Er sprach die Kinder auf offener Straße oder auf Spielplätzen an, später missbrauchte er sie. Für rund 20 Fälle sexuellen Missbrauchs muss sich ein Kinderarzt erneut vor dem Augsburger Landgericht verantworten. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshof ist der Fall trotz bereits erfolgter Verurteilung erneut vor Gericht.

Erstes Urteil laut BGH möglicherweise zu hart

Im März 2016 war der 43-jährige Kinderarzt für seine sexuellen Vergehen an rund 20 Jungen bereits verurteilt worden. Das Urteil damals: dreizehneinhalb Jahre Haft, Sicherungsverwahrung und lebenslanges Berufsverbot. Doch die Richter des Bundesgerichtshof in Karlsruhe entschieden, dass der Angeklagte aufgrund seiner Pädophilie zumindest bei einem Teil der Taten vermindert schuldfähig gewesen sein und somit eine mildere Strafe bekommen könnte. Deshalb muss sich der Mann seit Montag vor einer anderen Kammer des Augsburger Landgerichts erneut verantworten.

Zahlreiche Missbrauchsfälle

Der Kinderarzt hatte in München und Augsburg immer wieder Kinder unter anderem auf Spielplätzen angesprochen und sie in nahe gelegene Gebäude geführt, indem er ihnen Spielzeug versprach. In Kellern oder Tiefgaragen kam es dann zum Missbrauch der Kinder. Auch an den Söhnen zweier Freundinnen verging sich der Mann bei Reisen nach Nürnberg und Florida in Hotelzimmern. Weiter verging sich der Mediziner auch auf kostenlosen Ausflügen für benachteiligte Kinder. Diese Fahrten hatte er einer Reihe von Grundschulen angeboten und war dabei als Mediziner des Augsburger Klinikums beziehungsweise Chefarzt des Bayerischen Roten Kreuzes aufgetreten, ohne, dass die Einrichtungen davon wussten. So konnte er mehrere dieser Fahrten unternehmen und sich dabei an den Kindern vergehen.

Schwerwiegendster Fall in Niedersachsen

Seine schwerwiegendste tat aber beginn der 43-Jährige im niedersächsischen Garbsen. Dort entführte er einen Fünfjährigen in seine Wohnung nach Hannover. Zu diesem Zeitpunkt war er an der Medizinischen Hochschule Hannover tätig. In der Wohnung zwang er den Jungen ein Narkosemittel einzunehmen und missbrauchte das Kind danach. Bei der tat wurde der Junge auch verletzt. Nach zwei Stunden setzte der Angeklagte ihn dann irgendwo in der niedersächsischen Landeshauptstadt wieder aus.

Keine Aussage am ersten Verhandlungstag

Zu Beginn des Prozesses am Montag wurden zunächst stundenlang die bisherigen Gerichtsbeschlüsse verlesen. Der Kinderarzt hatte bereits im ersten Verfahren ein umfangreiches Geständnis abgelegt und somit den Kindern eine Aussage vor Gericht erspart. Da er seine Taten allerdings mitunter auch mit einer Kamera gefilmt hatte, hatte er selbst der Kripo belastendes Material geliefert. Am ersten Verhandlungstages des jetzt erneuten Prozesses machte der Mann keine Aussage.

Verteidigung stellt Befangenheitsantrag gegen Psychiater

Die Verteidiger des Angeklagten nutzten den ersten Verhandlungstag derweil für einen Befangenheitsantrag gegen den forensischen Psychiater. Dieser war bereits am ersten Prozess beteiligt gewesen. Über den Antrag haben die Richter des Landgerichts noch nicht entschieden. Allerdings hat die Kammer für das neue Verfahren eine Forderung des BGH umgesetzt und einen zweiten Sachverständigen bestellt. Geplant sind nun 18 weitere Verhandlungstage.

Urteil erst 2019

Zu Beginn des Prozesses ist jedoch bereits klar, dass der Deutsche erneut zu einer Haftstrafe verurteilt werden wird. Der Senat des Bundesgerichtshof schloss eine Schuldunfähigkeit bei Begehung der Taten ausdrücklich aus. Entscheidend für das neue Urteil werden deswegen nun die neuen Gutachten bezüglich der Psyche des Angeklagten sein. Die Jugendschutzkammer muss auch die vor zweieinhalb Jahren verhängte Sicherungsverwahrung und das lebenslange Berufsverbot gegen den 43-Jährigen erneut überprüfen. Das Urteil wird voraussichtlich am 29. Januar 2019 verkündet.