Eine junge Frau wird in eine leerstehende Wohnung gelockt, über eine Stunde brutal vergewaltigt und misshandelt. Später wird die entstellte Leiche in einem Gebüsch gefunden: In 33 Prozesstagen binnen acht Monaten hat das Landgericht Dessau-Roßlau versucht, die Ermordung einer chinesischen Studentin aufzuklären.

Im Dessauer Prozess um die vergewaltigte und getötete chinesische Studentin hat die Verteidigung des Angeklagten den Mordvorwurf zurückgewiesen. Die Anwälte beantragten am Dienstag am Landgericht Dessau-Roßlau eine zehnjährige Jugendstrafe wegen Vergewaltigung mit Todesfolge für den 21-Jährigen.

Die umfangreichen Spuren ließen keine Schlüsse zu auf den genauen Ablauf der Tat im Mai 2016. Der genaue Todeszeitpunkt der Studentin habe auch nicht bestimmt werden können. Er gehe davon aus, dass der Tod schon während der massiven Vergewaltigungen und brutalen Misshandlungen eingetreten sei, sagte der Anwalt. Es gebe keinen Hinweis auf eine finale Tötungshandlung.


Empathielosigkeit, Gefühlskälte und ein Hang zum Sadismus

Der zweite Verteidiger sagte, der Reifeprozess bei dem 21-Jährigen sei verzögert und gestört und sei auch zum Tatzeitpunkt nicht abgeschlossen. Deshalb beantrage die Verteidigung eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht.
Ein psychiatrischer Sachverständiger war zu einem anderen Ergebnis gekommen und hatte sich für die Anwendung des Erwachsenen-Strafrechts ausgesprochen. Der Experte hatte gesagt: "Ich sehe die Persönlichkeit nicht mehr als unreif, sondern als massiv gestört". Außergewöhnliche Empathielosigkeit, Gefühlskälte und ein Hang zum Sadismus kennzeichneten den Beschuldigten.

Die Verteidigung der mitangeklagten Ex-Freundin des 21-Jährigen betonte, die junge Frau könne nicht für den Tod des Opfers zur Verantwortung gezogen werden. Sie sei nicht bei den schweren Misshandlungen oder der Tötung dabei gewesen. Die Beschuldigte (21) solle deshalb wegen Vergewaltigung in besonders schwerem Fall zu einer Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt werden.

Wegen Vergewaltigung und gemeinschaftlichen Mordes an der 25 Jahre alten Architekturstudentin sind ein 21 Jahre alter Mann und seine gleichaltrige ehemalige Lebensgefährtin angeklagt. Der Angeklagte hat den ganzen Prozess über geschwiegen, meist saß er scheinbar teilnahmslos neben seinen Verteidigern. Nur einmal, kurz vor Weihnachten, wurde er mit den Worten "Halt die Fresse, Junge" ausfallend - gerichtet an einen Polizeibeamten im Zeugenstand.


Chinesische Studentin ist Zufallsopfer

Seine Ex-Partnerin hingegen brach ihr Schweigen schon im Januar. Sie berichtete von ihrer gewaltbelasteten Beziehung. Sex habe eine große Rolle gespielt - er habe vieles brutal erzwungen. Ihr Partner habe die Idee gehabt, eine Frau mit dem Ziel von gemeinsamem Sex anzusprechen. Zufallsopfer sei dann am 11. Mai die Chinesin geworden. Die Brutalität sei von ihrem Ex-Partner ausgegangen, sie habe ihn nicht stoppen können. Warum die dreifache Mutter nicht die Polizei rief, blieb offen - wie viele Details der Tat.

Das Gericht unter der Vorsitzenden Richterin Uda Schmidt hat in den mehr als 30 Verhandlungstagen etliches zusammengetragen: Videoaufnahmen, Handyauswertungen, Spuren am Tatort, die genaue Untersuchung der Leiche der Chinesin mit vielen Verletzungen, die von Brutalität zeugen.

Viele Zeugen wurden befragt. Dem Angeklagten bescheinigte ein Psychiater Gefühlskälte, einen Hang zum Sadismus und ein Streben nach Dominanz. "Schuldgefühle, Scham und Reue waren nicht zu erfassen", fasste der Sachverständige zusammen. Der Angeklagte habe eine Persönlichkeitsstörung: Seine Wahrnehmung, sein Denken und Fühlen wichen von dem anderer Menschen ab. Auch die Sexualität des Angeklagten sei gestört.


Angeklagte als Kind sexuell missbraucht

Der weiblichen Angeklagten bescheinigte Psychiater Bernd Langer extreme Verlustängste und Minderwertigkeitskomplexe. Sie habe sich von klein auf ungewollt gefühlt und sei vom Stiefvater sexuell missbraucht worden.
Das Interesse an dem Prozess ist groß - in Dessau, deutschlandweit und auch auf der chinesischen Seite. Brisant war seit dem Bekanntwerden von Tat und Tätern der familiäre Hintergrund des Verdächtigen. Seine Mutter ist Polizistin, sein Stiefvater ebenfalls. Es bestand der Verdacht, sie könnten Einfluss auf die Ermittlungen genommen haben - Hinweise darauf fanden sich aber nicht. Für Empörung sorgte eine feucht-fröhliche Eröffnungsparty im Gartenlokal der Polizistin in Dessau nur kurz nach der Trauerfeier für die Chinesin.