Der liebe Gott ist ratlos. Aber immerhin fegt er seine missratenen und ratlosen Geschöpfe nicht mit einer Sintflut hinweg, sondern drückt auf die Reset-Taste: Am Ende sitzen Adam und Eva da, unschuldige Kindlein, und verspeisen gemeinsam paradiesische Äpfel. Alles auf Anfang.

Es ist schon ein deutliches Symptom der Resignation, wenn einem einst und immer noch bekennenden Linken wie Peter Turrini angesichts kapitalistischer Zumutungen auch nicht mehr einfällt als die Zuflucht zum lieben Gott. Der, ein liebenswerter älterer Herr (Jochen Kuhl), vermutlich nicht zufällig dem Autor von "Aus Liebe" durchaus ähnlich sehend, mäandert durch Turrinis jüngstes Stück, voriges Jahr im Wiener Theater in der Josefstadt uraufgeführt, am Samstag in deutscher Erstaufführung von Markus Heinzelmann am Nürnberger Schauspielhaus inszeniert.

Und es ist eine Inszenierung geworden, die alle Facetten moderner Bühnentechnik einsetzt. Die Segmente fahren rauf und runter, nahezu unaufhörlich dröhnt Musik (Christine Hasler) in HiFi-Qualität aus einer exzellenten Anlage, und insbesondere Videos - für die Technik, dies sei in diesem Fall explizit erwähnt, zeichnet Boris Brinkmann verantwortlich - machen diesen Abend zu einem Amalgam aus Kino und Theater, mit einem deutlichen Übergewicht des Kinos.

Denn die Schauspieler agieren fast ausschließlich im hinteren Drittel der Bühne (Gregor Wickert). Mimik, insbesondere die wie eingefroren wirkenden Gesichtszüge der Hauptfigur, verfolgt der Zuschauer auf mehreren Leinwänden - oder aber das Publikum gerät mittels einer frontal in den Saal gerichteten Kamera selbst zur Statisterie. Freilich muss man die durch die aufwändige Videotechnik entstehenden Zwangspausen, das Umarrangieren diverser Stative, tolerieren.

Realer Kriminalfall

Die überbordende Technik ist naturgemäß kein Selbstzweck. Wir verstehen schon: mediale Scheinwelten, Uneigentlichkeit, Nachrichten-Overkill durch den Terror der permanent auf uns einprasselnden Informationen über den miserablen Zustand der Welt bis hin zum jungen Pärchen, das ein Filmchen vom eigenen Koitus ins Internet stellen will. Dies erfährt der "Held" Michael Weber (Stefan Lorch) in Turrinis Stationendrama quasi en passant. Er ist einer realen Figur nachempfunden: dem so genannten Wiener "Hackenmörder", dem Mitarbeiter eines Abgeordneten, der Frau und Kind umbrachte. Also kein Banlieu-Außenseiter, sondern einer aus der saturierten bürgerlichen Mittelschicht.

Dessen Welt zusammenbricht, als seine Frau (Louisa von Spies) sich von ihm trennen will und das Scheinidyll mit braver Gattin und püppchenhaftem Kind Vergangenheit ist. Einen Tag lang brütet er über seinem Entschluss, was Turrini Gelegenheit gibt, ihn, gedacht wohl als eine Art Woyzeck des 21. Jahrhunderts, in einen Reigen der Entfremdung und der verzweifelten Suche nach Zuwendung ("Aus Liebe" antwortet der Mörder auf die Frage nach seinem Motiv) einzufügen. Da sehen wir die penetrante Witwe (köstlich Marion Schweizer), die fremden Personen im Café die Torte wegisst, weil sie das an ihren Mann erinnert, die alleinerziehende Mutter, der man die Kinder weggenommen hat und die auf eine Fernsehkarriere hofft (Henriette Schmidt), den herabgestuften Baumarktverkäufer (Christian Taubenheim), in dem ohnmächtige Wut brodelt, den rassistischen Kriminaler (ebenfalls Christian Taubenheim), den depravierten Penner Harry (Thomas L. Dietz) . Das ist im Ganzen deprimierend, wenn auch nicht ganz ohne Komik. Jedoch hätte man sich von dem einstigen Skandalautor Turrini ("Rozznjogd", "Sauschlachten", "Alpensaga") schon ein bisschen mehr erhofft als die Einsicht in den vorläufigen Endsieg des Kapitalismus und die psychischen Folgen für die Protagonisten des Systems.

Ein starkes Schauspielensemble, das Mehrfachbesetzungen meist bravourös meisterte, erhielt im voll besetzten Schauspielhaus starken Beifall, und auch Bühnenbild, Videotechnik und Regie überzeugten offenbar. Wenn wir jedoch keine andere Hoffnung haben als göttliche Barmherzigkeit - dann Gnade uns Gott.

Weitere Vorstellungen 30. Oktober, 6., 15., 22., 28. November und bis Juli 2015
Karten
onlineoder via Telefon 0180/5231600
Dauer
ca. zwei Stunden, keine Pause