Eigentlich ist ein Bahnhof ein Ort, den der Reisende nutzt, um auszusteigen. Mehr nicht. Wer bleibt schon gerne in zugigen Bahnhofshallen, wenn es draußen viel zu entdecken gibt?
Als Edith Memmel mit dem Zug aus Kronach in Lichtenfels eintrifft, wartet Günter Dippold schon. In der vergangenen Woche war der Bezirksheimatpfleger bei der Töpfermeisterin in Mitwitz zu Gast. Jetzt will Dippold ihr interessante Plätze in seiner Heimat zeigen - und bleibt mit Memmel erst einmal im Lichtenfelser Bahnhofsgebäude. "Wir gehen in Deutschlands schönstes Bahnhofs-Café", sagt der 52-Jährige. Die beiden betreten einen kleinen geräumigen Saal mit hellgrauen Fliesen und runden Bistro-Tischen aus Holz. Die Tische sind dunkel gehalten. Die vier Stühle an jedem Tisch ebenfalls. Die meisten haben Armlehnen. An der Wand hängen historische Fotos, am Fenster ist ein altes Klavier platziert.



Der Blick fällt auf zwei mächtige Säulen und geht an ihnen entlang nach oben zur Decke. Spätestens jetzt ist klar: In diesem Raum hat sich die ursprüngliche Situation erhalten, samt Einrichtung. "Das war mal der Speisesaal der 1. Klasse", erzählt Dippold. "Dieser Teil des Bahnhofs stammt von 1885." Pächterin Gerti Dorsch betreibt hier seit dem Jahr 2000 ihr Bistro. Am Bahnhof ist sie schon seit 1973 tätig, hatte zuvor einen kleinen Kiosk. Auf den schönen Raum werde sie oft angesprochen, erzählt sie. "Es gibt Leute, die extra in Lichtenfels Halt machen, nur um hier Kaffee zu trinken."

Nach einer entsprechenden Tasse geht Dippolds und Memmels Weg eine Straße weiter. Nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt liegt die ehemalige Lichtenfelser Synagoge. Die Stadt hat sie vor einigen Jahren denkmalgerecht saniert. Jetzt nutzt sie den Raum für Konzerte, Vorträge und andere Veranstaltungen. "Die Synagoge hat für mich die schönste Sprechakustik von allen Räumen, in denen ich bisher geredet habe", meint Dippold.

Klinik einst wie ein Dorf angelegt
Memmel kannte die Lichtenfelser Synagoge bisher nicht. Dafür aber die in Kronach. "Kronach hat noch eine Empore für die Frauen", sagt die 63-Jährige. "Wo saßen denn hier die Frauen?" Dippold ist entzückt. "Sehr gute Frage", sagt er. Er führt Memmel an die Seitenwand und zeigt auf eine Stelle an der Wand. "In Lichtenfels hat es keine Frauenempore gegeben. Männer und Frauen kamen zu getrennten Eingängen herein", erklärt der Bezirksheimatpfleger. "Es gab nur einen kleinen Absatz, etwa 20 Zentimeter hoch, und eine visuelle Trennung, wahrscheinlich durch ein Holzgitter." Heute ist die frühere Geschlechter-Abtrennung dezent an der Wand gekennzeichnet. Und auch neue Eichendielen an dieser Stelle deuten auf die einstige Frauenabteilung hin.

Der nächste Ort liegt außerhalb von Lichtenfels. Mit dem Auto geht es die A 73 entlang Richtung Süden. "Das hätte ich nicht gedacht, dass wir hier Station machen", sagt Memmel. Dippold hat weder Banz, noch den Staffel- oder den Veitsberg ausgesucht. Er führt Memmel zum Bezirksklinikum Obermain nach Kutzenberg. "Das kenne ich von der Autobahn her. Aber von dort aus sieht man nur den hässlichen Neubau", erzählt sie, als sie mit Dippold über das einige Hektar große Gelände läuft. Memmel staunt über die "wunderschönen alten Gebäude". "Die Anlage wurde zwischen 1904 und dem Ersten Weltkrieg errichtet und ist einzigartig in Franken", erklärt Dippold. Die Klinik sei als Dorf angelegt worden, bewusst im sogenannten Pavillonstil. Die Häuser sind auch heute noch verteilt. Rund 30, ergänzt durch Neubauten aus den 1960er und 70er Jahren. "Was an historischen Gebäuden da ist, wird noch für Klinikzwecke genutzt", berichtet Dippold.

Orthopädie, Lungenheilkunde und Psychotherapie sind Schwerpunkte in Kutzenberg. Der Name Kutzenberg, unter dem das Bezirksklinikum Obermain heute noch bekannt ist, stammt von einem aufgegebenen Gutshof im Tal.

Auf dem ruhigen, weitläufigen Sanatoriumsgelände (siehe großes Bild) fasziniert Memmel nicht nur der alte Baumbestand. Als ihr Dippold die Kirche und den hundert Jahre alten Jugendstil-Festsaal (kleines Bild) zeigt, ist sie vollends beeindruckt.

Die Bewunderung hält an. Kurze Zeit später in Vierzehnheiligen gelangt Memmel an einen Ort, der nur wenigen vorbehalten ist. Basilika-Organist Georg Hagel führt sie und Dippold ins Innere der Orgel, in die Welt der fast 5000 Pfeifen. Hier erfährt Memmel, was ein Schwellwerk ist, und warum der Anschlag der Tasten keine Auswirkung auf die Lautstärke hat.