"Arschloch", sagt Oberbürgermeister Udo Glatthaar innerhalb von fünf Minuten bestimmt zehn Mal. Maike Trentin-Meyer, Direktorin des altehrwürdigen Deutschordensmuseums, referiert über "Arschloch in Öl", etwas später spricht sie von "Arschloch-Schaum". Was ist los in Bad Mergentheim? Walter Moers ist los: Bilder, Skulpturen, Puppen und Filme des Zeichners und Autors werden seit dem Wochenende in der Ausstellung "Die 7 1/2 Leben des Walter Moers" gezeigt.

Eigentlich sind es zwei Ausstellungen: Frühe Arbeiten, die Moers für die Titanic und andere Satiremagazine zeichnete, "Adolf, die Nazisau" und das "Kleine Arschloch" sind im Kulturforum der baden-württembergischen Stadt zu sehen. Provokant, politisch unkorrekt, pervers - nichts für Kinder. Genau wie die Kunstparodie auf Jeff Koons Werkserie "Made in Heaven": Moers' Skulptur imitiert Koons' kitschige Sex-Szenen, allerdings besteigt hier das Kleine Arschloch die Cicciolina. Das ist irritierender als das echte Kunstwerk, es ist befremdlich, irgendwie skurril und ziemlich komisch. Da nicht jeder mit dieser Art von Humor etwas anfangen kann, haben die Ausstellungsmacher klug entschieden, die Werke aufzuteilen.

Etwas weniger drastische Moers'sche Kunstparodien werden im Deutschordensmuseum gezeigt. Mit schöner Selbstironie wird dabei auch der museale Betrieb parodiert, denn die Satire hängt und steht zwischen den Werken der Hochmeistergalerie: "Albrecht Dürers betender Hase", die "Arschloch in Öl"-Dosen (nach Andy Warhols berühmten "Campbell's"-Suppendosen) und viele andere. Die fast antike "Griechische Fickvase" mit entsprechender Bebilderung ist nicht jugendfrei - aber die Exponate im Museum sind so aufgeteilt, dass auch Familien die Ausstellung besuchen können.

Kleine Fans von Käpt'n Blaubär, dem verlogensten aller seemannsgarnspinnenden Buntbären, können Zeichnungen, Puppen und Filmkulissen aus den Blaubär-Geschichten der "Sendung mit der Maus" im Deutschordensmuseum sehen. Aber der Blaubär ist schon lange nicht mehr nur ein Kinderthema. Seit Moers' erstem Roman "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" von 1999 wächst und gedeiht der Kontinent Zamonien von Buch zu Buch. Die Lebensreise des Seebären machte die Leser bekannt mit Tratschwellen und Gimpeln, heim tückischen Grottenolmen und Professor Doktor Abdul Nachtigaller, dem Eydeet mit sieben Gehirnen. Auch wer die Zeichnungen aus den Romanen kennt, wird auf den großen Formaten in der Ausstellung immer neue Details entdecken, wird sich an die einäugigen Buchlinge erinnern, an gefährliche Wesen, giftige Bücher, Fallenbücher und Bücherjäger, die in den Katakomben der Stadt Buchhaim lauern.


Die Stadt der träumenden Bücher
Ein beleuchtetes Diorama führt in die Katakomben hinunter, zeigt die Stellen, an denen der junge Hildegunst von Mythenmetz einst in "Die Stadt der träumenden Bücher" um Haaresbreite unzähligen schrecklichen Gefahren entrann und am Ende dem Schattenkönig begegnete. Da war Mythenmetz noch ein junger Lindwurm und nicht so abgezockt wie als eitler Dichterfürst im "Labyrinth der träumenden Bücher".

Mythenmetz ist ein Klassiker der zamonischen Literatur (von Walter Moers hervorragend übersetzt) und seinem Porträt ist die Säulenhalle des Deutschordensmuseums angemessen. Das Gebäude passt perfekt, die Gänge, Hallen und Treppen in Bad Mergentheim - ein Blick auf die ge mäldeartigen Bilder Buchhaims an der Wand: Ja, das Museum würde auch in die zamonische Stadt passen. Ein paar der Buchheim-Zeichnungen sind bisher unveröffentlicht. Sie sehen nach der Fortsetzung des "Labyrinth der träumenden Bücher" aus. Aber wann kommt der siebte Zamonien-Roman? Wolfgang Ferchl, der Verleger von Walter Moers, verrät, er plane, das Buch im Herbst in die Verlagsvorschau aufzunehmen. Wird Moers es bis dahin schaffen, die "Übersetzung" des neuesten Werkes aus der Feder des Hildegunst von Mythenmetz zu vollenden? Wer den letzten Roman kennt, erinnert sich daran, wie Hildegunst am Ende ins Labyrinth hinabsteigt - endlich! Der Museumsbesucher betrachtet die Bilder, malt sich aus, wem der Lindwurm in Buchhaims Unterwelt begegnen wird, welche Geheimnisse ihn erwarten, was wirklich hinter dem Puppetismus steckt - in diesem Moment ist der Museumsbesucher in Zamonien angekommen. Und hier fängt die Geschichte an.

Video zur Ausstellung:



Die 7 1/2 Leben des Walter Moers

Termin
vom 17. März bis 15. September im Deutschordensmuseum und im Kulturforum Bad Mergentheim - die Eintrittskarte gilt für beide Orte. Dazu gibt's (solange vorrätig) die Ausstellungszeitung "Supermoers", die Moers eigens für die Ausstellung entworfen hat.

Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag, Feiertage: 10.30 bis 17 Uhr; montags um 14 Uhr Führungen (nicht am Oster- und Pfingstmontag). Beim "Nachtbummel" am 10. Mai und 6. September ist die Ausstellung von 18 bis 22 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Nähere Informationen www.bad-mergentheim.de

Begleitprogramm Moers-Verleger Wolfgang Ferchl im Gespräch mit Museumsdirektorin Maike Trentin-Meyer (Freitag, 19. April, 19.30 Uhr), Anja Döllinger liest aus dem Zamonienlexikon (Freitag, 3. Mai, 19.30 Uhr), Andreas Fröhlich, Sprecher mehrerer Moers-Hörbücher, liest aus "Das Labyrinth der träumenden Bücher" (Dienstag, 18. Juni, 19.30). Außerdem gibt es Angebote für Kinder und Senioren

Buch "Sex, Absinth & falsche Hasen. Eine Weltgeschichte der Kunst" ist im Stil eines Ausstellungskatalogs gehalten. Außer den in Bad Mergentheim gezeigten Werken zeigt es weitere Moers-Kunst-Parodien mit lustigen Erklärtexten. Knaus Verlag, München, 2013, 108 Seiten, 16,99 Euro