Natürlich schlug der Dartpfeil wieder irgendwo mitten in der Pampa ein. Auf einem Acker südlich von Nassach, einem Ortsteil der Gemeinde Aidhausen in den Haßbergen. Und wieder keine Menschenseele weit und breit. Wir passieren ein kleines Waldstück - auf der Suche nach irgendeiner menschlichen Behausung, nichts. Aber wir hören auf einmal Stimmen im Wald. Wunderbar.

Wir treffen auf Lena, Luca und Nicole. Die drei 18-Jährigen gehören zu einem Zeltlager der katholischen jungen Gemeinde, die in der Nähe an einem kleinen See campiert. Ein echter Volltreffer. Auch wenn es sich nicht um Nassacher handelt, die jungen Leute kommen aus Leidersbach bei Miltenberg. Was soll's. Wir erfahren auch, was die Drei gerade umtreibt. Für eine Nachtwanderung gilt es Überlegungen anzustellen. Was tun, um die Kinder um Mitternacht zu erschrecken. Kettensägengeräusche soll's geben, dazu ein blutiges Metzgerkostüm. Wir schmunzeln, raten, es mit den Kleinen nicht zu toll zu treiben. Das Zeltlager am See interessiert uns natürlich. Nichts wie hin.

Nach der Einöde mit einem Mal pulsierendes Leben. Kinder im Alter zwischen 8 und 14 Jahren vertreiben sich gerade die Zeit auf selbst gebauten Minigolfbahnen, eine andere Gruppe ist mit Schwimmwesten Richtung See unterwegs, um zu baden. Aus einem Zelt, das sich als Lagerküche entpuppt, ist Popmusik zu hören. Allenthalben gute Stimmung. Alex, der Organisator aller Aktivitäten, überlässt nichts dem Zufall. Er hat seinen Plan, dazu sogar ein in einem Leitzordner wohlgeordnetes pädagogisches Konzept. Eine Lagerolympiade hat es schon gegeben, eine Übernachtwanderung inklusive Schlafen in freier Wildbahn wartet noch auf die Kinder, dazu ein Besuch im Schwimmbad in Bad Königshofen. Die Kinder sind bestens versorgt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Weil der Koch hauptberuflich in einem Sternerestaurant arbeitet. Nix Spaghetti und Ravioli, statt dessen Schnitzel mit Pommes, plus Vor- und Nachspeise. Mit Blick auf selbsterlebte Jugendzeltlager vor langer, langer Zeit denke ich mir: "Einfach unglaublich".

Wir wünschen der Truppe noch schönes Wetter und machen uns auf den Weg in die Ortsmitte von Nassach. Ein Stück weit vor der Kirche fällt uns ein Wirtshaus auf. Wunderschönes Fachwerk, im Garten thront ein tonnenschwerer Stein, der als Tischplatte dient. Derlei Gartenmöbel trägt keiner fort. Auf den Wirt bin ich gespannt. Ein Original, wie sich herausstellt. Peter Häpp erweist sich als Glücksfall. Der 69-Jährige kennt den Ort wie seine Westentasche. Kein Wunder, der Mann war früher unter anderem Bürgermeister des Ortes. Und Häpp erzählt. Davon zum Beispiel, wie er 1989 das vollkommen heruntergewirtschaftete Haus gekauft hat, in dem heute seine Gaststätte untergebracht ist. Seine Frau Annemarie hatte die Idee, aus dem Anwesen ein Brotzeit-Wanderstübchen zu machen. Es dauerte, bis es soweit war. Heute kommen Gäste aus Nah und Fern in Häpps "Altes Backhaus". Der alte Backofen wird jeden Freitag auf Betriebstemperatur gebracht, um frisches Brot zu backen. Brötchen gibt's täglich.

Die Kirche hätten wir uns gerne angeschaut, lassen wir wissen. Zwar ist das Gotteshaus unter der Woche verschlossen, aber Häpp hat den Schlüssel - natürlich. Die im Innern schlicht gehaltene protestantische Kirche kann immerhin mit einem Julius-Echter-Turm aus dem Jahr 1594 aufwarten.Womit wir auch schon bei der Geschichte Nassachs wären. Zu Bayern gehört der Ort erst seit gerade mal 100 Jahren. Uns wird als Beleg eine Karte aus den 20er Jahren präsentiert , in dem der Ort als weißer Fleck auf der bayerischen Landkarte erscheint, damals noch zum Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha gehörend.

Peter Häpp spielt den Fremdenführer und führt uns weiter durch den kleinen Ort. Zeigt uns ein wunderschön restauriertes Torhaus und die Reste einer früheren Kirchenburg. Vor einem Fachwerkanwesen haben die Trauben eines Weinstocks schon eine beachtliche Größe erreicht. Ja, auch Weinbau hat man in Nassach früher betrieben. War sogar Hoflieferant für die Coburger Herzöge. Wir erfahren von unserem Führer, dass es noch zwei Vollerwerbslandwirte im Dorf gibt, dazu einen großen Nebenerwerbler. Die meisten Nassacher würden allerdings auswärts arbeiten, größere Betriebe gebe es nicht. Vielleicht ganz gut so. Sonst wäre es mit dem Idyll schon bald vorbei.