Du wirst vermutlich gerade zwischen zwei Veranstaltungen sein?
Andreas Preller: Ja, ich bin gerade aus einer Veranstaltung raus. Eine Diskussionsrunde. "Social Media und Comic". Der Terminplan ist eng. Aber ein kleines Päuschen schadet nicht, wenn man vier Tage Messe vor sich hat (lacht).

Stichwort Messe: Die wievielte Messe ist es eigentlich für dich?
Den Salon gibt es ja zum 15. Mal, alle zwei Jahre. Ich bin, denke ich, seit dem dritten Salon mit dabei. Fast mein ganzes Leben.

Das hat dich sicher geprägt.
Klar. Ich bin ja in Erlangen aufgewachsen, wohne immer noch in der Gegend. Der Comic-Salon hat sicher einen Beitrag geleistet, dass ich mein Hobby Comic nie verlassen habe. Vielleicht hat der Salon sogar meinen Geschmack beeinflusst. Es ist natürlich ein Glück, wenn einem alle zwei Jahre seine Helden quasi vor die Haustür anreisen und man für ein paar Tage total in die Szene eintauchen kann.

Wie gefallen dir die Ausstellungen heuer?
Es lässt sich noch nicht allzu viel sagen, die Messe wurde ja erst eröffnet. Ich habe noch nicht alles gesehen. Aber die Ausstellung zu Winsor McCay ist natürlich schon mal ein erstes Highlight. "Know your roots", sage ich. Die Leute müssen wissen, woher eigentlich das ganze Comic-Universum heute kommt. McCay ist da ganz sicher einer der ganz großen Vordenker. Er experimentiert mit Freud'scher Traumdeutung und Surrealismus. Ein Kind seiner Zeit eben. Aber bis heute nicht veraltet. Jetzt die Zeitungsgeschichten aus dem New York Herald live hier zu haben, großartig!

Mit den Comics zum "Arabischen Frühling" hat man ja auch hoch politische Themen im Programm. Wie findest du die Themensetzung?
Leider hatte ich noch keine Zeit, die Ausstellung zu sehen. Ich finde es gut, dass auch solche aktuellen Themen mit ins Programm aufgenommen werden. Aus zwei Gründen: Erstens ist es natürlich immer gut, auf solch einer Plattform wie dem Comic-Salon auf politische Krisen und demokratische Bemühungen aufmerksam zu machen. Das gilt umso mehr, da es sich ja um eine internationale Veranstaltung handelt.
Der zweite Grund ist ein ganz banaler: Die Messeveranstalter müssen natürlich auch rechtfertigen, warum es die Veranstaltung überhaupt gibt. Auch eine Frage der Finanzierung. Politisch aktuelle Themen, die jeden ansprechen, sind da natürlich gut geeignet, um auch ganz "normale" Leute, also nicht unbedingt nur Comic-Freaks, auf die Veranstaltungen zu locken.

An welchen Ständen schaust du dich am liebsten um?
Also, das erste was ich gemacht habe, als sich die Tore öffneten, war zum "Zwerchfell Verlag" zu gehen um die Neuerscheinungen zu kaufen. Eines meiner absoluten Lieblingshäuser, mit dessen Machern ich auch ab und zu in Kontakt stehe. Gekauft habe ich dort "Die Toten - Band 3", eine deutsche Zombie-Anthologie von verschiedenen Zeichnern. Und natürlich "Der Zuckerfisch", einen Sammelband von Strips aus der Stuttgarter Zeitung.
Was noch ganz abgefahren ist, ist "Ponyexpress", ein kleines Künstlerkollektiv.

Was hältst du von den Cosplayern, also den Leuten, die als japanisches Monster oder als Elfe verkleidet über die Messe hüpfen? Ist das albern oder siehst du es als wichtiges Element der Szene, das einfach dazugehört?
Ich habe bis jetzt das Gefühl, dass vor zwei Jahren mehr von den Cosplayern unterwegs waren. Es kann aber sein, dass die am Samstag erst auftauchen. Mich nerven sie nicht. Im Gegenteil: Ich finde sie ganz lustig. Obwohl ich persönlich jetzt nicht den Drang dazu habe, mich zu verkleiden (lacht).

Wo siehst du die Comic-Szene in Deutschland im Moment?
Da hat sich in den letzten zehn Jahren viel getan, und ich könnte Stunden referieren (lacht), aber ein wohl ganz wichtiger Begriff, vor allem für die deutsche Szene, ist der "graphic novel". Daran kommt man nicht vorbei. Allerdings ist es ein großer Diskussionsbegriff. Eigentlich stammt er aus den 70er Jahren und meint einen grafischen Roman, also eine zeichnerische Umsetzung einer längeren Geschichte. Oft auch mit einem ernsteren Thema. Seit einigen Jahren haben die Verlage in Deutschland den "graphic novel" als Marketinginstrument entdeckt, um es mit Comics in den Buchhandel und ins Feuilleton zu schaffen. Sicherlich legitim, und wie man sieht: sie haben`s ja geschafft! (lacht)

Hast du vielleicht zwei Beispiele für typische und herausragende "graphic novels" der letzten Jahre?
Das ganz große Ding war natürlich die Johnny Cash Biografie "Cash - I see a darkness" von Reinhard Kleist. Damals 2006 im "Carlsen Verlag" erschienen. Einer der großen Mainstream-Comicverlage in Deutschland. Aber ein tolles Werk.
Aus einem kleineren Haus, dem "Avant-Verlag", ist der graphic novel "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" von Ulli Lust zu nennen. Der wurde in diverse Sprachen übersetzt und hat sich recht erfolgreich verkauft.

Kehren wir mal zum Comic-Salon zurück. Du hast ja den Vergleich zu den letzten Jahren: Siehst du eine Tendenz zur Kommerzialisierung der Messe oder findest du, dass Kunst und Kommerz in einem ausgewogenen Verhältnis stehen?
Ich finde, es ist programmatisch immer noch sehr ausgewogen. Das passt. Man braucht ja die großen Nummern im Comic-Business auch um die Massen zu werben. Klar. Was man vielleicht etwas merkt, ist, dass die Stadt im Vergleich zu früher etwas weniger Geld in die Hand nimmt. Die Ausstellungen wirken etwas spärlich ausgestattet. Früher war das ein bisschen kreativer. Es gab viel größere Installationen im Saal. Heuer finde ich die Aufmachung etwas uninspiriert. Saal, Stellwände, fertig. Man weiß ja nie genau, wann und wo die Stadt mit dem Sparen anfängt. Das Figurentheater-Festival wurde ja ganz gestrichen.

Fehlt dir etwas auf der Messe, das du noch unbedingt reingenommen hättest? Oder hast du eine Idee fürs nächste Jahr?
Das ist immer schwierig zu sagen. Die Organisatoren geben sich schon sehr viel Mühe, alle Themen abzudecken, das muss man schon sagen. Dass die ComFor, die Gesellschaft für Comicforschung, ein Forum bekommt, finde ich sehr gut. Damit werden auch wissenschaftliche Aspekte zum Comic berücksichtigt. Neben der Forschung finden sich aber auch ganz populäre Themen, wie der Relaunch der DC Helden auf dem Comic-Salon.
Ich bin mit der Themensetzung sehr zufrieden, obwohl ich selbst jetzt kein gesteigertes Interesse für Superhelden habe.

Kurze Frage für Nichtwisser: DC? Relaunch?
Entschuldigung. (lacht) DC ist einer der großen Ami-Verlage. Ich sage nur Superman. Die haben jetzt wieder bei der Heftnummer 1 angefangen. Für die Fans ist das ein kontroverses Diskussionsthema.

Wie siehts eigentlich in der Metropolregion aus mit Comiczeichnern? Dazu gibt's ja eine eigene Ausstellung im Kunstmuseum in Erlangen.
Ich bin Leser, also mehr ein passiver Konsument. Es gibt sicher einzelne Künstler hier in der Region, aber von einem sichtbaren Netzwerk oder einem Kollektiv habe ich noch nichts gehört.

Hast du einen Geheimtipp für Einsteigerleser, die bisher noch keine Berührungspunkte mit dem Thema Comic hatten?
Naja, Mickey Maus kennst du vermutlich, nein, Scherz bei Seite. Da muss ich kurz nachdenken. Neben dem Cash-Buch, von dem wir's vorhin schon hatten, war letztes Jahr "Baby's in black", von Arne Bellstorf extrem gut. Ist im "Reprodukt Verlag" erschienen. Es geht um die Zeit der Beatgeneration und um den ersten Bassisten der Beatles, der damals in Hamburg geblieben ist. Ein gutes Stück deutscher Musikgeschichte. Auch handwerklich ganz hervorragend gemacht. Als alter Zombie-Fan muss ich natürlich "Die Toten" empfehlen oder "Endzeit" aus dem Verlag Schwarzer Turm. Ein deutscher Zombie-Manga. Hier auf der Messe kann man es kaufen. Ich hab noch keines, aber ich hab schon mal reingeschaut. Sieht interessant aus.

Wie schaut's eigentlich aus? Sammelst du Autogramme?
Ja, früher hab ich mir schon ab und zu mal eins geholt, aber im Laufe der Jahre hat das ein bisschen nachgelassen.

Wie verlaufen die nächsten Tage?
Messe. Messe, Messe. Schnäppchen, Panels und Vorträge. Die Ausstellungen anschauen natürlich. Und am Samstag auf die Comicbörse. Wenn die anderen in den Kneipen sind, sagen wir mal im Schwarzen Ritter, der Legende unter den Festivalbesuchern, schlafe ich schon brav. Ich muss ja fit sein, um über die Messe wandern zu können.

Mehr über den 15. internationalen Erlanger Comic-Salon finden Sie hier.