Für Superhelden gibt es zwei ideale Spielplätze: die Oper und den Comic. Richard Wagner schuf Heldengeschichten in epischer Überlänge. Comics leben von der Verkürzung. Trotzdem passen Komponist und Comic zusammen, wie eine gerade erschienene "Graphic Novel" aus dem Knesebeck-Verlag beweist.

Der Autor Andreas Völlinger und die Zeichnerin Flavia Scuderi erzählen aber nicht etwa den "Ring" oder den "Holländer", sondern das Leben Wagners. Er ist der Held - und das wird bereits auf der ersten Seite sehr deutlich: Der Comic beginnt mit dem zwölfjährigen Hans von Bülow, der Wagners "Rienzi" sieht - und dem musikalischen Genie des Komponisten augenblicklich verfällt.

Dem Dirigenten und Pianisten Hans von Bülow die Rolle des Erzählers zu geben, ist eine kluge Idee. Zwar fehlt für eine ordentliche Biografie die Kindheit und Jugend Wagners, aber von Bülows Sicht macht nachvollziehbar, wie sehr der Komponist schon zu Lebzeiten auf seltsame, kultartige Weise verehrt wurde. Ein Held eben, mit einer Lebensgeschichte voller Liebe, Hass, Intrigen und Missgunst.

Ein umstrittener Held allerdings: Der Comic zeigt auch Wagners Gier und Verschwendungssucht, seinen Antisemitismus, seine Rücksichtslosigkeit - die von Bülow ihm sogar verzeiht, als sein Förderer ihm seine Frau Cosima wegnimmt. Wagner ist eben trotz aller menschlichen Makel ein Held der Kunst. Die Abgründe in der Persönlichkeit macht die Zeichnerin sichtbar, indem sie Wagners Gesicht zur Fratze verzieht - die Kunst zeigt sich in den Opernfiguren, die über Wagners Kopf herumschwirren. Überhaupt sind in den Zeichnungen Details zu entdecken, die auch Wagner-Kennern Spaß machen können.

Flavia Scuderi hatte zeitgenössische Bilder als Vorlage. Alles in den Zeichnungen erinnert an den Stil des 19. Jahrhunderts - was manchmal auch schade ist, denn die vielfältigen Möglichkeiten des Comics werden nicht ausgeschöpft. Dafür ist das Buch historisch einigermaßen genau, wenn auch oberflächlich und stark verkürzt. Revolutionswirren, Frauengeschichten, wirtschaftliche Not und der Bau des Festspielhauses in Bayreuth mit Hilfe des jungen Königs Ludwig II. von Bayern - zusammengerafft auf gut 40 Seiten, komprimiert zu Dialogen in Sprechblasen: Unter all den Veröffentlichungen, die im Wagner-Jahr auf den Markt geworfgen wurden, ist dieses Buch vor allem für Wagner-Neulinge eine gute Wahl, um dem musikalischen Superhelden näherzukommen. Dazu gibt es außerdem eine Wagnerwahn-App ( www.gebrueder-beetz.de ), in der nicht nur der Comic vorgelesen und mit Musik untermalt wird, sondern auch Originaldokumente zu sehen sind.

Andreas Völlinger/Flavia Scuderi: Wagner. Die Graphic Novel. München: Knesebeck 2013, 48 S., 19,95 Euro


Im monatlichen Gewinnspiel auf Monika Beers Blog "Mein Wagner-Jahr" werden drei Exemplare des Buches verlost. Einsendeschluss ist der 15. August. Hier gelangen Sie zur Verlosung!