In den vergangenen 15 Jahren mussten etwa 80 Prozent der Bauernhöfe die Tierhaltung aufgeben, während gleichzeitig bundesweit bis zu 50 Prozent mehr Fleisch produziert wird. Massentierhaltung ist mittlerweile zum Standard geworden. Die kleinen Höfe sterben aus, weil sie mit den Dumpingpreisen, die nur durch Großanlagen möglich sind, nicht mehr mithalten können. Das ist das Ergebnis des "Fleischatlas Deutschland Regional 2016" der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (Bund).

Besonders massiv ist demnach das Höfesterben in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Auch in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt nimmt die Zahl der Schweine- und Hühnerhaltungen ab, die Betriebe werden jedoch immer größer. "Wir haben es mit einem tiefgreifenden Strukturwandel zulasten kleinbäuerlicher und mittelständischer Betriebe zu tun", sagt Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied der Heimrich-Böll-Stiftung. "Dumpingpreise für Lebensmittel treiben viele Bauern in den Ruin", bekräftigt der Bund-Vorsitzende Hubert Weiger.


5500 Schweinehalter in Bayern

Der Strukturwandel ist auch in Franken schon fortgeschritten: Gab es in Unterfranken 1990 noch 14 209 Schweinehalter, waren es im Jahr 2013 gerade noch 1989. Für Ober- und Mittelfranken sind für 2013 keine Zahlen verfügbar. Aber die Entwicklung verlief hier von 1999 bis 2010 ähnlich, die Kurve ging rasant nach unten. Bayernweit gab es laut statistischem Landesamt im vergangenen Jahr nur noch 5500 schweinehaltende Betriebe. Sie zogen rund 3,4 Millionen Tiere auf.

"Die Viehhaltung ist in Unterfranken schon seit vielen Jahren rückläufig", sagt Wilhelm Böhmer, Direktor der Bezirksverbände Ober- und Unterfranken im Bayerischen Bauernverband. Er sieht diese Entwicklung mit Sorge. "Mit diesen wenigen Betrieben sind wir jetzt schon nicht mehr in der Lage, die Bevölkerung mit Fleisch zu versorgen."

Dabei ist die Erzeugung von Geflügel- und Schweinefleisch in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. Mithilfe neuer Produktionsmethoden, automatischer Fütterung oder Ställen mit Spaltenböden, die das Ausmisten unnötig machen, können mehr Tiere mit weniger Arbeitskräften versorgt werden. Gleichzeitig steigt die Fleischmenge pro Tier durch die intensivere Fütterung.

Doch die konzentrierte Tierhaltung bringe nicht nur Tierqualen mit sich, sondern auch negative Auswirkungen auf die Umwelt, sagt Hubert Weiger: "Die Ammoniak-Emissionen aus den Ställen und die Nitratwerte im Grundwasser sind jetzt schon inakzeptabel hoch", so der Bund-Vorsitzende.

Deutschland gilt als Schweineland: Knapp 26 000 Betriebe halten 28 Millionen Schweine und produzieren im Jahr mehr als 50 Millionen Schlachttiere. Die Zahlen stammen vom Statistischen Bundesamt. Allein 2015 haben deutschlandweit mehr als vier Prozent der Schweinemäster aufgegeben.


Die Preise schwanken

Dass die Erzeugerpreise mit einer gewissen Regelmäßigkeit schwanken, kennen die Schweinemäster nur zu gut: "Aber wir haben gelernt, mit dem Auf und Ab - dem sogenannten Schweinezyklus - zurechtzukommen", sagt Helmut Schmidt, Schweinemäster aus Gnötzheim (Lkr. Kitzingen). Doch seit einem Jahr ist der Zyklus ins Stocken geraten: "Im letzten Jahr ging es für die Schweinehalter nur noch bergab", weiß Schmidt.

Nach dem Schlachten wird ein Schwein in etwa 90 Einzelteile zerlegt, erklärt Schmidt. Doch die Deutschen essen vor allem Schnitzel, Kotelette oder Lende, zur Grillzeit auch mal Nacken - viele andere Stücke, auch Innereien wie Herz, Lunge, Leber - werden auf dem internationalen Weltmarkt gehandelt. Seit Anfang des Jahres subventioniert Brüssel die Einlagerung von Schweinefleisch. Schlachthöfe können so die günstig gekaufte Ware vermarkten, wenn die Preise wieder steigen. Zum Beispiel zum Beginn der Grillsaison: "Vieles, was man eingeschweißt und gewürzt im Kühlregal kaufen kann, war eingefrorene Ware", verrät Schmidt.

Schmidt hat seinen Schweinestall, den er zusammen mit einem Kollegen betreibt, mit etwa 1200 Mastplätzen im vergangenen Jahr für 20 000 Euro modernisiert. "Wir bieten mehr Platz, mehr Tageslicht, Raufutter, Scheuerbalken und Beschäftigungsmaterial", erklärt der Landwirt. Seit 2002 gehört er der Erzeugergemeinschaft "Steigerwälder Bauernschwein" an, zu der sich etwa 35 Landwirte zusammengeschlossen haben, die ihr Premiumfleisch gemeinsam vermarkten.

Als kleinen Lichtblick bewertet der Landwirt, dass der Schweinepreis in diesem Jahr bereits um sechs Cent je Kilogramm angestiegen ist - von 1,25 Euro auf 1,31 Euro pro Kilo. Nun hofft er, dass der Trend auch so bleibt.


Wirtschaftliche Probleme

"Die extrem niedrigen Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse und die enorme Macht der großen Supermarktketten und Handelsunternehmen sorgen für große wirtschaftliche Probleme auf den Bauernhöfen", sagt Bauernpräsident Walter Heidl vom Bayerischen Bauernverband. Die Einkommen der landwirtschaftlichen Familienbetriebe in Bayern seien im vergangenen Wirtschaftsjahr um 22,5 Prozent eingebrochen.

Über 80 Prozent der Deutschen essen mehrmals in der Woche Fleisch oder Wurst. Nur drei Prozent der Befragten essen nie Fleisch oder Wurst.

Und bei den Vegetariern sind Frauen mit sechs Prozent viel häufiger vertreten als Männer (ein Prozent). Die Zahlen stammen aus dem aktuellen Ernährungsreport "Deutschland, wie es isst".

Gleichzeitig erklären immer mehr Menschen, sie seien bereit, höhere Preise für Fleisch und Wurst zu bezahlen, wenn sie dadurch zu besseren Haltungsbedingungen der Tiere beitragen.

"Die Agrarpolitik mit ihren Dumpingpreisen und den massiven Exporten auf dem Weltmarkt schadet den Bauern, der Umwelt und den Tieren", fasst Barbara Müßig von der Heinrich-Böll-Stiftung die Ergebnisse des Fleischatlas zusammen. Sie fordert die Bundesregierung auf, gegenzusteuern und "den Irrsinn von Massenproduktion, Export und der Maximierung von Profiten zu beenden". Claudia Kneifel