, nicht zu viel zu erwarten", sagte Freund.

Dieses Motto hat sich auch Domen Prevc auf die Fahne geschrieben. Völlig unbekümmert stürzt sich der Shootingstar der Szene in das Tournee-Abenteuer. "Mein Kopf ist frei. Ich spüre nicht, dass man von mir besondere Dinge erwartet. Klar will ich gewinnen, aber es kümmert und beschäftigt mich nicht wirklich. Wenn ich gewinne, ist es okay, wenn nicht, fahre ich halt nach Hause. Ich habe keinen Druck, Erster zu sein", sagte er. "Ich habe einfach Lust zu springen."

Das tut der Youngster derzeit wie kein Zweiter im Skisprung-Zirkus. "Er ist der Einzige im Moment, der die Ski flach und nah beim Körper halten kann. Dadurch bekommt er ein System zusammen, das noch mal effizienter ist vom Flugkörper her", erklärte Schuster das Erfolgsgeheimnis des Wunderkindes.


Domen Prevc kennt keine Grenzen

Und dann kommt auch der mentale Effekt dazu. "Der springt Ski, wie Max Verstappen Formel 1 fährt", sagte Schuster über den jüngsten der drei Prevc-Brüder. "Aber so kannst du nur Skispringen, wenn du noch nie mit 250 gegen die Mauer gefahren bist. Domen hat vermutlich keine Negativerlebnisse, so wie er springt: Er kennt keine Grenzen." Diese Ansicht wird von den meisten Experten geteilt - und löst bei vielen Beobachtern ein mulmiges Gefühl aus. "Wir haben Angst, weil er keine Angst hat", meinte FIS-Renndirektor Walter Hofer.

Bleibt die Frage, ob Domen Prevc dem besonderen Tournee-Stress schon gewachsen ist. "Man kann vielleicht hoffen, weil er erst 17 ist, dass er ein bisschen überfordert ist und irgendwo einen Fehler macht. Aber er hat die besten Voraussetzungen", sagte Schuster.

Selbst dem frech-fröhlichen Favoriten ist bewusst, dass er vor der größten Herausforderung in seiner jungen Karriere steht. "Es ist irgendwie anders als jedes Springen davor", sagte Domen Prevc über den Mythos der Traditionsveranstaltung. "Du musst auf vier verschiedenen Schanzen innerhalb einer kurzen Zeit acht gute Sprünge abliefern, sonst hast du keine Chance. Es ist das härteste Springen der Saison."

Das könnte den Erfahreneren wie Tande oder Stoch in die Karten spielen. Der Norweger war in diesem Winter schon dreimal Zweiter und springt konstant auf sehr hohem Niveau, der Pole feierte bereits einen Sieg und hat zu der Form aus seiner Erfolgssaison 2013/14 zurückgefunden. Damals gewann er in Sotschi zweimal Olympia-Gold und am Ende der Saison auch den Gesamtweltcup.

Dann sind da noch die Österreicher Stefan Kraft, der die Tournee vor zwei Jahren gewann, und Michael Hayböck. Und nicht zu vergessen Vorjahressieger Peter Prevc. "Den würde ich nicht abschreiben", warnte Schuster.


Von Freund bis Prevc: Alle Favoriten der Vierschanzentournee

Im Vorjahr hieß das Duell bei der Vierschanzentournee Severin Freund gegen Peter Prevc. Das Duo ließ die Konkurrenz dann auch weit hinter sich, mit dem besseren Ende für den Slowenen. In diesem Jahr ist die Liste der Favoriten der länger und der Sieger schwerer zu tippen. Die Anwärter:

DOMEN PREVC (SLOWENIEN): Der 17-Jährige hat sich mit vier Saisonsiegen an die Weltspitze katapultiert und kommt in Topform zur Tournee. Druck empfindet er nicht, genauso wenig wie Angst bei seinen tollkühnen Flügen. Prevc geht immer ans Limit, was ihm bei Aufwind jedoch zum Nachteil gereichen kann. Hat das beste Flugsystem, aber die wenigste Erfahrung.

DANIEL ANDRE TANDE (NORWEGEN): Springt in diesem Winter bisher auf konstant hohem Niveau. Dreimal Zweiter, zweimal Vierter - der 22-Jährige aus Narvik könnte zum großen Gegenspieler von Domen Prevc werden. Kennt wie der Slowene keine Grenzen. Deutete in der Vorsaison als Gesamtsiebter im Weltcup schon sein Potenzial an, gewann Anfang des Jahres bei der Skiflug-WM mit Team-Gold seinen ersten Titel.

KAMIL STOCH (POLEN): Der Doppel-Olympiasieger von 2014 ist wieder da. Nach drei mageren Jahren ist der 29-Jährige unter dem neuen Trainer Stefan Horngacher aufgeblüht und kann im Kampf um den Tournee-Triumph kräftig mitmischen. Hat einen Hang zur Perfektion, was ihn manchmal lähmt. Sein 15. Weltcupsieg in Lillehammer und Rang zwei bei der Generalprobe in Engelberg dürften ihn beflügeln.

STEFAN KRAFT (ÖSTERREICH): Der Gewinner von 2015 reist als Gesamtdritter im Weltcup erneut aussichtsreich zur Tournee. Der 23-Jährige hat sich kontinuierlich gesteigert und stand in diesem Winter schon dreimal auf dem Podium. Ist sehr relaxed, genießt den Trubel und kann ihn in positive Energie umwandeln. Der Heimvorteil bei den Springen in Innsbruck und Bischofshofen tut ein Übriges.

SEVERIN FREUND (RASTBÜCHL): Nach einer Hüftoperation und fünfmonatiger Verletzungspause ist der Vorjahreszweite noch nicht wieder in Topform. Dass er das Springen nicht verlernt hat, bewies er mit seinem Sieg beim Saisonauftakt in Kuusamo. Auch die Schanze in Oberstdorf liegt dem 28 Jahre alten Weltmeister, der ohne Erfolgsruck in seine zehnte Tournee geht. Vielleicht ein entscheidendes Plus.

MICHAEL HAYBÖCK (ÖSTERREICH): Brachte sich rechtzeitig vor der Tournee in Bestform. Der Sieg beim ersten Weltcupspringen in Engelberg hat die Brust breiter werden lassen. War vor zwei Jahren bei der Tournee Zweiter und im Vorjahr Dritter - allein das spricht für seine Qualität. Der 25-Jährige lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen und verfügt über eine hervorragende Sprungtechnik.

PETER PREVC (SLOWENIEN): Ein Sturz beim Weltcupauftakt in Kuusamo, der ihn den sicheren Sieg kostete, hat den Vorjahresdominator aus der Erfolgsspur geworfen. Befindet sich seither in einem Formtief, für dass selbst Experten keine plausible Erklärung finden. Scheint mental etwas angeknackst. Sollte der Knopf bei der Tournee aufgehen, kann der 24-Jährige wieder ganz vorne landen.

MARKUS EISENBICHLER (SIEGSDORF): Der Außenseiter-Tipp. Der 25-Jährige kehrte nach einer verschenkten Saison ins deutsche Weltcup-Team zurück und ist derzeit der konstanteste DSV-Adler. Der erste Podestplatz seiner Karriere hat das Selbstvertrauen des 25-Jährigen enorm gestärkt. Lässt sich vom Trubel nicht verrückt machen, will aber manchmal noch zuviel. Kann für eine Überraschung sorgen.


Das deutsche Aufgebot für die Vierschanzentournee

Skisprung-Weltmeister Severin Freund führt das deutsche Aufgebot für die 65. Vierschanzentournee an. Für den 28-Jährigen ist es bereits die zehnte Teilnahme an der Traditionsveranstaltung, die am Freitag in Oberstdorf beginnt. Auf dem 25 Jahre alten Bundespolizisten Markus Eisenbichler aus dem bayerischen Siegsdorf ruhen indes an diesem Freitag (16.45 Uhr) in Oberstdorf die größten Hoffnungen im DSV-Team, nachdem Weltmeister Freund noch nicht den erhofften Dreh auf der Schattenbergschanze gefunden hat. Der Weltmeister bekommt es im ersten Durchgang mit Lokalmatador Karl Geiger zu tun. Angesichts der fehlenden Form ist das schon eine echte Herausforderung.

Für die deutschen Skisprung-Legenden Martin Schmitt und Sven Hannawald ist daher klar: Im Duell mit den Topfavoriten Daniel Andre Tande (Norwegen) und Kamil Stoch (Polen), die in der Qualifikation dominierten, muss es Eisenbichler richten. "Er hat derzeit sicher die beste Form und das höchste Niveau", sagte der viermalige Weltmeister Schmitt der Deutschen Presse-Agentur. "Für Markus wäre es wichtig, einen guten Start zu haben, vielleicht kann er sogar einen Podiumsplatz erreichen."

Dafür muss aber die Landung besser gelingen als in der Ausscheidung, wo er durch einen Wackler im Auslauf eine mögliche Top-Drei-Platzierung vergab. "Das nervt mich", bekannte Eisenbichler. Es ist also noch Luft nach oben, was Bundestrainer Werner Schuster zuversichtlich stimmt: "Er hat eine gute Ausgangssituation." Im K.o.-Duell des ersten Durchgangs trifft Eisenbichler auf seinen erst 17 Jahre alten Teamkollegen Constantin Schmid.

Auch Hannawald, dem vor 15 Jahren als bisher einzigem Springer der Tournee-Geschichte ein Grand Slam gelang, traut der neuen Nummer eins einiges zu. "Bei Markus Eisenbichler habe ich die Hoffnung, dass er immer zwei gute Wettkampfsprünge hinbekommt. Wenn er das schafft, kann er bei dem einen oder anderen Springen auf dem Podium stehen", sagte Hannawald in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Er ist am stabilsten und sollte derjenige sein, der die deutsche Fahne in diesem Jahr hochhält."

Neben Freud und Eisenbichler wurden Richard Freitag, Karl Geiger, Stephan Leyhe und Andreas Wellinger von Bundestrainer Werner Schuster in das sechsköpfige A-Team berufen.

Zum Auftakt im Allgäu und beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen dürfen zusätzlich sechs weitere DSV-Springer an den Start gehen. Die sogenannte nationale Gruppe wird Schuster jedoch erst im Anschluss an die Continental-Cup-Wettbewerbe am Dienstag und Mittwoch in Engelberg benennen.

Das DSV-Aufgebot:
Markus Eisenbichler (Siegsdorf), Richard Freitag (Aue), Severin Freund (Rastbüchl), Karl Geiger (Oberstdorf), Stephan Leyhe (Willingen), Andreas Wellinger (Ruhpolding)


Zahlen und Fakten zur Vierschanzentournee im Skispringen

Seit 1953 zieht die Vierschanzentournee Millionen von Skisprung-Fans in ihren Bann. Die deutsch-österreichische Traditionsveranstaltung steigt vom 30. Dezember 2016 bis 6. Januar 2017 bereits zum 65. Mal.

DIE SCHANZEN
Los geht es auf der Schattenbergschanze in Oberstdorf. Die Anlage wurde 2003 erbaut und bietet 24 000 Zuschauern Platz. (Schanzenrekord: Sigurd Pettersen/Norwegen 143,5 Meter)

Es folgt das Neujahrsspringen auf der 2007 komplett umgebauten Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen. 35 000 Fans finden dort Platz. (Schanzenrekord: Simon Ammann/Schweiz 143,5 Meter)

Nächste Station ist der Bergisel in Innsbruck. 2001 wurde der Bakken mit einem Fassungsvermögen von 26 000 Zuschauern neu gebaut. Besonderheit: Beim Flug ins Tal blicken die Springer direkt auf den Friedhof. (Schanzenrekord: Michael Hayböck/Österreich 138 Meter)

Das Finale steigt auf der Paul-Außerleitner-Schanze in Bischofshofen. 2003 wurde die Anlage, in der 30 000 Fans Platz finden, neu gebaut. (Schanzenrekord: Daiki Ito/Japan 143 Meter)

DER MODUS
Gesamtsieger wird der Springer, der in allen vier Wettbewerben die meisten Punkte sammelt. Die Tagessieger werden in zwei Durchgängen ermittelt, in denen die Punkte addiert werden. An jedem Wettkampf nehmen 50 Springer teil, im zweiten Durchgang dürfen die besten 30 noch einmal springen.

Die Teilnehmer des ersten Durchgangs werden in der Qualifikation ermittelt. Weil die ersten Zehn der Weltcup-Gesamtwertung automatisch qualifiziert sind, muss man mindestens 40. werden.

Anders als im Weltcup gibt es bei den Springen der Vierschanzentournee im ersten Durchgang 25 K.o.-Duelle. Die Gewinner sowie die fünf besten Verlierer (Lucky Loser) ziehen ins Finale ein. Um die Paarungen für die K.o.-Duelle ermitteln zu können, werden die Qualifikationssprünge der für den Wettkampf gesetzten Top Ten ausnahmsweise mitgewertet. Der Sieger der Ausscheidung springt gegen den 50., der Zweite gegen den 49. usw.

DIE STATISTIK
Gleich drei Nationen stellten jeweils 16 Mal den Gesamtsieger: Deutschland (mit DDR), Finnland und Österreich. Dahinter folgt Norwegen mit zehn Erfolgen.

Rekordsieger ist Janne Ahonen. Er triumphierte zwischen 1999 und 2008 gleich fünfmal. Der Finne war auch an einem Novum in der Tourneegeschichte beteiligt: 2005/06 teilte er sich den Sieg mit dem nach vier Wettbewerben punktgleichen Jakub Janda aus Tschechien.

Erfolgreichster Deutscher ist Jens Weißflog mit vier Siegen. Ein anderer DSV-Adler hält einen ganz besonderen Rekord: 2001/02 gewann Sven Hannawald als erster und bisher einziger Springer alle vier Tournee-Wettbewerbe. Drei Gesamtsiege in Serie schaffte bisher nur der Norweger Björn Wirkola (1967-1969).


Der Zeitplan der 65. Vierschanzentournee

Oberstdorf:
Do., 29. Dez. 2016/16.45 Uhr: 1. Springen, Qualifikation Fr., 30. Dez. 2016/16.45 Uhr: 1. Springen

Garmisch-Partenkirchen:
Sa., 31. Dez. 2016/14.00 Uhr: 2. Springen, Qualifikation So., 01. Jan. 2017/14.00 Uhr: 2. Springen

Innsbruck:
Di., 03. Jan. 2017/14.00 Uhr: 3. Springen, Qualifikation Mi., 04. Jan. 2017/14.00 Uhr: 3. Springen

Bischofshofen:
Do., 05. Jan. 2017/16.45 Uhr: 4. Springen, Qualifikation Fr., 06. Jan. 2017/16.45 Uhr: 4. Springen