Die Episoden des Falles Khashoggi klingen wie Märchen aus tausendundeiner Nacht. Einer der wichtigsten Journalisten eines Königreiches - er geht im Königshaus ein und aus - fällt durch seine Kritik am Kronprinzen in Ungnade. Aus Angst vor Repressalien begibt er sich ins Exil in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Er führt dort seine spitze Feder fort. Er fasst den Entschluss, zu heiraten. Um die nötigen Papiere zu bekommen, muss er noch einmal in sein Land - zumindest in ein Konsulat. Seitdem ist er verschwunden. Bis hierher allerdings kein Märchen, sondern bittere Wahrheit.

Dann beginnt die tatsächlich freie Erfindung: Das Königreich behauptet, dass der Journalist das Konsulat umgehend wieder verlassen hat.

Die Überwachungskameras, die dies belegen könnten, seien ausgerechnet an diesem Tag ausgefallen. Heute wissen wir, dass das Königreich gelogen hat. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Und so tischt uns das Königreich wohl das nächste Märchen auf: Khashoggi sei nach einem Streit bei einem Faustkampf getötet worden. Auch diese Darstellung der Saudis wird hoffentlich schneller als das Lügenmärchen zuvor ins Reich der Sagen oder Legenden verwiesen. Denn die Gegenspieler des 59-Jährigen - extra eingeflogen - traten im Dutzend und mit Gerichtsmediziner auf. Und mit Knochensäge im Gepäck. Gruselig!

Ein wichtiger Zuhörer unseres mutmaßlichen Märchens ist sich allerdings schnell sicher. Das mit dem Faustkampf klingt plausibel, sagt Donald Trump. Märchenstunde beendet. Oder doch nicht? Vermutlich werden nun die Erzähler wechseln. Von der jetzt geäußerten Entrüstung, von der Mär, wie hart die Weltgemeinschaft Saudi Arabien bestrafen wird, wird in einigen Monaten nicht mehr viel übrig sein.

Das zeichnet sich schon jetzt ab, wo der Fall noch nicht einmal annähernd aufgeklärt ist: Vor wenigen Tagen hatte der amerikanische Präsident Saudi Arabien noch mit Sanktionen gedroht. Nach seiner "Plausibilitätsprüfung" des Faustkampfes spricht er bereits nur noch von einer "Form von Sanktionen". Man muss kein Prophet sein: Das Öl der Saudis - sie sind zweitgrößter Lieferant des schwarzen Goldes für die USA - wird Trump sehr schnell wieder gnädig mit den Multis stimmen. Denn bereits nach den Attentaten vom 11. September 2001 wurde deutlich, dass für die USA Öl dickflüssiger ist als Blut: 15 der 19 Attentäter, die rund 3000 Menschen auf dem Gewissen haben, stammten aus Saudi Arabien. Und deshalb wird auch für den Fall Khashoggi sehr schnell gelten: Es war einmal ... back to business.

Die Bundesregierung sendet Signale, es besser machen zu wollen. Außenminister Maas hat am Wochenende die Rüstungsexporte nach Saudi Arabien in Frage gestellt. Das Königreich ist in diesem Jahr zweitgrößter Empfänger deutscher Waffen. Bleibt zu hoffen, dass echte Sanktionen nicht auf dem Altar der Rüstungslobby geopfert werden. Aber leider enden nur Märchen oft damit, dass das Gute extrem belohnt und das Böse extrem bestraft wird.

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