Die Beliebtheitswerte von Marcus Lindner sind bei einigen Basketballern in Deutschland sicher nicht allzu hoch. Denn der 36-Jährige lässt die Stars hart arbeiten - und das ohne ihr Lieblingsspielzeug, den Basketball. Bei Lindner bekommen es die langen Kerle mit Eisen, Therabändern, Stufen und dergleichen mehr zu tun. Marcus Lindner ist seit 2009 der Athletik-Trainer der deutschen Nationalmannschaft und macht derzeit den Kader fit für die am 5. September beginnende Europameisterschaft.
Wir sprachen mit dem Diplom-Sportwissenschaftler aus Bergisch-Gladbach, der von 2010 bis zum Saisonende 2013/14 in Diensten des Bamberger Bundesligisten Brose Baskets stand und zusammen mit Cheftrainer Chris Fleming ebenso beurlaubt wurde wie dessen Assistenten. Nun arbeitet Lindner wieder mit Fleming zusammen, der Cheftrainer der Herren-Auswahl des Deutschen Basketball-Bundes ist.

Vor Kurzem fanden die ersten Leistungsdiagnostik-Tests für die Nationalspieler statt. Waren Sie mit den Werten ihrer Schützlinge zufrieden?
Durchaus, die haben sich alle hervorragend präsentiert. Es gibt natürlich unterschiedliche Voraussetzungen. Der eine kommt aus einem wohlverdienten Urlaub, der andere frisch aus der Finalserie, aber jeder hat die Mindestanforderungen erfüllt. Es gab keine negativen Überraschungen.
Was testen Sie dabei und worauf achten Sie besonders?
Wir haben eine qualitative Leistungsdiagnostik, in der wir feststellen, wie gut die Spieler sich bewegen, um ihnen dann ein maßgeschneidertes Programm zu geben, damit sie diese Basis verbessern. Und dann haben wir die eigentlichen Leistungstest, in denen es darum geht, wie hoch können die Spieler springen, wie schnell können sie laufen und wie lange.

In der EM-Vorrunde hat die Mannschaft fünf Spiele innerhalb von sechs Tagen zu absolvieren. Nach einem Reisetag nach Lille in Frankreich sind es bis zum Finale noch vier Matches innerhalb einer Woche. Ein hartes Programm. Wie hoch schätzen Sie den Faktor Kondition/Ausdauer/Athletik im Vergleich zu den basketballerischen Fähigkeiten und dem mentalen Aspekt für den Erfolg ein?
Man muss aufpassen, dass man nicht alles pauschalisiert. Athletik stellt den Ausprägungsgrad gewisser konditioneller Fähigkeiten dar, um eine Aufgabe besser bewerkstelligen zu können - in diesem Fall besser Basketball spielen zu können. Letztendlich ist aber entscheidend, wer besser Basketball spielt. Denn nur wenn ich über eine schlechte technische und taktische Ausbildung verfüge, kann ich auch nur einen kleinen Teil meiner guten körperlichen Möglichkeiten umsetzen. Das heißt, wenn ich schlecht dribble, nutzt mir das auch nichts, wenn ich der Schnellste bin. Oder wenn ich mir kein System merken kann, nutzt mir die Kondition auch nichts. Wenn ich weiß, dass mein Gegenspieler über rechts zieht und ich eigentlich schneller bin, habe ich auch keinen Vorteil, wenn ich mir das nicht gemerkt habe. In einem Turnier kommt einer guten Ermüdungswiderstands- und Regenerationsfähigkeit sicherlich eine höhere Bedeutung zu.

Sie sind seit 2009 für die Athletik der deutschen Auswahl verantwortlich. Gab es schon einmal einen Fall, dass ein Spieler wegen schlechter Athletik-Ausdauerwerte aussortiert wurde?
Ich bin natürlich nicht der, der den Cut vollzieht. Die Ergebnisse sind allen Beteiligten bekannt, den medizinischen Betreuern wie den Coaches. Jeder weiß, wie die Spieler abgeschnitten haben. Ich denke, jeder Trainer verfügt über genügend Augenmaß, um die Werte einzuordnen. Was dann letztlich den Ausschlag gibt, ob ein Spieler in die Mannschaft kommt oder nicht, kann ich nicht beurteilen.

Die Spieler bekommen von Ihnen sicherlich Hausaufgaben bis zum ersten Trainingslager am 19. Juli in Bonn. Wie schaut ein solcher Hausaufgabenplan in etwa aus?
Basierend auf den Testergebnissen gibt es korrigierende Übungen, um die grundlegenden Bewegungen zu verbessern. Dann bekommen die Spieler einen Wochenplan, der die kurzfristigen Ziele der Mannschaft berücksichtigt, denn mit dem Nationalteam haben wir eine andere Planung als ein Verein. Wir müssen schließlich Anfang August zu den ersten Vorbereitungsspielen schon fit sein. Darüber hinaus ist der Plan aber auch auf die einzelnen Stärken bzw. Schwächen der Spieler abgestimmt und dementsprechend individualisiert.

Waren die beiden NBA-Spieler Dennis Schröder und Dirk Nowitzki auch bei der Leistungsdiagnostik, und bekommen die beiden auch Hausaufgaben? Beide stoßen ja erst Anfang bzw. Mitte August zum Team?
Den beiden ist es bis zum 1. August nicht erlaubt, mit einer Mannschaft zu trainieren. Das beinhaltet auch die Leistungsdiagnostik. Sie bekommen natürlich auch von ihren Klubs Hausaufgaben. Wir müssen nur aufpassen, dass die physiologischen Anpassungen, die wir vornehmen, sich nicht mit denen überschneiden, die vom Klub gefordert sind. Hier schauen wir, was können wir übernehmen oder wo müssen wir mit dem Verein nochmal sprechen. Die Vereine unterstützen uns da auch.

Und was passiert in den ersten Lehrgangstagen? Drehen Sie die Spieler konditionell durch die Mangel?
Wir machen einen sogenannten Retest und stellen fest, wie die Spieler gearbeitet haben. Dann gibt es sicher auch Fälle, wo die Vorbereitungszeit so kurz bzw. die Saison so lang war, dass wir noch Anpassungen vornehmen müssen. Bei uns steht der Athlet ganz klar im Mittelpunkt, und es wird sehr individualisiert trainiert, ohne die mannschaftlichen Ziele aus den Augen zu verlieren. Das war ja auch beim Trainerstab in Bamberg unter Coach Chris Fleming schon immer die Stärke.

Können Sie in so kurzer Zeit überhaupt noch etwas bewirken? Bis zum Turnierstart sind es nur wenige Wochen, in denen Sie die Spieler betreuen.
Kommt auf die Art der Anpassung an, die man erzielt. Einen Basketballer kann man schlecht aus dem Teamtraining nehmen. Wir managen den Trainingsprozess und beobachten die Spieler sehr genau durch ein so genanntes Monitoring wie hoch die Belastung des Trainings war und welchen Trainingsstatus die Spieler zu Beginn des Tages haben, d.h. welche Art von Stress und wie viel der Athlet aushalten kann.

Welche Aufgaben haben Sie während des Turniers? Waldläufe werden Sie ja kaum mit Dirk Nowitzki machen?
Waldläufe stehen sowieso weniger auf dem Programm. Das wäre auch eine ungewohnte Belastung und ich müsste dem Headcoach am nächsten Tag erklären, warum sich der Spieler nicht mehr bewegen kann. Aber Spaß beiseite. Bei Lehrgängen und Turnieren stehen regenerative Maßnahmen auf dem Programm. Wir werden unsere "Waldläufe" eher auf dem Rad machen. Aber auch Regeneration im Pool oder einfaches Wurftraining in einer gewissen Herzfrequenzzone stehen dann auf dem Plan genau so wie Training für die Spieler, die wenig oder nicht spielen, damit die keinen Leistungsabfall haben, wenn sie zum Einsatz kommen. Täglich bekommt der Trainer dann unsere Werte, wie die Spieler aufs Training und das Spiel reagiert haben, wie empfänglich er für Stress ist und welche Interventionen wir empfehlen. Als Athletiktrainer haben wir natürlich keine Möglichkeit im Turnier, die Spielzeit zu reglementieren, aber wir könnten etwa empfehlen, Spieler XY sollte vielleicht ein Einzelzimmer bekommen und länger schlafen, oder wir ändern andere Erholungsmodalitäten.

Ärgern Sie sich manchmal über unathletische und unbewegliche Spieler, die trotzdem erfolgreich sind?
Das ist so ähnlich wie Rauchen, das ist die Wahl eines Jeden. Wenn ich mich dafür entscheide, dann muss ich damit leben. Ich kann's nicht hundertprozentig nachvollziehen, wenn einer sein Potenzial nicht ausschöpft, aber pauschalisieren kann man das nicht. Man weiß zum Beispiel nicht, kommt derjenige aus einer Verletzungspause. Oft ist es aber so, dass extrem talentierte oder technikaffine Spieler dem Athletiktraining nicht gerade zugewandt sind. Ärgern tu' ich mich darüber nicht, ich versuche jeden Spieler dort abzuholen, wo er gerade ist.

Was machen Sie , wenn Sie frei haben - Sport oder faulenzen Sie auch mal vor dem Fernseher?
Ich mache definitiv Sport. Fernsehen kucke ich so gut wie nie. Ich lese unheimlich viel. Ich bin eigentlich, wie man so schön sagt, ein Nerd in meinem Fach, das heißt, ich befasse mich 24 Stunden, sieben Tage die Woche mit Athletiktraining. Das ist auch wirklich schwierig, Privates und Beruf zu trennen. Ich mag das, was ich beruflich mache und von daher gestalte ich viel Freizeit damit. Abschalten vom Beruf fällt mir schwer.

Was haben Sie nach der Beurlaubung bei den Brose Baskets im vergangenen Jahr gemacht?
Meine To-do-Liste abgearbeitet. Einen Haufen Geld für Bücher ausgegeben. Seminare und Fortbildungen besucht und viel an mir selbst gearbeitet.

Wie schneidet die deutsche Nationalmannschaft bei der EM ab?
Das ist schwer zu sagen. Wenn ich das wüsste. Wir haben eine sehr schwere Gruppe. Aber - die Phrase kann man schon bedienen - es gibt keine leichten Gegner mehr. Man konnte ja schon lesen, auf wie viele NBA-Spieler wir in Berlin treffen. Da stand aber nicht, auf wie viele Euro-league-Spieler wir treffen. Es wird auf keinen Fall ein Selbstläufer. Man muss auch die Dynamik eines Turniers betrachten. Aber ich bin kein Basketballer, von daher erlaube ich mir kein Urteil, das sollen die Trainer machen.

Und wer wird Europameister?
Ich glaube, die Mannschaft, die im Finale mehr Punkte erzielt (lacht). Natürlich hoffe ich, dass es mein Team - Deutschland - wird. Aber da fragen Sie den Falschen. Ein Ziel ist es, sich für Olympia 2016 in Rio zu qualifizieren. Man tritt bei einer Meisterschaft an, um jedes Spiel zu gewinnen. Ich persönlich will jeden Spieler und das Team besser machen, ein Sieg ist ein Nebenprodukt. Wenn sich jeder Spieler in den Retests verbessert und ich ihnen helfen kann, ihre technischen Möglichkeiten auf dem Basketballfeld besser umzusetzen und sich keiner verletzt, dann habe ich meine Aufgabe erfüllt. Was dann für ein Resultat herauskommt, ist, ich will nicht sagen nebensächlich, da würde ich lügen, aber alle anderen Mannschaften wollen auch gewinnen.

Das Gespräch führte unser
Redaktionsmitglied Udo Schilling