Mit prüfendem Blick umrundet Roland Graf die Elmersmarter bei Glosberg. Sie erzählt die Geschichte einer Familie, die unter großer Kindersterblichkeit gelitten hatte, bis sie Gott im Jahr 1733 durch das steinerne Prachtstück um Beistand gebeten hat. Und siehe da, das Sterben hat ein Ende genommen. Das ist nicht die einzige Geschichte, die Graf zu den Kleindenkmälern im Landkreis erzählen kann.

Viele solcher steinernen Zeitzeugen stehen heute überhaupt nur, weil er nicht müde wird, ihre Bruchstücke zusammenzutragen und sie wieder herrichten zu lassen. "Es waren über 250 Renovierungen, dann habe ich das Zählen aufgehört", blickt er auf sein 40-jähriges Wirken als Kreisheimatpfleger und anfangs als Stellvertreter zurück.

"Mein Hang zu den Martern hat keinen besonderen Auslöser", stellt Graf nach der Rückkehr in sein Dörfleser Wohnhaus fest. Er grübelt kurz. Dann ergänzt er: "... außer, dass das Kulturgut der Heimat mit Füßen getreten wurde!" Sogar in Jauchegruben sei er auf der Suche nach zerstörten Kleindenkmälern fündig geworden. Viele Gespräche hat er geführt, bis die heute wieder zahlreichen Martern in unserer Flur an ihre angestammten Plätze zurückkehren konnten, ihre Restaurierung in die Wege geleitet war. Und Martern sind ja nicht das einzige Gebiet, auf dem sich Graf in der Heimatpflege engagiert.


Den Landkreis abgelaufen

Vor vielen Jahren hatte er den Landkreis sogar in Planquadrate eingeteilt und mit dem Blick eines Heimatkundlers abgelaufen. "Danach konntest Du mitplaudern", erklärt er. Oft haben ihn Ehefrau Sigrid, Sohn Robert und Tochter Ute bei seinen Exkursionen begleitet. Für einen Abstecher in den Steinbruch auf den Spuren der Vor- und Frühgeschichte haben die Kinder jedes Volksfest links liegen lassen. Und der Sohn ist heute sogar ein angesehener Archäologe.

In solchen Erinnerungen spiegelt sich auch die Philosophie des 1941 geborenen ehemaligen Fernmeldetechnikers wider: "Heimatpfleger kann man nicht vom Schreibtisch aus machen. Da muss man raus und mit den Leuten plaudern. Man muss sie überzeugen, dass es einen Sinn macht." Manchmal habe er für diese Aufgabe 3000 oder 4000 Kilometer im Jahr zurückgelegt. Graf ist sich sicher, dass sich dieser Aufwand lohnt. "Ich lebe so intensiv, und wir haben so viel geschafft, von dem wir am Anfang gedacht haben: ,Das schaffst Du nie!‘", stellt er fest.

Zum Erfolg seiner Projekte hat sicherlich seine einerseits sehr herzliche, aber andererseits auch extrem geradlinige Art beigetragen. Graf nimmt nämlich kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, sich für den Denkmalschutz stark zu machen. Diese offene Art scheint anzukommen. So habe er in der ganzen Zeit mit "seinen" Frankenwäldern nie einen Vertrag abschließen müssen, alles sei mit einem Handschlag besiegelt und dann auch eingehalten worden. Er habe ein Vertrauen gespürt, das er ebenso schätze wie die vielen Freundschaften, die sogar über die deutschen Grenzen hinaus entstanden seien.


Freude und Freunde gefunden

Auch die Arbeit im 1974 entstandenen Arbeitskreis Heimatpflege bereitete ihm viel Freude und viele Freunde. Die Veröffentlichung seiner Arbeiten im Fränkischen Tag, die Herausgabe mehrerer Bücher und die vielen Vortragstermine von der Polizei bis hin zur Universität stellten für ihn nie eine lästige Pflicht dar. Im Gegenteil: Auch auf diesen Wegen versuchte er, sein Fachwissen zu teilen und die Menschen für die Geschichte ihrer Heimat zu begeistern.

Nach vier Jahrzehnten in der Heimatkunde sieht Graf allerdings den Moment für eine Wachablösung gekommen. "Es ist ein guter Zeitpunkt", ist er überzeugt. Zum Schluss hin sei es schon etwas viel geworden, gerade mit den zahlreichen Terminen. Dass die Heimatpflege ohne sein (offizielles) Mitwirken leiden wird, bezweifelt Graf. "Die Jungen können auch was, sie gehen neue Wege - und das will ich sehen!", spornt er seine Nachfolger an.

Außerdem ist Graf vom Ehrenamt-Ruhestand noch sehr weit entfernt. "Ich nehme die Nase aus dem Amtlichen zu 100 Prozent raus", verspricht er, niemanden ins Handwerk pfuschen zu wollen. "Aber ich bleibe volles Rohr in der Heimatpflege." Er habe noch viel zu recherchieren und aufzuarbeiten. Was auf der Agenda steht? "Grabsteine, Kapellen, mein Heimatort Dörfles ..." Langweilig wird es Roland Graf also nicht werden. Und sicher wird man ihn noch oft in der Flur treffen, wenn er wieder einmal auf der Suche ist - und sich jederzeit über einen kleinen Plausch über die Heimatgeschichte freut.