Zum Start in die Aktivwochen fragte Die Kitzinger bei einem Spezialisten nach: Dr. Olaf Müller ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, praktiziert zusammen mit drei Kollegen im Orthopädie-Zentrum im Alten Krankenhaus und kennt sich mit Sport und Ernährung bestens aus - unter anderem betreut er die Fußballer von Bayern Kitzingen und hat auch schon bei Vereinen in der ersten und zweite Liga Erfahrung gesammelt. Was man tun muss, um aktiv zu sein und zu bleiben, erklärt er im Gespräch.

Was gehört aus medizinischer Sicht zu einem aktiven Menschen?
Dr. Olaf Müller: Es ist gar nicht so einfach, diese allgemeine Frage aufgrund der großen Verschiedenheit der Menschen auf einen Punkt zu bringen. In meinen Augen beginnt die Aktivität im Kopf. Wie oft sagen mir die Leute: "Ich bin doch schon zu alt" oder "Ich hab doch kei Zeit" oder "Ich hab kei Lust". Die Vorbehalte gegen Sport finden zunächst in unseren Gedanken statt. Der aktive Mensch ist meiner Ansicht nach derjenige, der sich altergemäß bewegt, mit dem Anspruch, ab und zu auch mal außer Atem zu kommen. Und es ist wie mit allem im Leben: Die Einstellung muss stimmen.

Wie schafft man es denn, den inneren Schweinehund zu überwinden und fit und aktiv zu werden - und zu bleiben?
Manchmal braucht man vielleicht auch einen Anstoß von außen. Das mache ich oft in der Praxis. "Bei den Rückenbeschwerden sollten Sie regelmäßig sportlich etwas tun." Es hört sich für viele Patienten wohl manchmal etwas zu leicht an. Aber wenn keine schlimmeren Erkrankungen am Rücken vorliegen, ist es oftmals das effektivste Mittel, langfristig Linderung zu bekommen.

Es ist ganz wichtig, gerade für Leute, die eben noch nicht aktiv sind, dass man langsam anfängt und es dann regelmäßig macht. Wenn man zu sich sagt: "Okay, jetzt muss ich wohl" und ist nicht überzeugt davon ist, dann übt man eine Zeit lang, hört dann aber wieder auf. Mit Sport ist es für mich ungefähr so wie mit dem Zähne putzen: Es sollte regelmäßig sein, man kann ja auch nicht auf Vorrat Zähne putzen.

Ich habe mal einen sehr schönen Spruch gehört, und der hieß: "Es geht um den aktiven Alltag statt um den Sportstress". Vielen Leuten würde es schon helfen, statt mit dem Aufzug zu fahren die Treppe zu nehmen, statt mit dem Auto zu fahren ihr Rad zu nehmen - diese Kleinigkeiten. Das ist jetzt vielleicht nicht Sport, wie man ihn sich klassischerweise vorstellt, aber es ist einfach Bewegung.

Wie viel Bewegung braucht denn der Mensch?
Man betrachtet das ganze wie eine Pyramide: Der Sockel sind 30 Minuten dynamische Bewegung pro Tag. Diese Bewegung findet im Alltag statt. Da ist noch kein Ball in der Hand und noch kein Hüpfseil und kein Walkingstock. Da geht man mal zügiger die Treppe hoch oder läuft ein bisschen schneller zum Briefkasten, so dass man mal außer Atem kommt. Wenn alleine dieser Sockel der Pyramide erreicht würde, würde es vielen Menschen schon sehr gut tun. Und 30 Minuten am Tag sollte man schon zusammenbringen. Wenn man es dann drüber hinaus noch schafft, drei Mal wöchentlich ein gezieltes Ausdauertraining zu machen oder zwei Mal die Woche gezieltes Krafttraining, da wären wir Mediziner ja schon heilfroh. Alles, was darüber hinaus geht - ambitionierter Sport - ist dann richtiges Training und schon die Spitze der Pyramide.

Sie haben jetzt schon einige Sportarten angesprochen. Welche sind denn besonders gesund?
Der Sport muss auf den entsprechenden Menschen angepasst werden. Wenn eine Person Knieschmerzen hat, sollte sie nicht Handball spielen oder Badminton. Wenn einer Rückenschmerzen hat, ist Radfahren vielleicht auch nicht das Ideale. Wenn einem Menschen gar nichts fehlt, ist grundsätzlich jede Sportart gut. Ein junger, gesunder Mensch kann ohne Probleme Badminton spielen oder Volleyball, Fußball, Handball - das machen ja auch viele. Aber da muss man sich eben Stück für Stück heranarbeiten.

Zudem gilt immer: Die Dosis macht das Gift. Das ist bei allem im Leben so, beim Essen, bei Medikamenten und beim Sport auch. Wenn man zehn Marathonläufe im Jahr macht, ist es nicht mehr gesund und sicherlich Einzelpersonen vorenthalten. Auch die Bundesligafußballer, mit denen sich viele Amateurspieler gern vergleichen, betreiben ihren Sport jenseits dessen, was auf Dauer gut ist. Grundsätzlich ist eine mittelschwere, regelmäßige Belastung das Beste.

Und das dann so, wie es jeder gerne hat......
Ja klar, nur dann macht man es ja. Wenn der Sport nicht gefällt, kann man es gleich sein lassen. Es muss auch Spaß machen, das ist mit das Wichtigste.

Aber man sollte schon auch ein Ziel vor Augen haben?
Ein Ziel ist ganz wichtig, denn ohne Ziel, kennt man seinen Weg ja nicht..... Das klingt vielleicht ein bisschen philosophisch, aber nur wenn ich ein Ziel definiere, kann ich darauf zugehen, sonst gehe ich einfach in der Gegend herum. Es kommt immer darauf an, welches Ziel man sich vornimmt. Nur dann kann man sich auch die richtige Sportart aussuchen, wie und wo man sie betreibt. In den wärmeren Jahreszeiten sucht man sich vielleicht etwas, das draußen ist. Wenn ich Rücken- oder Nackenschmerzen habe, kann ich zwar auch unter freiem Himmel trainieren, aber gerade da ist ein Fitnessstudio mit seinen Möglichkeiten, gezielt zu trainieren, besser geeignet.

Wann macht welches Training Sinn?
Das gezielte Krafttraining macht eben dann Sinn, wenn man ein Defizit hat und es beseitigen will. Der klassische Fall ist eine junge Dame, die über Knieschmerzen klagt, aber eben auch entsprechend schwache Oberschenkel hat. Ob die Dame dann mit Radfahren Muskulatur aufbaut oder mit Krafttraining, ist im Prinzip egal, es sollte nur sinnvoll aufgebaut werden, durchaus auch mit Hilfestellung eines Physiotherapeuten. Wohingegen man Menschen, die ein Herzproblem haben, sagen würde: "Es geht nicht darum, Muskelpakete aufzubauen, sondern in dem Rahmen zu trainieren, den das geschädigte Herz auch gut verträgt".

Sport ist wirklich etwas sehr Individuelles, und es kommt immer darauf an, was man damit erreichen möchte. Optimalerweise macht man ja schon Sport, wenn man noch keine Probleme hat. Die Leute, die zu uns in die Praxis kommen, haben aber schon ein Problem und ich gebe ihnen dann nur einen Anstoß, auch einmal in die sportliche Richtung zu denken.

Ist es sinnvoll, sich einen Verein zu suchen und dort Sport zu treiben?
Der Sport im Verein, als Gemeinschaftserlebnis, ist vor allem eine Antwort auf die Frage nach der Motivation. Viele Menschen tun sich einfach leichter, wenn da noch mehr sind, die mitmachen. Da haben sie eine Verpflichtung und entwickeln entsprechend Motivation, schließlich ist man ja eine Gruppe. Das hat jetzt nicht unbedingt etwas mit der Effektivität des Trainings zu tun. Man geht hin, weil die anderen auch da sind.

Motivation ist ein gutes Stichwort - vielleicht sind dort viele Gleichgesinnte, die sich zum Beispiel auch gesund ernähren?
Ja, Ernährung ist auch so ein Thema, zu dem ich ebenfalls sage: Die Dosis macht das Gift. Wir leben in einer Gesellschaft des Überflusses, in der man von allem zu viel bekommen kann: Zu viel Alkohol, zu viel Fett, zu viel Zucker. Wir müssen uns aus dieser Vielfalt von Ernährungsmöglichkeiten das Richtige heraussuchen. Es kommt immer darauf an, wie viel man verbrennt. Ich habe ja Leistungsfußballer betreut, und die sollen einmal am Tag Nudeln essen, wegen der Kohlehydrate. Aber die Jungs trainieren eben auch zwei Mal am Tag zwei bis drei Stunden. Wenn jemand, der zwei Mal die Woche für eine Stunde ins Fitnessstudio geht, jeden Tag Nudeln isst, hat der auch bald einen Rettungsring.

Also, Ernährung soll ausgewogen sein und es gilt: Man nimmt nur das zu, was man zu sich nimmt. Wenn man diese allgemeine Regel befolgt, kann man bei uns sehr gesund unterwegs sein: Wir haben Salat und Gemüse auch im Winter, wir haben Obst, wir haben Fleisch, wir haben alles, was wir zu trinken brauchen. A propos Getränke: Man kann sich wirklich überlegen, ob Iso-Getränke sein müssen. Für Amateursportler tut es auch eine Apfelschorle oder ein alkoholfreies Bier. Die Getränke sollen auf keinen Fall zu zuckerhaltig sein, weil zu viel Zucker die Aufnahme der Flüssigkeit im Dünndarm hemmt. Und sie sollten körperwarm sein, weil sie dann schneller durch den Magen gehen. Insgesamt muss man aber sagen, dass das Thema Ernährung mindestens genau so facettenreich und individuell zu betrachten ist wie das Thema Sport: Es ist immer eine Einzelfallentscheidung.

Warum fällt es so vielen Menschen so schwer, sich an diese Vorgaben zu halten?
Normalerweise sollte jeder Mensch, der an sich herunterschaut, selbst einschätzen können, ob er den Schokoriegel jetzt wirklich vertragen kann oder eben nicht. Auch hier wieder ganz klar: Die Dosis macht das Gift. In jeder Flasche Cola sind etwa 100 Gramm Zucker drin. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, den abzuwiegen und dann zu essen, aber in der Cola oder Limo geht das, weil man es nicht so merkt.

Wir Menschen sind von unserer Genetik her in einer Zeit entstanden, in der wir durchaus auch verhungern konnten. Unser Erbgut ist prinzipiell so angelegt, dass Leute, die in kurzer Zeit mehr Speck zulegen können, in einer Hungersnot nicht sterben müssen - der Dürre hat es einfach nicht überlebt. Das widerspricht aber unserer aktuellen Situation, und genau da liegt die große Herausforderung: Es ist ein täglicher Kampf, den jeder einzelne jeden Tag leisten muss.

Womit wir wieder bei der Kopfsache wären.
Psyche und Physis hängen eindeutig zusammen - einfach dieses "sich besser fühlen". Wenn man zum Beispiel eine Depression hat, dann ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung immer auch eine Bewegungstherapie. Ein großer Ernährungswissenschaftler hat mal schlagwortartig zusammengefasst: "Uns ist der fitte Fette lieber als der schlappe Schlanke". Selbst wenn man ein bisschen mollig ist, kann man seine Muskulatur haben und der Körper wird gehalten und man kann sich bewegen. Das ist besser, als untrainierte Muskeln zu haben, selbst wenn man ganz schlank ist, und es zwickt und zwackt überall.

Welchen Tipp hätten sie abschließend für unsere Leser - für die aktiven, aber auch für die weniger aktiven?
Für die Aktiven würde ich sagen, bleiben Sie aktiv und fühlen Sie sich wohl dabei. Der Sport darf nicht zum Stress werden. Und für die wahrscheinlich überwiegende Mehrzahl der Leute, die ein bisschen mehr Sport machen könnten/sollten, komme ich wieder auf den Anfang zurück und sage: Bewegung beginnt im Kopf. Tun Sie es für sich, oder lassen Sie es. Wenn es im Kopf nicht klick macht, wird man auch nicht selbst aktiv werden. Wenn es aber soweit ist, wird man unter der Vielzahl der Sportarten ganz sicher auch das Richtige für sich finden.

Das Gespräch führte Julia Riegler