Wie fragil eine Opernaufführung ist, zumal wenn ein Werk Richard Wagners auf dem Programm steht, war bei der jüngsten Premiere am Staatstheater Nürnberg zu erleben. Dass am Sonntag der Schlussbeifall für "Tristan und Isolde" geradezu stürmisch ausfiel, hatte eher damit zu tun, dass die Vorstellung live in fast fünfzig Kinos in Deutschland und Österreich übertragen wurde und zudem auf BR Klassik im Radio gesendet wurde. Für weniger lokalpatriotische Augen und Ohren war der Abend nicht ganz so bravourös.

Was in erster Linie an der Tagesform des Titelprotagonisten Vincent Wolfsteiner lag. Schon im 1. Akt zeichnete sich ab, dass der neue Heldentenor des Ensembles es ausgerechnet bei seinem Rollen- und Nürnberg-Debüt nicht leicht haben würde. Er sang in keiner Phase frei und kämpfte zunehmend mit der schweren Partie, die auch gesunden Tenören alles abverlangt und deshalb gerne gekürzt wird, was auch in Nürnberg der Fall ist.

Keiner zog die Reißleine


Bei einer normalen Vorstellung hätte der Hauptsolist bei der gegebenen, erst vor dem 3. Akt als leicht angesagten Indisposition vielleicht nur gespielt und den sängerischen Part einem Kollegen im Graben überlassen können. Da aber das Staatstheater mit der Premierenübertragung Neuland betrat - alle bisherigen Opern-Live-Events im Fernsehen oder Kino, ob aus der New Yorker Met oder aus Bayreuth, waren Repertoirevorstellungen und nicht Premieren -, wollte oder konnte wohl niemand diese Reißleine ziehen.

Vincent Wolfsteiner bleibt zu wünschen, dass seine Stimme den Parforceritt vom Sonntag gut überstanden hat. Denn seine Anlagen sind, soweit sich das beurteilen lässt, durchaus vielversprechend. Und er ist zweifellos ein begabter Darsteller, der sich mit vollem Einsatz in seine Rollen wirft. Dass seine "Tristan"-Verkörperung dennoch nur achtbar geriet, lag an der gegebenen Verunsicherung - und auch an den Vorgaben der Regie.

Wallende Hosen, nackte Heldenbrust


In der Inszenierung von Monique Wagemakers und im abstrakten Raumschiffbild von Dirk Becker wird viel gestanden, gekniet und unmotiviert hin- und hergelaufen. Allen männlichen Figuren hat Kostümbildnerin Gabriele Heimann außerdem lange und in viele Falten gelegte Hosenröcke verpasst, die zwar gut aussehen, in denen unfallfreies Agieren aber offenbar nicht möglich ist.

Dass Tristan im 3. Akt nurmehr die wallenden Hosen und kein Hemd mehr anhat, ist auch keine Offenbarung. Denn zwangsläufig schaut das Publikum gebannt auf die Heldenbrust in ihren unterschiedlichen muskulären Zuckungen. Ja, natürlich, der Mann ist schwer verletzt und reißt sich zuletzt den Wundverband ab. Aber die wahrscheinlich gewünschte drastischere Körperlichkeit kann auch vom Wesentlichen ablenken.

Liebevolle Dienerfiguren


Von dem, was die Regisseurin im Programmheft schreibt und meint, sieht und versteht der Zuschauer nur einen Bruchteil. Als Gewinn, als neue Variante ist zu verbuchen, dass die beiden Dienerfiguren Brangäne und Kurwenal ihre Herrin bzw. ihren Herrn mehr lieben, als es im Textbuch steht. Da gibt es anrührende Momente, auch weil sie nur andeutend, zurückhaltend inszeniert sind.

Wenn hingegen Tristan und Isolde gleich zu Beginn des 2. Akts förmlich übereinander herfallen, mag das zwar all jenen gefallen, die endlich wieder in "Tristan und Isolde" die romantische Liebesgeschichte sehen wollen. Aber das ist nur ein Klischee. Und die Schlusslösung mit dem gemeinsamen Liebestod überzeugt mich hier genauso wenig wie seinerzeit bei Jean-Pierre Ponnelle in Bayreuth.

Rauschhafte Steigerungen


"Ewig einig ohne End', ohn Erwachen, ohne Erbangen, namenlos in Lieb' umfangen" sind die beiden Liebenden ohnehin nur in ihren Köpfen, ihren Herzen und im Tod. Und natürlich in der Musik, die Marcus Bosch mit struktureller Klarheit und viel Gespür für die auffallend wortverständlichen Solisten dirigiert. Die Spannung, die er mit den präzisen und spielfreudigen Musikern der Staatsphilharmonie zwischen kontemplativer Zartheit und rauschhaft-rasanten Steigerungen erzeugt, ist das eigentliche Ereignis dieser Aufführung.

Lioba Braun als Isolde bestand ihr szenisches Rollendebüt weitaus glücklicher als ihr Bühnenpartner - eine starke, selbstbewusste Frau, die anders als Tristan sehr genau weiß, wer sie ist und was sie tut. Aber auch sie wird erst mit den kommenden Vorstellungen - und mit einem hoffentlich gut disponierten Partner - jene Sicherheit bekommen, die es braucht, um die Partie auch sängerisch mit jener Emphase zu füllen, die sie als Darstellerin schon hat. Die einzigen Hauptsolisten, die bei der Premiere rundherum überzeugten, waren Alexandra Petersamer und Jochen Kupfer: erstere als Brangäne mit einem nur etwas dunkleren Timbre als Isolde, letzterer als Kurwenal, der stimmlich die bei dieser Rolle gern praktizierte Raubeinigkeit souverän Lügen strafte.

Banale und poetische Bilder


Guido Jentjens war ein von der Regie zu blass geführter König Marke, der markant sang, sich aber allzu sehr auf die mitunter nervig mitlaufenden Filmkameras fokussierte. Darüber, warum er fünf Hemden übereinander trägt, sollte niemand ernstlich nachdenken. Das ist eine ebenso banale bildnerische Verrenkung wie der mit einer Reptilhaut gezierte Frackrücken von Melot, dem Hans Kittelmann ohnehin genug Schärfe gibt. Die von Tarmo Vaask einstudierten Chöre singen wirkungsmächtig, die Statisten sind zwar schön ausstaffiert, lassen es aber an Spannung und Haltung fehlen.

Fazit: Der neue Nürnberger "Tristan"-Inszenierung ist eher konventionell, tut niemandem weh und liefert hin und wieder poetische und starke Bilder, die niemandem etwas aufoktroyieren. Schon deshalb wird das ein Renner werden. Musikalisch hat die Produktion weitaus mehr zu bieten - vorausgesetzt die Titelprotagonisten sind gut bei Stimme.