Drei Minuten vor neun öffnet sich die Tür, der Angeklagte betritt den Saal. In Jeans und Hemd schlurft er an den Eltern von Sophia Lösche vorbei und auch an ihrem Bruder Andreas, seine Fußfesseln scheuern über den Boden.

Zum ersten Mal begegnet Familie Lösche dem Mann, der ihnen die Tochter und Schwester genommen hat. Der Dolmetscher platziert sich so, dass sich Angeklagter und Hinterbliebene nur unter körperlichen Verrenkungen in die Augen schauen könnten. Ihre Blicke kreuzen sich nicht.

Seit Dienstag muss sich Boujeema L. vor dem Bayreuther Landgericht gegen den Vorwurf verteidigen, im Juni vergangenen Jahres Sophia Lösche getötet zu haben. Die 28-Jährige wollte von Leipzig, wo sie studierte, nach Amberg, wo ihre Eltern wohnen. Er versprach, sie ein Stück mitzunehmen. Eine Woche später entdeckten Polizisten im Norden Spaniens den Leichnam der jungen Frau.

Angekratztes Selbstbild

In der Macht des Angeklagten liegt es, mit welchem Erklärungen und Bildern im Kopf die Angehörigen von Sophia Lösche weiterleben müssen. Nur er weiß, wie und warum die junge Frau irgendwo zwischen Leipzig und der Raststätte Sperbes sterben musste. Nur er. Darin liegt seine Macht.

Boujeema L., 41 Jahre alt, marokkanischer Staatsbürger, Lkw-Fahrer von Beruf, beginnt zu erzählen. Zunächst leiht ihm noch sein Anwalt die Stimme. Karsten Schiesek trägt eine Erklärung vor, in der L. die Tötung Sophia Lösches unumwunden gesteht. Er entschuldigt sich bei den Angehörigen und würdigt ihr Recht, von ihm die Wahrheit zu erfahren.

Noch größere Mühe verwendet die Erklärung darauf, die von der Staatsanwaltschaft behauptete sexuelle Motivation der Tat zurückzuweisen. Die Staatsanwaltschaft glaubt, gute Gründe für ihren Schluss zu haben. Auf dem Handy des Angeklagten entdeckten Ermittler Fotos fremder Frauen. Mit demselben Handy hat der Angeklagte zudem sein erigiertes Glied gefilmt und wie er sich selbst befriedigt. Eine Stunde später stieg Sophia Lösche auf einer Raststätte nahe Leipzig in seinen Laster ein.

Im Konjunktiv prüft der Richter die Auffassung der Staatsanwaltschaft auf ihre Plausibilität. Könnte es nicht sein, dass der Angeklagte sich sexuell zu der jungen Frau hingezogen fühlte? Könnte es nicht sein, dass er deren Freundlichkeit falsch deutete? Könnte es nicht sein, dass er aus Wut über die Zurückweisung Sophia Lösche erschlagen hat? "Es soll nicht heißen, dass es so gewesen ist. Aber das soll heißen, dass man auf diesen Gedanken kommen kann", sagt der Richter.

Allein die Fragen kratzen am Selbstbild des Angeklagten. Plötzlich kann der Dolmetscher den sich überschlagenden Erklärungen nicht mehr folgen. Boujeema L. zeichnet von sich das Bild eines sittenstrengen Ehrenmanns: "Gott segne die Frauen."

Die Hinterbliebenen von Sophia Lösche will der Angeklagte glauben machen, dass ihre Tochter und Schwester allein wegen eines Brockens Haschisch sterben musste.

Bei einer Kaffeepause auf der Raststätte Sperbes will er die 28-Jährige erwischt haben, wie sie seine Fahrerkabine durchwühlt. Er habe sie daraufhin zur Rede gestellt, sie ihn im Gegenzug mit dem Vorwurf konfrontiert, ihr einen Brocken Haschisch gestohlen zu haben.

Scheiternde Kommunikation, Sprachbarrieren und eine junge Frau, die laut dem Angeklagten "plötzlich ein anderer Mensch war". Ein Schlag mit einem eisernen Werkzeug, ein zweiter. Wie viele noch? "Ich weiß es nicht mehr."

Die Stimme des Angeklagten bricht, mit einem Taschentuch wischt er sich Tränen aus den Augen. "Ich halte diese Situation nicht mehr aus." Der Richter rückt die Verhältnisse gerade: "Das mag schon sein, aber die Angehörigen haben sicher mehr Leid als Sie."

Später, bei seiner Irrfahrt mit der Toten in der Kabine, will Boujeema L. den Brocken Haschisch zwischen den Sitzen gefunden haben. Er habe ihn aus dem Fenster geworfen; aus Wut über die nichtigen Umstände, die ihn einen Menschen töten ließen.

Schlimme Bilder im Kopf

Man kann nur erahnen, was die Auskünfte des Angeklagten in den Angehörigen auslösen. Nach der Verhandlung steht Andreas Lösche mit zitternden Lippen vor dem Gerichtsgebäude: "Das war kein vollumfängliches Geständnis."

Den Tod Sophia Lösches instrumentalisieren Rechtsextreme bis zum heutigen Tage. In ihrer Lesart wurde in Sophia Lösche eine flüchtlingsfreundliche Deutsche von einem Ausländer ermordet. Sophia Lösche wird geschmäht als ein Blutopfer offener Grenzen. Das Gericht aber interessiert sich nur für die Tatsachen, nicht für deren missbräuchliche Deutung. Nur einmal gewinnt die Stimme des Richters an Schärfe: "Der Ramadan verbietet viele Dinge, die Sie getan haben." Brüsk hatte der Angeklagte zuvor den Konsum von Alkohol mit Verweis auf den muslimischen Fastenmonat verneint.

Mit wieder gefasster Stimme will der Richter wissen, ob die Leiche Sophias gebrannt habe, nachdem der Angeklagte sie angesteckt hatte. In den Zuschauerreihen kein Räuspern und kein Rascheln. Jeder ist mit den Bildern allein, die vor seinem inneren Auge entstehen.