In Frankfurt am Main brach ein Mann in seiner Wohnung zusammen, Angehörige riefen den Rettungsdienst. Für die Retter war es einer von 140.000 Einsätzen pro Jahr. Den Einsatzwagen parkten die Rettungskräfte vor einer Tiefgaragenzufahrt eines Wohnhauses. Nach der Behandlung kehrte Rettungsassistent Markus Thiel zum Einsatzwagen zurück - und fand einen Beschwerdezettel an der Windschutzscheibe:
 


Auf dem Zettel beschwerte sich ein Anwohner über Thiels angeblich rücksichtslose Parkweise. Darauf stand: "Ich verstehe, dass Sie es eilig haben. Aber einen Meter zurückfahren hätte 10 Sekunden ihrer Zeit in Anspruch genommen und mehreren Einwohnern Unannehmlichkeiten erspart." Was der erboste Anwohner offensichtlich nicht wusste: Thiel hatte sich ganz bewusst an den Rand der Einbahnstraße in eine Tiefgarageneinfahrt gestellt, um den nachfolgenden Verkehr nicht zu behindern. Die Situation war stressig, es musste schnell gehen.

 

 

 

 

 


"Der wird schon wissen, was er tut"
 

"Ein Rettungswagen wird nach taktischen Gesichtspunkten geparkt", so Markus Röck, Sprecher der Feuerwehr Frankfurt am Main. "Sie brauchen Platz auf den Seiten, vor allem aber nach hinten raus, wo die Trage aus- und eingeladen werden muss." Der Anwohner, der den Beschwerdezettel geschrieben hat, habe das vermutlich nicht gewusst. "Wir brauchen hier einen Vertrauensvorschuss von der Bevölkerung. Nach dem Motto: Der wird schon wissen, was er tut."

 

 

 


"Entsolidarisierung der Gesellschaft"
 

Derartige Beschwerden häufen sich in den letzten Jahren enorm, berichtet Markus Röck. "Wir sprechen von einer Entsolidarisierung der Gesellschaft. Ich will jetzt gar nicht darauf hinaus, dass unsere Einsatzkräfte immer häufiger im Einsatz bepöbelt und sogar tätlich angegriffen werden. Hier geht es um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das sich durch alle Schichten zieht. Man beschwert sich, ohne wirklich zu wissen, worauf es in einer derartigen Situation ankommt. Jeder ist sich selbst der Nächste, hat nur noch seine eigenen Interessen im Kopf. Das Klima wird unangenehmer."

Mit der Veröffentlichung des Beschwerdezettels wollten die Frankfurter Retter auch zeigen, was den Helfern im täglichen Einsatz immer öfter widerfährt, und die Menschen zum Nachdenken anregen. Schließlich könne man jederzeit selbst in eine Situation geraten, in der man auf Hilfe angewiesen sei und in der jede Sekunde zähle.

Die Rückmeldungen auf die Veröffentlichung des Zettels, so Röck, seien zu 90 Prozent positiv.