Des einen Leid, des anderen Freud': Die Schlecker-Insolvenz hat für kräftiges Umsatzwachstum bei den verbliebenen Drogerieketten gesorgt. Aus dem Vierkampf ist inzwischen ein Dreikampf geworden. Um die Gunst der einstigen Schlecker-Kunden in Deutschland buhlen die Unternehmen Rossmann, Müller und dm. Auch Discounter wie Aldi oder Lebensmittelhändler wie Kaufland mischen kräftig mit im Geschäft um Heilmittel oder Schönheitspflege.

Am Donnerstag vermeldete dm seine aktuellen Zahlen. Die Drogeriekette war schon bisher Branchenprimus, was das Geschäftsvolumen angeht. Im vor kurzem abgelaufenen Geschäftsjahr legte das Karlsruher Unternehmen deutschlandweit um 14 Prozent zu, der Umsatz hier übersprang die Fünf-Milliarden-Euro-Grenze deutlich.
"Es gab einen Schub, der auf die Schlecker-Schließungen zurückzuführen ist", berichtete Markus Blei, Gebietsverantwortlicher in Franken. "Wir hatten den besten Mai aller Zeiten." Die Steigerung habe sich dann den ganzen Sommer durchgezogen.

Müller: richtig guter Zuwachs


In Franken stieg der dm-Umsatz sogar um 17 Prozent. Ein Grund hierfür sind auch neue Filialen, die die Karlsruher eröffneten. Von Kleinostheim bis Ebermannstadt sind in den vergangenen Monaten acht neue Märkte hinzugekommen. "Zum Jahresende werden wir 80 Filialen in Franken haben", verkündete Blei. Damit ist dm mittlerweile auch in dieser Beziehung in der Region führend. Das Unternehmen Müller kommt aktuell auf 51 Filialen. Wie hoch deren Umsatz ist, darüber hält sich Müller-Verkaufsleiter Martin Grübl bedeckt. Fest steht nur, es hat "richtig guten Zuwachs" gegeben. Müller bietet - anders als die Konkurrenz - auch Schreib- und Spielwaren an. Der Durchschnittsumsatz pro Filiale liegt dadurch mit ungefähr 4,5 Millionen Euro höher als bei anderen Drogerieketten.

Was das Filialnetz angeht, war Schlecker bisher mit deutlichem Abstand führend. Mehr als 7200 Filialen gab es zuletzt in Deutschland - oft in kleinen Orten. Doch die Präsenz von Schlecker in der Fläche täuschte nur über die Probleme hinweg, die Alleineigentümer Anton Schlecker in der Branche hatte. Beim Umsatz pro Filiale konnte es Schlecker mit den Konkurrenten nicht aufnehmen. Zudem kamen Vertrauens- und Imageverluste.

Rossmann mit 30 Filialen vertreten


In Deutschland verfügt seit dem Abtreten von Schlecker nun Rossmann mit mehr als 1600 Märkten über das größte Filialnetz. Das Unternehmen aus Burgwedel bei Hannover hat nach eigenen Angaben bundesweit mehr als 2000 ehemalige Schlecker-Mitarbeiter eingestellt, davon 25 in Franken. Die Übernahme der zu Schlecker gehörenden Ihr-Platz-Filialen (unter anderem in Nürnberg) sei dafür mitverantwortlich.

Gemessen an den Verkaufsstellen in Franken ist Rossmann von den drei Spitzenreitern aber der kleinste Drogeriemarkt-Betreiber. Von den 30 Rossmann-Filialen in Franken befinden sich allein elf in Nürnberg. In Oberfranken gibt es sechs, in Unterfranken zwei Märkte. "Die Umsatzentwicklung in unserem Verkaufsgebiet Franken ist sehr erfreulich. Wir werden in den nächsten Jahren auch weiterhin hier expandieren, um unser Filialnetz zu verdichten", sagte Rossmann-Verkaufsleiterin Antje Dähne.

Der Ausbau des Filialnetzes in Franken ist in den vergangenen Jahren dm am besten gelungen. Im Oktober 1991 eröffnete das Unternehmen in Bad Neustadt seinen ersten Markt im Frankenland. Vor zehn Jahren besaß dm in der Region dann gerade einmal elf Märkte. Jetzt sollen zu den bestehenden 78 zwei weitere in diesem Jahr und bis zu zehn im nächsten Jahr hinzukommen, unter anderem zusätzliche Verkaufsstellen in Erlangen, Nürnberg und Bamberg.

Schlecker-Flächen zu klein


Laut Blei wurden dm vielfach auch leerstehende Schlecker-Läden angeboten. "Aber diese Immobilien konnten wir selten nutzen", sagte Blei. Sie seien oft schlicht zu klein für den Bedarf gewesen. Außerdem verfolge man bei dm nach dem Schlecker-Ausscheiden keine neue Politik. Einfacher ausgedrückt: dm geht nicht in kleine Dörfer. "Wir versuchen, möglichst nah an alle Kunden ranzukommen. Aber solche Dinge wie Kundenfrequenz, Ausstattung oder Parkplätze müssen einfach stimmen", sagte der dm-Gebietsverantwortliche.

Startschuss in den 1970er Jahren


Dennoch: Das Wachstum im Drogeriehandel geht unvermindert weiter. Eine Entwicklung, die in den 1970er Jahren begann. Startschuss für die Gründung großer Drogerieketten war 1973 die Aufhebung der Preisbindung für Drogerieprodukte. Dirk Rossmann, ein Drogist aus Hannover, hatte bereits ein Jahr zuvor seinen ersten Selbstbedienungs-"Markt für Drogeriewaren" in seiner Heimatstadt eröffnet. Ihm folgten ein Jahr später Götz Werner mit dm in Karlsruhe und Erwin Müller mit einem gleichnamigen Markt in Ulm. Letzter in der Gruppe der großen vier Unternehmerpersönlichkeiten war Anton Schlecker gewesen, als er 1975 in Kirchheim unter Teck mit seiner ersten Filiale startete.

Nun ist das Lebenswerk des ehemaligen Metzgermeisters Geschichte. Ebenso wie die Vielzahl an kleinen Fachdrogerien, die die Ketten vom Markt verdrängt haben. Laut einer Erhebung des Verbands Deutscher Drogisten (VDD) gab es im Jahr 2005 noch 3750 Fachdrogerien in Deutschland. Heute sind es nur noch etwas mehr als 2000. "Man findet eher selten, meist auf dem Land, Drogerien, die das ganze Angebot haben", sagte VDD-Geschäftsführer Elmo Keller. Fachdrogerien müssten sich heute spezialisieren, entweder in Richtung Parfümerie oder teilweise auch in Richtung Naturkost, um das Überleben zu sichern.