Wenn zu Violettas "Gran Dio!" plötzlich vom jenseitigen Ufer Sirenengeheul ertönt: Dann ist wieder einmal "Klassik am See" ausgebrochen. Zum elften Mal mittlerweile hat ein Verein Klassikkultur am Mittwochabend das Spektakel mit Eventcharakter veranstaltet, mit allem, was zum Event dazugehört: Prominenz, Vip-Lounge mit Sonderverpflegung, Sponsorenverlesung vor Konzertbeginn. Das ist alles üblich mittlerweile und nicht verwerflich. Wenn denn das Preis-Leistungs-Verhältnis eines solchen Sommernachts-Abends auf der grünen Wiese, der purer Unterhaltung verpflichtet ist, stimmt. Nun - es stimmte.

Dabei wagte sich der künstlerische Leiter Roland Scheuer erstmals an eine Oper. Ein mehrfaches Wagnis, sind doch Open-Air-Konzerte im Klassikgenre mit Unwägbarkeiten belastet, die manchen Dirigenten, manchen Orchestermusiker vor einer Inszenierung zurückschrecken lassen. Mit Ljubka Biagioni (zu Guttenberg, der Gatte Enoch besetzte einen der Ehrenplätze), bereits im vergangenen Jahr auf der See-Bühne, hat der Verein eine in verschiedenen Fächern versierte Künstlerin gefunden, die frisch und forsch als Dirigentin, Regisseurin und Ausstatterin eine halbszenische Version von Giuseppe Verdis "La Traviata" auf die Zeltbühne samt Treppen hinunter zur grünen Wiese stemmte.

Diese breiten Treppen waren auch nötig, denn rund 150 Sänger aus den Philharmonischen Chören Herzogenaurach und Nürnberg galt es in die Aufführung zu integrieren. Was im Großen und Ganzen gelungen ist. Halt: Dieses Urteil darf nur unter Vorbehalt fallen. Denn was im vordersten Viertel des sich sehr weit in die Tiefe ziehenden Publikumsblocks (knapp 4000 Zuschauer) annehmbar aussah und passabel klang, mochte ganz weit hinten wie Ameisen-Gewimmel anmuten. Von Details der Szenerie ganz zu schweigen. Dasselbe gilt für die Technik, die ein riesiges Areal zu beschallen hatte. Vorne mischten sich Original und durch Lautsprecher gefilterte Musik wie Gesang, hinten hatten die Techniker allein die Verantwortung. Doch Klagen sind nicht laut geworden, so wie die Übertragung durch Headsets einwandfrei funktionierte, auch als die Traviata Marta Torbidoni die Bühne verließ und mitten im Publikum rückkopplungsfrei sang.

Halbszenisch also die Inszenierung. 2007 begründete Biagioni auf Herrenchiemsee mit der "Traviata" eine Reihe ebensolcher Aufführungsformen. Auf der Bühne stehen nur eine Chaiselongue und ein Tischchen, die Kostüme sind zeigenössisch elegant, die Gesten und Spielszenen verhalten. Aus jungen bulgarischen Musikern hat sich die Dirigentin ein "Sofia-Symphonics"-Orchester zusammengesucht, das sie mit der gebotenen Dezenz beherrscht, sich jedoch nicht scheut, es in Tutti-Passagen schon einmal kräftig loslegen zu lassen, oder selbst als stumme Darstellerin zu figurieren.

Am Beginn ihrer Karriere stehen auch die meisten Solisten, die bei einer solch populären Oper natürlich mit unerreichbaren Vorbildern konkurrieren müssen. Die italienische Sopranistin Torbidoni intonierte auch in den Koloraturen sicher und erntete mehrmals Sonderapplaus, so nach "È strano ...", der Schlussarie des ersten Akts. Ihr stand Mihail Mihaylovs Alfredo kaum nach, dem man jugendliches Ungestüm in Interpretation und Spiel abnahm. Naturgemäß überzeugte der erfahrene Bassist Anton Keremidtchiev als Giorgio Germont, der mächtig ins Publikum schmetterte und zum Schluss Sonderbeifall erntete.

Bedenkt man noch, dass die Laiensänger der Chöre den italienischen Text auswendig kannten, dass auch Nebenrollen mehr als passabel gespielt und gesungen wurden, bleibt als Urteil nur: Es war "nur" Unterhaltung, aber die Unterhaltung war künstlerisch auf beachtlichem Niveau angesiedelt. Ljubka Biagioni ist fürs nächste Jahr bereits engagiert.